Serhij Zhadan erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022

paulskirche frankfurt deutschland kirche religion, Quelle: rotbart94, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den ukrainischen Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Musiker Serhij Zhadan zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es:

»Wir ehren den ukrainischen Schriftsteller und Musiker für sein herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft. In seinen Romanen, Essays, Gedichten und Songtexten führt uns Serhij Zhadan in eine Welt, die große Umbrüche erfahren hat und zugleich von der Tradition lebt. Seine Texte erzählen, wie Krieg und Zerstörung in diese Welt einziehen und die Menschen erschüttern. Dabei findet der Schriftsteller eine eigene Sprache, die uns eindringlich und differenziert vor Augen führt, was viele lange nicht sehen wollten. Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.«

Zhadan erhält mit dieser renommierten Auszeichnung einen Friedenspreis, keinen Literaturpreis. Er wird damit für sein außergewöhnliches Engagement für Frieden und Demokratie in der Ukraine anerkannt. Er steht damit in einer Reihe mit Albert Schweitzer, Romano Guardini, Martin Buber, Karl Jaspers, Vaclav Havel oder Jürgen Habermas, die vor ihm diesen Preis erhielten.

Bereits bei der Orangen Revolution im Jahr 2004 war Zhadan als überzeugter Friedensaktivist engagiert. Bei den Protesten des Euromaidan marschierte er zehn Jahre später in vorderster Front mit. Seit dem Einmarsch der russischen Truppen im Februar 2022 leistet er in seiner Heimatstadt Charkiw humanitäre Hilfe für Kriegsopfer, Flüchtlinge oder Verfolgte.

 Kurzes biographisches Porträt 

Serhij Zhadan wurde am 23. August 1974 in Starobilsk (Oblast Luhansk) geboren. In der Kindheit zog er mit seinen Eltern nach Charkiw und studierte dort Literaturwissenschaft, Ukrainistik und Germanistik. In diesen Fächern promovierte der mit einer Arbeit über den ukrainischen Futurismus. Literarisch fühlt er sich auch dieser Literaturgattung verbunden. Seine großen literarischen Vorbilder sind allerdings Gogol und Paul Celan.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts besuchte er die deutschsprachigen Länder, Deutschland, Schweiz und Österreich. Zwei weitere Faktoren förderten seine Fähigkeiten der deutschen Sprache: er absolvierte ein Germanistikstudium und übersetzte mehrere deutsche Gedichtbände in die ukrainische Sprache. Seine literarische Vorliebe für die Lyrik von Paul Celan vertieften sein deutsches Sprachvermögen. So ist es sicherlich kein Zufall, dass er schon im Jahr 2006 mit einem deutschen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Er erhielt den Hubert Burda Preis für junge Lyrik. In den folgenden Jahren veranstaltete er deutsch-ukrainische literarische Austauschprogramme an der Goethe-Universität Frankfurt, sprach auf der Leipziger Buchmesse und war regelmäßig beim Internationalen Literaturfestival Berlin beteiligt. Mittlerweile spricht Zhadan recht gut Deutsch, so dass Interessierte im Internet zahlreiche Interviews mit ihm in deutscher Sprache hören können.

Die Romane von Serhij Zhadan

In seinem literarischen Gesamtwerk sind Romane, Lyrik und Erzählungen sehr ausgeglichen vertreten. In deutscher Übersetzung sind im Suhrkamp Verlag mehr als zehn Bücher erschienen, darunter fünf Romane. Am bekanntesten sind „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ (dt.2012), „Mesopotamien“ (dt. 2015) und „Internat“ (dt.2018). Sein Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ wurde 2014 von der BBC als bestes ukrainisches Buch des Jahrzehnts (von den besten Büchern der Jahre 2005 bis 2014) ausgezeichnet.

