Theater des Lebens: Malerei von Sofia Timofeeva in der „Europäischen Janusz-Korczak Akademie“

Bildkompositionen in mal kräftigen, mal dahin schwindenden Farbtönen, auf deren Fläche sich die Konturen edler stilisierter Figuren abheben. Paare in eleganter Garderobe beim abendlichen Spaziergang im Mondschein oder bei einem Tango mitten im Straßenbild vor den Augen eines Saxofonisten festgehalten, der sie mit dem verführerischen Klang seiner Musik begleitet. Weibliche Gestalten, allein mit ihrer Zigarette, oder auch Gruppenbilder, in denen jeder für sich steht, in eigenen Gedanken versenkt oder vor sich ins Leere blickend. Schauspieler und Schauspielerinnen wie ätherische Erscheinungen zwischen Illusion und Wirklichkeit oder wie Standbilder, die sich in Menschen verwandeln, halb Lebewesen halb Allegorie. Einsame Figuren aus einer anderen, oft undefinierbaren Zeit in ihrer Leichtigkeit vor Hintergründen schwebend, die sich perspektivisch hinter ihnen öffnen: meistens architektonische Gebilde, die wie wechselnde Kulissen auf einer surrealen Bühne wirken. Öl/Acrylgemälde aus einer Traumwelt, die auf Anhieb die Herkunft der bekannten Malerin verraten. Die 1948 in Leningrad (heute wieder St. Petersburg) geborene Sofia Timofeeva zählte in der Tat – bis zu ihrer Auswanderung in den Westen im Jahre 1994 – zu den bekanntesten Bühnenbildern der Sowjetunion.
Das Leben als Bühnengeschehen, als „Welttheater“ zum Greifen nah, vor allem in jenen Bildern, denen Venedig als Kulisse dient, die Stadt, die „nur noch im Land der Träume“ existiert. Venedig als Sinnbild einer nie zu stillenden Nostalgie, die allein Menschen empfinden, die notgedrungen den Ort ihrer Geburt verlassen mussten und ein Leben lang das verlorene Paradies in einem Niemandsland der Phantasie weiter suchen. Nostalgie, die in dem bewegten Jahrhundert, das wir hinter uns gelassen haben, oft eine gemeinsame sprachliche Heimat hatte – man denke nur an Chagall oder an Brodsky –, nämlich Russisch. Ein Protagonist dieses emotionsgeladenen „Theater des Lebens“, das Sofia Timofeeva mit großer Sensibilität in ihren Bildern heraufbeschwört, ist vielleicht ihr alternder Casanova im schwarzen Radmantel mit Gehstock und Maske, der – eine niedliche kleine Dame im weißen Rokoko-Kostüm wie eine Puppe am Arm mit sich zerrend – an der prunkvollen Silhouette seiner Heimatstadt vorbeizieht: ein Casanova – könnte man meinen – auf der Flucht, der selbst zur Personifizierung einer uferlosen Sehnsucht wird.
Zu sehen ist die Ausstellung der in München lebenden Künstlerin bis zum 28.2.2013 in den Räumen der „Europäischen Janusz Korczak Akademie“, einer Bildungseinrichtung, die sich seit ihrer Gründung im Jahre 2009 „auf die Spuren des Traums“ des berühmten polnisch-jüdischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak begibt und im dessen Sinne die „Reparatur der Welt“ durch Bildung und Erziehung anstrebt.
www.ejka.org

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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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