Lothar Rilinger schreibt über Paris, zweifelsohne eine der Kulturmetropolen Europas. Doch wer einen Reiseführer erwartet, wird bald eines besseren belehrt. Schon nach wenigen Seiten ist gut – hier geht’s um mehr. Den Beginn macht ein höchst symbolisches Bild, das vor aller Augen steht, doch Rilinger berichtet nicht davon – er deutet es aus: Im Bogen des Arc de Triomphe, auf den leicht ansteigend die Prachtstraße Champs Elysees zuläuft, ist kein einzigesGebäude sichtbar – nur der Himmel. Das war so gewollt, und zwar von Anfang an. Der überdimensionale Triumphbogen ist umbaute Transzendenz. Und nicht umsonst steht diese Impression am Eingang dieses Buches – auf unterschiedliche Weise wird der Autor mehrfach auf sie zurückkommen.
Französischen Lesern wäre diese Interpretation des napoleonischen Kriegerdenkmals wahrscheinlich klar, aber dieses Buch, in dem sich ein ganzes Themenspektrum öffnet,ist für deutsche Leser geschrieben. Der titelgebende „Fluchtpunkt der Gedanken“ ist indessen Gott – das darf als Ergebnis der Lektüre hier schon vorweggenommen werden. Aber der geistige Weg hin zu dieser Geistlichkeit, den Rilinger wählt, ist höchst interessant und originell. Zwei kurze Abschnitte zur jüngsten Geschichte der Stadt aus deutscher Sicht machen den Anfang. Behandelt werden der General und Widerstandskämpfer Carl Heinrich v. Stülpnagel und Ernst Jünger – ein weltanschauliches Spannungsverhältnis tut sich auf, aber Rilinger zeigt, dass hier kein Widerspruch besteht.Beiden Protagonisten ging es von ihrer jeweiligen Position aus um den Frieden.
Wohlgesetzt sind die Themen auf dem Weg zum abschließenden Abschnitt. Zunächst geht es um Menschenrechte. Herausgehoben sei hier pars pro toto die Überlegung, dass es in Frankreich einen „volonté générale“ gibt, in dem durch die jeweiligen Eliten festgelegt werden kann, für wen welche Menschenrechte gelten. Dies steht zumindest im indirekten Gegensatz zu den Menschenrechten der Vereinten Nationen, die seit 1948 – und noch ist es so – den Gottesbezug kennen. Doch Rilinger sieht hier einen Nukleus für manches weltweite Unheil. Denn vom französischen „volonté générale“ führt dann ein direkter Wunsch zum Existentialismus eines Jean-Paul Sartre, bei dem der Mensch der Schöpfer seiner selbst ist und keine ewigen Werte mehr kennt – für den Rezensent war diese Sicht der Dinge bahnbrechend. Der Existentialismus als gigantischer Irrtum, als neue Hybris des Westens, als neuer Turmbau zu Babel. Aber ist das nicht zu dick aufgetragen? Nun, lesen Sie Rilinger!
Nicht weniger wichtig – ja, schockierend – ist die Information, dass durch Sartres Sicht auf die Freiheit des Menschen, die keinen Gott kennt, auch der Weg zur Pädophilie auf eine neue, unheilvolle Weise geistig neu geebnet wurde. Das hatte in den 1980er Jahren – mindestens bis dann – Wirkung auf die deutsche Partei „Die Grünen“ und das nahtlos an sie anschließende linksextreme Spektrum. Sex mit Kindern, Mädchen wie Jungen, gehörte zu ihrem Programm, und ja, dabei handelt es sich um knallharten Kindesmißbrauch.Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch daran, dass Sartream 4. Dezember 1974 den inhaftierten RAF-Mitgründer Andreas Baader im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim besuchte – ein maximaler Tiefpunkt europäischer Geistesgeschichte. Zwar erwähnt Rilinger diese Episode deutscher Nachkriegsgeschichte nicht, aber dem kundigen Leser ist sie im Gedächtnis.
