Schnegerer und Kripperer – Brauchtum vom 1. Advent bis Mariä Lichtmess

Reinhard Kriechbaum: „Tannenbaum und Bohnenkönig“. Geschichten und Bräuche rund um Advent und Weihnachten, 256 Seiten, reich illustriert, 19,95 Euro, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2018, ISBN 9 783702 509088

Dieses Buch hat ein sympathisch handliches postkartengroßes Querformat. Allein wegen seinem viereckigen ausgesparten Fensterl im Cover fällt es auf. Dort steht „Tannenbaum und Bohnenkönig“ als ebenso attraktiver wie ein bisserl rätselhaft anmutender Titel. Genauso hätte da stehen können „Hausvaterle und Paradeisl“ oder „Klöpfelnacht und Kranewittern“ oder „Haberlgoas und Arschpfeiferlreiter“ oder „Schnegerer und Kripperer“. Dieser mögliche Buchtitel wär dann zugleich die Überschrift eines ganzen Abschnitts des vorletzten der insgesamt 12 Kapitel von unterschiedlicher Länge und Bedeutsamkeit. Schnegerer kennt, so mutmaßt der Autor, kaum jemand außerhalb des Salzkammerguts oberösterreichischen Zuschnitts. Rund um Bad Ischl und Ebensee heißen so die Krippenbauer. „Schnegern“ bedeutet so viel wie „Schnitzen“. Das „heimatgebundene religiöse Brauchtum“ der „Kripperer“ verschwistert sich, wie etwa im (oberbayerischen) Rupertiwinkel, mit dem Kripperlschaun, was „drenterhalb“ der Salzach und dann noch weiter südlich bis in die österreichischen Alpen hinein „Kripperlroas“ heißt.

Das Bewundern häuslicher Krippenkunstwerke auf solchen, zum Beispiel noch im Tirolerischen üblichen „Krippenroasn“ – die figürlichen Schnitzereien müssen ja nicht gleich derart ausladend sein wie bei der Stüger Landschaftskrippe (von der eines der vielen beigegebenen Farbfotos zeugt) – bei Hausbesuchen in der Vorweihnachtszeit tat den ehrgeizigen „Kripperern“ schon immer gut. Sie bedankten sich oft recht schön fürs nicht gesparte Lob oder für die paar in die Materialkasse gespendeten Euro mit einem Schnapsl. In Tirol, so weiß Kriechbaum, stößt man nicht mit „Prost“ an, sondern mit „Gloria“.

Dass sich die eher dörflich als städtisch gebundenen „Kripperlroasn“ touristisch ausbauen lassen – darauf sind in letzter Zeit viele Gemeinden gestoßen. Sie bieten, geschäftstüchtig wie sie nun mal sind, in den Tagen nach Weihnachten bis Maria Lichtmess sogenannte Krippenwege als „Events“, nicht selten und tendenziell immer mehr regelrecht geführte Krippenwanderungen an. Da werden „Krippen im Schaufenster von Geschäften präsentiert“. „Schaukästen auf Weihnachtsmärkten sind üblich geworden“, notiert der Autor, nicht ohne am Ende einen kurzen Abstecher in die von seinem Standort Salzburg aus fernen Münster- („Krippkes kieken“) und Rheinlande („Krippkes luren“) zu riskieren. Dort geht man „nicht in Privathäuser“, sondern zieht „von Kirche zu Kirche, um die Krippen zu bestaunen“.

Reinhard Kriechbaum ist – nach dem Muster des Vorgänger-Titels in derselben Aufmachung über „Geschichten und Brauchtum rund um den Jahreswechsel“ – so amüsant und kritisch in seiner informativen Darstellungswese geblieben. Gleich vornweg erklärt er, kein Zensuren verteilender Oberlehrer sein zu wollen – die „schlechten“ (Brauchtümer) ins Töpfchen, die „rechten“ ins Kröpfchen. Das Urteilen über „brauch-bar“ und „un-brauchbar“ seit Jahrhunderten gewachsener und sich stets wandelnder (nicht immer einsichtig) Gepflogenheiten religiöser und/oder profaner Art will seine Sache nicht sein. Lieber setzt er auf die Poesie. So war er erfolg- und erfindungsreich bei der Auswahl von Gedichten und Liedtexten, die jedes seiner Kapitel einleiten. Da wurde er bei Christian Morgenstern ebenso fündig wie bei Rilke, Otto Julius Bierbaum oder Eichendorff, ohne dessen „Markt und Straßen sind verlassen …“ kaum ein Weihnachtsbuch auskommt. Bei Kriechbaum kriegen „Markt und Straßen“ allerdings auch eins vors Schienbein – im Hinblick auf die zunehmenden Randale in der ach, so „staadn“ Zeit.

Ja, und warum steht der „Bohnenkönig“ auf dem Buchtitel? Weil es sich dabei um einen der wohl kulturhistorisch ältesten Bräuche handelt, „die sich um ein Heiligenfest ranken“. Bohnenkönig (für einen Tag) wurde, jedenfalls in der Eifel, wer die listig in einen Dreikönigskuchen eingebackene Bohne fand. 1,5 Millionen solcher seltsam geformten Dreikönigskuchen werden heutzutage, so weiß Kriechbaum, der sich da bei dem Schweizer Brauchtumsforscher Max Währen schlau machte, in der Schweiz alljährlich verkauft, wo das Eingebackene keine Bohne, sondern eine kleine Plastik-Königsfigur ist. „Das Brauchtumsgebäck des Dreikönigstages“, schreibt Kriechbaum, „ist ein süßer Honigkuchen mit einem Mittelstück, auf das eine Krone aus Plastik oder Karton gesetzt wird. Es hat kugelige Randstücke. In diesem Kranz findet sich irgendwo der Königs-Winzling, der die Bohne von früher ersetzt. Als frisch gekrönte Könige dürfen Kinder an diesem Tag in der Familie `regieren`“. So holt der Kommerz das Brauchtum ein. Doch den Kindern sei`s vergönnt, einmal „König“ sein zu dürfen.

 

 

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.