Band 1: Gedichte.
Im Zweifel für die Liebe
die es vielleicht gibt und mit ihr die Leidenschaft, in der Beruf und Alltag kaum Platz haben. Dass beides uns großräumig beherrscht, macht die Mühen der Existenz, denen sich diese Gedichte ganz widmen. Die Formen, Prägungen, Widerstreitigkeiten, der Fluss ihrer ständig wandelbaren Nuancen; hier reicht es nicht, sich für oder gegen Reime zu entscheiden, hier zählt vielleicht mehr, was übereinstimmt. Das betrifft einerseits die Wortgruppen im Gedicht, andererseits die Gruppe der Lyriklesenden.
Da geht es um die Elemente des Schönen, was uns Sinn schenkt, eine Gleichheit oder Ähnlichkeit mit unseren eigenen Überzeugungen von Ungleichheit und Differenz zu unserer eigenen Bedeutung. Wie die Beziehung der Lyrik und ihrer Leser in den verschiedenen Auffassungen auch aussehen mag, etwas wird notgedrungen immer mit einbezogen. Nennen wir es eine Erfahrung. Ein Gefühl körperlicher Reaktion in der persönlichen Vergangenheit.
Zum Beweis wäre ein Gedicht (auf Seite 130) aufzuschlagen, es zu lesen, und das Gefühl kann bei der Wiederholung der Lektüre ein anderes sein.
Treuer Freund
Lieber treuer Freund
du nimmst den steil geworfenen Ball
mitten aus der Luft nach oben
wo nur mein Staunen hängen bleibt
Die Verse sind für ein Hündchen geschrieben und können einer bewunderten Basketballspielerin gesimst werden, wobei die Hundestreue vielleicht nie anders sein wird.
Menschen sind Lesende mit einer Geschichte plus dem lebendigen oder abgedeckten Verhalten zu ihrer Bedeutung. Menschen nehmen die Welt nie rein passiv wahr – sie entziffern sie wie einen Text, der einen vor rätselhafte Aufgaben stellt. Vor einem Fall, dessen Enträtselung nach Parallelen sucht.
Die Welt, der wir im Gedicht begegnen, besteht aus enträtselten Parallelen. Mit der Frage, wie sich das verhält oder wie das gemacht wird, haben wir das Rätsel schließlich vor uns, dass nichts von sich aus mehr behauptet, sondern Einblick in die Struktur von selbst ist.
An diesem Punkt kann die Begegnung mit einem lyrischen Werk in aller ungestörten Freundschaft sozusagen beginnen. Es ist weder Bedrohung noch Rätsel oder Projektionsfläche für eigenen Schmerz, sondern kann nunmehr als ein Raum der Freiheit erfahren werden. Das organische Wiederfinden des Schönen hierbei, Harmonie und Ganzheit als „Träne auf’s Brot“ (12) oder „treu … / unter dem pennsylvanischen Himmel“ (131), ist der Mühe wert.
Der Bogen, der sich hier spannt, ist biografisch. Die lyrisch freie Form, mit ihren
Erinnerungen, Landschaften, Geschichten und Begegnungen, verweigern sich jeder Form des Ressentiments. Trotz der Erfahrung politischer Verfolgung ist kein Vers auf Anklage ausgerichtet. Sie sind dem Ordnen, den Menschen, den Orten, der Erfahrung, der Mitteilung vor allem gewidmet. Die Motive, die Dinge, sind konkret: Straßen, Bahnhöfe, Flüsse, Bäume, Häuser, Tische, Hunde, Freunde, Landschaften. Die Welt seiner Gedichte ist konkret. Die Mitteilung der persönlichen Wahrnehmung erst verläuft unterschiedlich zusammengestellt, wo das Synchrone wegfällt, wo nichts auf denselben Nenner hinausläuft. So gehört Misstraue den Abschieden bereits vom Titel her zur Tradition der Warngedichte, die zentrale Erfahrung des Fremdseins weist es zudem als Elegie aus.
MISSTRAUE DEN ABSCHIEDEN
Misstraue den Abschieden an den Zügen.
Es ist nur ein Spiel.
Der Abschied hat schon begonnen
mit dem ersten Augenaufschlag.