Natürlich darf der Eiffelturm nicht fehlen. Rilinger plaziert seine Erwähnung am Beginn seines dritten hinführenden Kapitels, das dem Laizismus gewidmet ist. 1889 wurde dieses Bauwerk eingeweiht – ja, richtig gerechnet: 100 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, dieser vermeintlichen Revolution, die in sich bis heute ein Propaganda-Produkt ist, weil sie in Wirklichkeit ein völliger Fehlschlag war, was hier aber nur am Rande bemerkt sei. Von diesem Turm des Gustave Eiffel, der alle sakralen Bauwerke der französischen Hauptstadt weit überragt und den Zeitgenossen wie ein Turm zu Babel erschien, schließt Rilinger höchst hellsichtig auf Jean-Paul Sartre und den Menschen, der sich selbst erschafft – das ist wirklich höchst lesenswert! Diese Passage lohnt auch deswegen, weil der Autor hier sehr aktuelle Beispiele bringt. Nicht genug kann es betont werden: dies ist kein Buch über Paris, sondern für ein tieferes Verständnis des römisch begründeten, aus der griechischen Antike gespeisten, auf dem Hügel Golgatha fußenden Abendlandes.
Die 20 Seiten vor dem Abschnitt über das Christentum sind dessen Gegenwelt gewidmet. Raffiniert führt Rilinger seine Leserschaft zunächst zum Einkaufen, neuerlich „shoppen“ genannt, in die Boutique von Hermès in die Rue Faubourg St. Honoré, beschreibt den schwelgerischen Lebensstil des neuen, laizistischen, wohlhabenden Menschen, der keinen Gott mehrbraucht, und leitet dann anhand der Gebäude, die er beschreibt, der Grande Fassade de Paris, nahtlos über zu einem Menschenbild des Transhumanismus, das auf einem hier zu findenden, entgöttlichten Boden sprießen kann. Rilinger wörtlich auf Seite 163: „Das atheistisch-mechanische Weltbild steht somit dem jüdisch-christlichen konträr gegenüber.“ Für diese Entwicklung, die sich auch in der EU durchzusetzen beginnt – erwähnt wird der Matic-Bericht –, nennt er als aktuell Verantwortlichen einen wohlbekannten Namen: Emanuel Macron. Dieser Abschnitt ist geradezu Sprengstoff für die aktuellen Diskussionen rund um KI und § 218 hierzulande, und er birgt eine sehr wichtige Argumentationslinie für alle, denen das Abendland noch nicht gänzlich egal ist.
Das abschließende, quasi krönende Kapitel des Buches hat das Christentum zum Thema. Es enthält in konzentrierter Form Nachrichten, die uns Rilinger mitteilen möchte. Durch die hinführenden Kapitel sind wir informiert – oder besser: gewarnt. Zunächst stellt der Autor fest, dass für die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc eine grobe Dissonanz gibt. Sie war der katholischen Sache verpflichtet und gab dafür ihr Leben, doch die revolutionäre Realität, die in Frankreich seit 1789 herrscht, hat sie vereinnahmt. Rilinger zeigt auf, wie brüchig und in sich unlogisch die gedankliche Brücke ist, über die eine zutiefst national bewegte wie romtreue, junge Heldin zur Ikone einer brachial-atheistisch agierenden Revolutionsbewegung wurde. Die Zweifel in diesen Ausführungen sind überzeugend, fast schon ist es ein Denkmalssturz der Revolutionsikone.
Der folgende Abschnitt im Kapitel Christentum präsentiert sich als starker Kontrast. Er ist schlichtweg wundervoll, fällt thematisch aus dem Rahmen – und zeigt zugleich: auch dies ist eine kulturelle Facette der wahrlich großen Metropole Paris. Worum geht es? Um ein Gemälde des italienischenRenaissancemalers Fra Angelico, „Le Calvaire avec saint Dominique“. Die Beschreibung dieses Meisterwerkes an sich ist bereits eine literarische Trouvaille, und sie dürfte um ihrer Thematik willen bewusst an dieser Stelle des Buches plaziert sein. Es geht um nicht weniger als um das Erlösungswerk Jesu Christi schlechthin, um seinen Tod am Kreuz um unserer Sünden willen. Der Louvre wird en passant als ein Kulturschatz von überörtlicher, ja, kontinentaler Bedeutung beschrieben, der schlechterdings keinen besseren Standort als eine Metropole wie Paris haben könnte.
