Was bleibt von den 68ern?

Oldtimer, Foto: Stefan Groß

Zu Geburtstagen sollte man besser kondolieren als gratulieren. Denn sie erinnern an die triviale Tatsache, daß man wieder ein Jahr älter und damit hinfälliger geworden ist. Traditionelle Katholiken feiern lieber ihren Namenstag, der sie an Heilige als ermutigende Vorbilder und Schutzpatrone denken läßt.

Einem schwierigen Geburtstagskind wird in diesem Jahr zum fünfzigsten Wie-genfest gratuliert. Es trägt den Namen, pardon: die Ziffer Achtundsechzig. Wer die Eltern dieses Kindes waren, dessen Herkunft vielleicht auf eine Findelkindschaft oder einen Wechselbalg oder auf ein genderideologisches Konstrukt verweist, bleibt ungewiß und somit der Historiographie überlassen. Unsere Vergangenheitsbewältiger, die „raunenden Beschwörer des Imperfekts“, wie Thomas Mann sie nannte, neigen dazu, die vielen aufeinanderfolgenden Individuen in Generationslager einzusperren, so daß „die Achtundsechziger“ als fortwirkende Träger eines permanenten Fortschritts – oder eben auch Niedergangs gelten.

Ich verbitte mir solche Vereinnahmungen und nehme für mich in Anspruch, nicht einmal als Gymnasiast und Student jenen Gesellungen und Gesinnungen beigetreten zu sein, die den 68ern zugeschrieben werden. Nach dem Besuch mehrerer Klassentreffen verfestigt sich der Eindruck, daß hier keine Veteranen ihre Fronterlebnisse austauschen, sondern die kollektivierten Kinder ihrer Zeit mit dem Bade ausgeschüttet wurden und sich im Sande verlaufen haben, um ziemlich schräge Metaphern zu verwenden. In jenen Zeiten, die ich vorwiegend im Kloster Walberberg betend und studierend verbrachte, konnte man freilich schon jenen theologischen Weltgeist verspüren, der vom II. Vatikanischen Kon-zil (1962-1965) ausging, von dem meine alte Tante behauptete, nach dem Konzil sei doch „alles nicht mehr so streng“. Man hatte, wie Karl Kraus über Heinrich Heine und das Feuilleton sagte, auch sprachlich „das Mieder gelockert“.

Es ging also sehr locker zu, damals. Nächtelang wurde politisch-theologisch diskutiert, bei geöffnetem Fenster, um ja nicht die Morgenröte der Weltrevoluti-on zu versäumen, deren Subjekte aber nicht in den einheimischen Arbeitern und Armen, sondern in deren Dritte-Welt-Substituten zu suchen waren. Karl Marx war zwar als Ökonomiker erledigt, aber sein materialistischer Humanismus zog progressive Theologen und Soziologen an, die sich als prophetische Wortführer aufspielten und eine zahlreiche Gefolgschaft erlangten. Ihre pseudoreligiösen Verheißungen politischer Emanzipation von Unterdrückung und Ausbeutung, ihre pathetischen Beschwörungen des „neuen Menschen“ in einer „neuen Gesell-schaft“ klingen heute nur noch naiv und weltfremd. Besonders dann, wenn sie immer noch papageienhaft nachgeplappert werden von Leuten, die längst in Rente gegangen sind und von dem „System“ profitieren, das sie seinerzeit bis aufs Messer bekämpften. Das gilt hinsichtlich des „Kapitalismus“ wie auch für die „sexuelle Befreiung“, die von Leuten wie Oswald Kolle, Beate Uhse und anderen Sexualdemokraten repräsentiert wurden, welche die Folgen ihrer Verhü-tungs- und Abtreibungspropaganda, nämlich die Kinderlosigkeit, nicht am eige-nen Leibe – durch Rentenentzug – erleben durften. „Keine Kinder – keine Ren-te“ ist eine weltgeschichtliche Erfahrung, die den durch eine falsche Sozialpolitik verblendeten Europäern bisher entgangen ist. Ein Kindermangel, der nun durch Masseneinwanderung kompensiert werden soll, führt jetzt schon zu Turbulenzen.