Gegenstand ist der auf sich zurückgewordene, einsame Mensch an einem geselligen Ort. Es ist, ließ sich sagen, fast grundlegend in Rachowskis Werk, auf eine persönliche Erfahrung zurückzugreifen. Stets erscheint das Historische als Bild und fern des verletzenden politischen Kommentars. Es ist dafür eng geknüpft an die existentiellen Erfahrungen geschehener Geschichte. In den prächtigen Gedichten dieses Bandes trägt alles, ein verschwundenes Haus, eine Brücke, eine nicht mehr existierende Straße, ein wieder aufgesuchter Ort, diese Erfahrung mit ihren „unmöglichen Metaphern“ in sich.
Die Liebe liegt weit hinter
dem Abschied zurück.
Die kollektive Bestandsaufnahmen des Außenseiters, der es nicht schafft, dabei zu sein, steht in knappen nüchternen Versen.
Immer sind es die anderen, sie fahren
und du bleibst am Bahnsteig stehen.
Im Fazit erst wird es zur dramatischen Handlung.
Aber dein Abschied geht ihnen
wie ein Schlusslicht voraus.
Das Schlusslicht, das gewöhnlich am Ende steht, geht hier voraus. Der Abschied erscheint dadurch als Vorzeichen eines Endes, das den Wegfahrenden vorauseilt. Es ist eine zeitlich weit zurückgreifende Warnung, noch dem geringsten die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Die Erinnerung an etwas Übersehenes kann in die Tiefe stürzen.
Die wenigen Zeilen des Gedichts behandeln viel, Missbrauch aus Zeitvertreib, Gefühllosigkeit, Uneinsichtigkeit, kollektive Verdrängung, und wenn man es so lesen will, den archimedischen Punkt einer Biografie.
Verfolgt man ihn weiter, führt er vom Vogtland über Polen nach Amerika und Afrika. Der finale Bahnhof kommt fortan nicht mehr vor. Er wird in der historischen Entdeckung verwandter Schicksale zu finalen Brücke. So in den Gedichten über den Dichter Jósef Czechowicz, der, durch sein Schicksal in einer tragischen Zeit, in der Gemeinschaft die Rolle des unantastbaren Gutes innehat.
Auffällig ist die zunehmende Flut an Freundschaften. Weggefährten, Dichterfreunde, Übersetzer, Unterstützer, Nachbarn, treten immer wieder in eigener Originalität auf.
In Rachowskis Poetik entsteht Identität nicht aus Selbstbehauptung, sondern aus Begegnungen und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen.
DER DICHTER JOZEF CZECHOWICZ AUF DEM WEG ZUM FRISEUR
(Lublin, 9. September 1939)
Wenn sie kommen
Geh hinüber
Auf die andere Seite
Wie es sich gehört
Den Freunden die
Bleiben winke zu
Die Bombe
Wiegt nicht schwer
Gegen den Leichtsinn
Ein Dichter zu sein
Auf die andere Seite
Geh hinüber!
Wie es sich gehört
Wenn sie kommen
Die kommen sind
Unter uns geh hinüber
Wer oder was spricht hier? Es richtete die Totale auf den Alltag und die alltägliche Attitüde, un das mächtiger als die Fatalität mörderischer Politik, die ihn tötet. Auf gefährdete Charakterzüge. Auf ein handlungsunfähiges Kollektiv. So scheint es. Sicher ist auch, dass der Mensch, dass Jósef Czechowicz in diesen Versen nicht weiterlebt, weil an ihn erinnert wird, sondern weil er in seiner Ursprünglichkeit erscheint. Nirgends tritt vielleicht das Ursprüngliche wie auch im zweiten Czechowicz-Gedicht, dass mit großer Empfehlung im Band nachzulesen ist. Aber ist es Czechowicz selbst, der spricht und ein Chor, der zuspricht und kommentiert? Sind es die traumatisierenden Biografien der Wegfahrenden aus dem finalen Bahnhof. Sind es die misstrauende Stimmen oder wer setzt mit welcher Erfahrung ein?
Sie beherrscht ebenso die Gedichte über die Liebe wie in folgenden Versen, die uns von der persönlichen „Träne“ in den machtideologischen Raum der richtigen oder falschen Tränen versetzen.
[Ohne Titel]
Bruder wenn
deine Liebste
noch schläft
hinter Glasziegeln
ich hab es gehört
um Vier Uhr in der Früh
in Karl-Marx-Stadt
lassen sie
die Motoren an.
Die Gefährder dieser Liebe sind die gleichen wie heute in Teheran oder in Moskau, die jeden außerhalb ihres Fundamentalismus mit dem Tod bedrohen. Diesen blutigen Meridianen radikal („wie alle sanften Seelen“) entgegengesetzt, geht das Thema der Ursprünglichkeit vollständig auf in den Gedichten des universalen Alltags mit der Hundedame Suki; ausgewählt als elementarer Höhepunkt des Bandes. Wer hier lediglich Tiergedichte erwartet, unterschätzt ihre poetische Reichweite.