Der Lyriker Serhij Zhadan

Aktuell sind im Suhrkamp-Verlag drei Gedichtbände von Zhadan in deutscher Übersetzung lieferbar – „Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts“ (dt. 2006), „Warum ich nicht im Netz bin“ (dt. 2016) und „Antenne“ (dt. 2020). Die beiden letztgenannten Gedichtbände sind beeindruckende Antikriegs-Lyrik, es sind Gedichte gegen den Krieg, wie sie schon lange nicht mehr geschrieben wurden (Csef 2022). Trotz aller leidvoller Tragik atmen die Gedichte von Serhij Zhadan doch viel Hoffnung auf die Zukunft seines Heimatlandes Ukraine. Er bleibt nicht in einer pessimistisch-melancholischen Negativität stecken, wie sein lyrisches Vorbild Paul Celan. Dieser war viele Jahre sehr depressiv. Zhadan hingegen ist ein aktiver Kämpfer-Typ, der sich nicht so leicht abschrecken und einschüchtern lässt. Sein Prinzip Hoffnung wird besonders spürbar, wenn er über die Zukunft der ukrainischen Kinder schreibt.

Übersetzungen 

Ein wichtiger Beitrag von Serhij Zhadan für Friedens- und Vermittleraktivitäten ist sein Engagement in Literaturübersetzungen. Hier kommt ebenfalls sein großes Sprachvermögen zur Geltung. Er spricht neben seiner Muttersprache Ukrainisch eben auch Deutsch, Belarussisch und Russisch. Literarische Werke aus diesen drei Ländern hat er in die ukrainische Sprache übersetzt. Damit ist er Vermittler und Brückenbauer für die drei genannten Sprachräume. Seine vielfältigen internationalen Aktivitäten in Deutschland und Österreich haben ihn in Europa bekannt gemacht. Er ist seit Jahrzehnten ein überzeugter und überzeugender Europäer.

Zukunft und Hoffnung

Serhij Zhadan ist ein Mann der Taten und der Worte. Seine Brillanz und sprachliche Ausdruckskraft haben ihn längst als Meister der Worte ausgezeichnet. Sein jahrzehntelanges Engagement für Frieden, Freiheit und Demokratie zeigt ihn als verantwortlich Handelnden. Für die Zukunft seines Heimatlandes setzt er tagtäglich sein Leben aufs Spiel. Die Fahrten in Hilfskonvois in der Ukraine während des Krieges unter russischem Beschuss sind lebensgefährlich. Insofern liegt eine große Hoffnung darin, dass er unversehrt im Oktober in der Frankfurter Paulskirche seinen wohlverdienten Preis in Empfang nehmen kann.

Literatur:

Andreas Breitenstein, Die Lehre vom Krieg – Serhij Zhadan begibt sich ins Innere der Kampfzone des Donbass. Neue Zürcher Zeitung vom 18. Mai 2018

Herbert Csef, Gedichte gegen den Krieg – Der ukrainische Lyriker Serhij Zhadan. Tabularasa Magazin vom 31. März 2022

Herbert Csef, Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan im Kampf für Freiheit und Demokratie.Tabularasa Magazin vom 13. April 2022

Serhij Zhadan, Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006

Serhij Zhadan, Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. Suhrkamp, Berlin 2012

Serhij Zhadan, „Später wird es einmal Krieg heissen.“  Neue Zürcher Zeitung vom 29. August 2014

Serhij Zhadan, Mesopotamien. Roman. Suhrkamp, Berlin 2015

Serhij Zhadan, Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte aus dem Krieg. Suhrkamp, Berlin 2015

Serhij Zhadan, Internat. Roman. Suhrkamp, Berlin 2018

Serhij Zhadan, „Wir haben unser Land nicht gefühlt.“ Interview mit Inga Pylypchuk. Die Welt vom 13. März 2018

Serhij Zhadan, Antenne. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2020

Serhij, Zhadan, Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen. Spiegel vom 18. März 2022

Serhij Zhadan, „Wir leben für die Ukraine weiter.“ FAZ vom 27. März 2022

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Email: herbert.csef@gmx.de

 

Über Herbert Csef 114 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.