Es ist schade, daß die damals revolutionären Forderungen, nachdem sie teilweise realisiert, nicht vornehmlich von denen erlitten wurden, die sie erhoben. Das hätte doch wenigstens der innerweltlichen Gerechtigkeit oder einem pädago-gisch-politischen Nutzen gedient. Dabei ist nicht einmal klar, was wem genau zuzuschreiben ist. Waren es die Neomarxisten der „Frankfurter Schule“, auf die sich heute kaum einer der damals Progressiven beruft, weil sie – wie Theodor W. Adorno – auf eine gefährliche „Dialektik der Aufklärung“ aufmerksam machten und die Selbstverwirklichungsphrasen kritisierten? Oder Max Horkheimer, dem die Demontage gesellschaftlicher Institutionen, vor allem von Ehe und Familie zuwider war? Dieser Horkheimer, der die 68er „Pillen“-Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) von Papst Paul VI. verteidigte, indem er gegen die Trennung von Sexualität, Liebe und Fortpflanzung Einspruch erhob? Nicht zu vergessen ist der Philosoph Georg Gadamer, dem die systematische Verunglimpfung der Mutterschaft ein Greuel war. Solche Einsichten sollten sich vielleicht auch einige deutsche Bischöfe mal hinter die Ohren schreiben.

Darüber wird – trotz der von Jürgen Habermas, dem ideologischen Idol und Reptil der Achtundsechziger geforderten „herrschaftsfreien“ Diskursethik – kaum noch frei diskutiert. Der antiautoritäre Habitus der intellektuellen Avantgarde, die „vorwärts“ schreiten und gerade nicht als „Elite“ über den Häuptern des Establishments herrschen wollte, hat sich bis zur Unkenntlichkeit in jene regime-treue Herrschaftsergebenheit verkrustet, die durch political correctness und mediale Propaganda krampfhaft ihre alten Privilegien zu konservieren versucht.

Dagegen verwahrt sich inzwischen eine rührige Opposition, die nicht bloß die Argumentationsmuster der Alt-68er aufgreift (gegen politische Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung), sondern sogar noch die Stirn besitzt, sich jene Protestformen anzueignen, die damals, als „die 68er“ politisch-publizistisch erfolgreich vorgingen, das öffentliche Terrain behaupteten. Diese Übernahme ist natürlich aus Sicht der früheren Krawallmacher und Gewalttäter kränkend und unverzeihlich. Aber auch bürgerlich-konservative Kreise sind besorgt. Nun demonstriert man wieder auf Straßen und Plätzen, was die nicht für nötig befinden, die noch über eigene publizistische Foren verfügen. Aber diese sind weithin abhandengekommen. Und es ist kein Verlaß mehr auf Printmedien wie die FAZ und die Kirchenzeitungen.

Die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten haben als Informationsquellen ausgedient, und es bleibt fast nur noch das Internet als „alternativer underground“. Die neuen „alternativen 68er“ verdienen Aufmerksamkeit schon deshalb, weil sie argumentativ besser gewappnet sind als jene, die sie gedankenlos ausgrenzen.

 

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Über Wolfgang Ockenfels 43 Artikel
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Ockenfels, geboren 1947, studierte Philosophie und Theologie in Bonn und Walberberg. 1985 erhielt er eine Professur für Christliche Sozialwissenschaften mit den Lehrgebieten Politische Ethik und Theologie, Katholische Soziallehre und Sozialethik, Wirtschaftsethik sowie Familie, Medien und Gesellschaft an der Theologischen Fakultät Trier. Ockenfels ist zudem Geistlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer BKU und Chefredakteur der Zeitschrift "Die Neue Ordnung" in Bonn. Er gehört zum Konvent Heilig Kreuz der Dominikaner in Köln.