Zum Beispiel eines kleinen gelben Balls, der am Ende sich als der wahre Mond die ganze Zeit herausstellt. Wieder ist die Aufmerksamkeit auf das Geringste im Spiel. Wenn Glück, wie im gleichnamigen Gedicht, überhaupt etwas Geringes ist.
GLÜCK
Bevor ich dich kannte
Wusste ich nicht
dass Glück
schwarz und weiß
sein kann
und in deinem Fall
lange Ohren hat
Vielleicht heißt
Suki
in der Hundesprache
womöglich
nichts anderes.
Die Gedichte um Suki zu ihren Lebzeiten sind so beeindruckend in ihren lebendigen lehrreichen Varianten wie nach ihrem Tod.
AUS DER FERNE
Ich saugte gerade
Staub
da kam sie
die Nachricht
die ich so lange
gefürchtet
mein Hündchen Suki
seit tot
Es liegt jetzt
begraben
in Gettysburg
mit seinem gelben Ball
[…]
aber schon am Abend
bei zunehmendem Mond
sah ich ihn jagen
auf Schneewolkenwiesen
[…]
sehr weit oben grüßte er
erstmals den Mond
erwartend den großen Ball
Diese Alltagserfahrungen mit einem Hund werden Rachowski zur Gestalt bedingungsloser Nähe und zugleich zur Verarbeitung von Vergänglichkeit.
Gerade in den Gedichten nach Sukis Tod verwandelt er Trauer in eine sinnhafte Meditation über Liebe, Erinnerung und Fortdauer, wofür sich der Himmel als zentraler Ort der Hinwendung öffnet.
Die wiederkehrenden Motive des gelben Balls, des Schnees, des Himmels und des Magnolienbaums entwickeln eine bisher fehlende mythische Dimension. Weil Rachowski grundlegend auf Pathos verzichtet, gewinnen die Gedichte um Suki zudem eine enorme emotionale Kraft.
Eine weitere Stärke dieser verdienstvoll gesammelten Gedichte liegt in der sprachlichen Zurückhaltung. Rachowskis Gedichte drängen nicht, meiden grellen Effekt, modische Pointe, kalkulierte Provokation. Sie sind geprägt von präziser Beobachtung und der lyrisch eigenständige Wiederaufnahme von Motiven. Rachowski vertraut ganz der Tragfähigkeit von Erfahrung und der Genauigkeit des Bildes.
Diesen ersten Band mit gesammelten Gedichten zeichnet eine bemerkenswerte Geschlossenheit aus. Bei allen Themenwechseln, veränderten Lebensorten, dem biologischen Tod von Freunden, dem schmerzhaften Verlust der Mutter, dem Verwehen politischer Systeme, bleibt die Grundbewegung, der rote Faden: das Festhalten dessen, was zu wirklich verschwinden droht. Dies zu verteidigen: die Menschen, die wertvollen wie rätselhaften Erinnerungen an sie. Die Landschaften, die Sprache, die poetische Stimme, was der Zeit Wert verleiht, vor dem Vergessen zu schützen.
Womöglich liegt darin ihre moralische wie poetische Bedeutung. Der Rezensent glaubt das. Dokumentiert dieser erste Band ja doch nicht nur die prägende Entwicklung eines Autors, sondern eine lyrische Chronik ostdeutscher Erfahrung, europäischer Erinnerung und darüber hinaus menschlicher Verbundenheit.
Im Ganzen erinnern diese mit glücklicher Hand des Herausgebers Daniel Argelés versammelten Gedichte und einem ausgezeichnet gegliederten Anhang daran, dass Literatur neben Neuem auch Bewahrendes leisten kann. Gerade in dieser Epoche schneller Empörung und kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen wirkt Rachowskis Poetik überraschend aktuell. Sie zeigt, dass das Gedicht noch immer ein Ort sein kann, an dem Menschen, Orte und Erfahrungen wie ewig lebendig überleben.

Utz Rachowski, Gesammelte Werke in drei Bänden, herausgegeben von Walter Schmitz und Daniel Argelés
Band 1 Gedichte. Herausgegeben von Daniel Argelés
Thelem Universitätsverlag und Buchhandlung Dresden und München 2026,
394 Seiten, 38,80. ISBN 978-3-95908-631-8