Und dann geht es um Notre Dame – endlich ist der thematische Bogen des Buches dort angekommen, wo es die dem Arc de Triomphe innewohnende transzendentale Illusion bereits angedeutet hatte. Ohne dass es explizit gesagt wird, zielt das ganze Buch auf das geistliche Herz der Stadt, die Kathedrale, die „Mutter Europas“ hin. Mit großem Befremden nimmt Rilinger dabei zunächst den enormen Besucherandrang in Notre Dame zur Kenntnis und versteigt sich vielleicht ein wenig, wenn er fragt, ob der katastrophale Brand der Kathedrale vom 15. April 2019 ein Selbstmordversuch der Kirche angesichts überbordender Besucherzahlen gewesen sei. Stünde hier nicht besser die erfreuliche Tatsache im Mittelpunkt, dass die „Mutter Europas“ begeistert besucht wird – von wem auch immer?
In Notre Dame ist unbeschadet aller Besuchermassen der Himmel zu finden. Und eben nicht auf der gottfernen Monumentalstraße Champs Elysees, wo der Arc de Triomphe von einem Machthaber in Auftrag gegeben wurde, der scheitern mußte: Napoleon Bonaparte. Auf geistlicher Ebene sind es die Lehren und Forderungen des ursprünglich aus einer jüdisch-polnischen Familie stammenden Kardinals Jean-Marie Lustiger, Erzbischof von Paris, die Rilinger als Ausgangspunkt für seine inhaltliche Zusammenführung des Bandes nimmt. Den Leser nimmt er direkt mit hinein in einestille, andächtige Kathedrale, und hier erklärt er einmal mehr und mit großer Deutlichkeit, wie fatal und letztlich menschenverachtend der Transhumanismus ist, der letztlich aus dem Existentialismus entsprang und im 21. Jahrhundert eine Vielzahl von Wirkungen entfaltet: bei der angenommenen sexuellen Diversität, beim postulierten Recht, das Geschlecht selbst zu wählen, bei der Verführung von Kindern zu sexualisiertem Denken in diesem Sinne und schließlich in allen politischen Parteien, die diese Irrlehren vertreten oder vertraten. Ein wichtiges Signal!
So kurz wie eindrücklich schließlich der Hinweis, dass der über Jahrhunderte gehende Bruderkrieg zwischen Deutschen und Franzosen mit einer Heiligen Messe beigelegt werden konnte, die in Notre Dame gefeiert wurde und an der unter anderem Charles de Gaulle, Robert Schumann und Konrad Adenauer teilnahmen. Benedikt XVI. bildet dann den inhaltlichen Schlußpunkt dieses bemerkenswerten Bandes. Dieser – hoffentlich – zukünftige Kirchenlehrer hat speziell den Franzosen klar gegenüber umrissen, wie schädlich ihre absolut gehandhabte Trennung von Staat und Kirche ist. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, welcher Anstrengungen es bedarf, damit die jüdisch-christliche Idee Europas in eine gute Zukunft getragen werden kann.
Diesem wichtigen Buch sei eine breite Leserschaft gewünscht, wobei zu hoffen ist, dass der Titel kein Hindernis darstellen möge. Schließlich geht es um das höchst gefährdete Abendland insgesamt, von einem seiner Kulminationspunkte, von einer seiner ältesten Metropolen aus betrachtet. Es geht um Ansatzpunkt für eine christlich-jüdische Zukunft für den Kontinent Europa, der zugleich wehrhaft und doch auch tolerant anderen Religionen gegenüber sein soll. Das alles wird mit der Formulierung „Fluchtpunkt der Gedanken“ fast schon versteckt. „Gedanken aus dem Brennpunkt eines gefährdeten Kontinents“ – das wäre vielleicht eine Idee, wie der Titel hätte lauten können, denn um nicht weniger geht es. Und genau deswegen ist dieses Buch angesichts der aktuellen politischen Verwerfungen eine Pflichtlektüre! Zumal die Ideen und Handlungsmaximen, die Rilinger aufzeigt, recht konkret und praktikabel sind. Europa braucht mehr Menschen, die den so wohlgeordnet gesammelten Gedanken von Lothar Rilinger folgen und die danach handeln.
Lothar Rilinger, Paris: Fluchtpunkt der Gedanken, Aachen 2026, broschiert, 260 Seiten, ISBN: 978-3-8107-0407-8, 22 Euro.

