Wir brauchen mehr Medienpolitik statt Medienkompetenz

Zeitungskiosk, Foto: Stefan Groß

„Medienkompetenz“ wird gerne angeführt als Allheilmittel gegen Hate-Speech, Fake-News, Aluhüte, Populisten, Propaganda, Chauvinismus, Dschungelcamp und Dart-WM. Jahrzehnte bildungsfeindlicher Politik haben eine Gesellschaft hinterlassen, die scheinbar maximal anfällig ist für die neuen Rattenfänger. Oder eigentlich genauso anfällig wie schon immer – denn die Rattenfänger machen eigentlich nichts Neues. Sie flöten nur lauter. Und überall. Das Rezept gegen sie soll jetzt also Medienkompetenz sein? Kann das reichen? Wer bekommt denn da von wem welche Kompetenzen beigebracht? Keiner scheint so recht zu wissen, was das eigentlich ist: Medienkompetenz. Auf jeden Fall ist es etwas, das die anderen dringend brauchen.

Wenn wir schon nicht wissen, was Medienkompetenz genau ist, fragen wir uns doch erstmal warum wir sie wollen. Was löst diese Forderung eigentlich aus? Welches Heilsversprechen ist damit verbunden? Hilft das gegen Trump? Hört mein Kind dann auf, dauernd zu zocken, und liest anstatt dessen plötzlich Hesse? Macht das mündig?
Jedenfalls hat es was mit Internet zu tun. Wer hat schon Medienkompetenz gebraucht, als der Bürger sich noch in klar definierten Zeitfenstern und in leicht zu verdauenden Portionen medial mit Spiegel, SZ und Tagesschau ernährte. Aber jetzt fressen wir auf einmal alles durcheinander und stopfen den ganzen Tag in uns rein, worauf auch immer wir gerade Lust haben. Und auch, wenn wir es nur schwer fassen können, irgendwie merken wir, dass uns das überfordert, dass es uns nicht bekommt, dass Kontrollverlust und irgendwelche anderen toxischen Dynamiken damit verbunden sind.
Also probieren wir es mal mit Medienkompetenz.

Der Begriff Medienkompetenz beschreibt, wie wir lernen, mit neuen Medien umzugehen. Heißt das also, dass wir neue Medien so nehmen müssen, wie sie eben kommen? Jedenfalls gehen wir im Moment absolut passiv mit diesen Veränderungen um. Aber nach zwei Jahrzehnten digitaler Revolution benutzen wir den Begriff „Medien“ eigentlich nur noch im Kontext mit dem Begriff „Krise“. Trotz aller Innovation, trotz quasi aufwandsfreier, globaler Distribution, trotz der Möglichkeit des totalen Dialogs mit dem Kunden – eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus. Es klappt nicht mehr so recht mit dem Geldverdienen, und während ein Teil der Medien offen manipuliert und lügt und Seriosität der Vermarktbarkeit geopfert wird, wird dem Rest genau das unterstellt. Konzernhafte Strukturen in privaten und öffentlich-rechtlichen Medien versuchen relativ verzweifelt, sich an sich selbst überholende Innovationen und an völlig neue Marktvoraussetzungen anzupassen. Investitionen sind in einem derart volatilen Umfeld extrem schwierig. Aber können wir es uns erlauben, abzuwarten, was der Markt eben macht aus unseren Medien?

Eher nicht – denn auch auf der Nutzer-Seite ist die Lage unerfreulich. Das offensichtlichste Problem ist sicherlich der Umstand, dass irgendwie alles „auf Stereoiden“ ist. Die großen Reichweiten bekommen diejenigen Inhalte im social web, die „kontext-befreit“ und polarisiert sind. Nicht die ganze Information also, sondern die sofort wahrnehmbare Essenz, nicht die Frage, sondern das vermeintliche Ergebnis und zwar mit Ausrufezeichen. Das bringt schnelle „likes“ und „shares“. Und der Sog dieses immer messbaren Erfolgs wirkt längst auch auf die originären Medien. Dabei muss man weder lügen noch hetzen, um an einer massenhaften Degeneration mitzuwirken: alle Absender lernen in diesem Umfeld zu brüllen, und alle Empfänger verlernen zuzuhören. Oder zu lesen. Oder zu hinterfragen. Das ist weniger eine Frage schlechter Medienkompetenz, sondern eher schlechter Medienqualität. Und die Folge sind kollektive, gesellschaftliche Haltungsschäden durch ungesunde Strukturen und nicht durch individuelles Fehlverhalten. Das Problem ist nicht zu lösen, indem wir lernen, mit schlechten Medien kompetent umzugehen.

Medien sind keine beliebige Ware. Wir wissen das, denn sonst gäbe es weder das Öffentlich-Rechtliche in Deutschland, noch die wachsenden, mächtigen, stiftungsfinanzierten Angebote in den USA. Wie soll Demokratie funktionieren, wenn es keine verbindliche Information mehr gibt? Auf welcher Basis soll zumindest ein Teil eines Wahlvolkes mündig entscheiden, ohne unabhängige Berichterstattung und Einordnung?

Es gibt also offensichtlich eine politische Verantwortung für Medien, und in der jetzigen Situation gibt es dringenden Bedarf an klarem politischem Gestaltungswillen. Solche Medienpolitik könnte angesichts von Digitalisierung und Globalisierung kaum komplexer sein. Der Informationsmarkt in der digitalen Demokratie braucht politische Garantien für mittelstandsfähige und diverse Strukturen. Das hat zumindest teilweise geradezu konterrevolutionäre Dimensionen, und dementsprechend ist die Herbeiführung einer politisch tragfähigen Strategie nicht gerade banal. Sicher wird es nicht reichen, den freien Markt zu beschwören und auf offensichtlich destruktive Mutationen jeweils immer nur zu reagieren. Die ständig und überall wiederholte Forderung nach „mehr Medienkompetenz“ ist so gesehen zu offensichtlich eine Ausrede oder mindestens ein viel zu kurzer Sprung.

Denn wir sagen Medienkompetenz und meinen Mündigkeit. Mit sich ständig verändernden Medien kann nur kompetent umgehen, wer weiß, was er von ihnen zu erwarten hat, wer genug gelernt hat, um an den richtigen Stellen Misstrauen zu entwickeln, und nicht zuletzt nur, wer seriöse Medien zur Verfügung hat und nicht ständig manipuliert wird. Unter dem Strich brauchen wir Konzepte für offensive, zeitgemäße also digitale Bildungspolitik. Bildung hat Medienkompetenz sozusagen als Gratisdreingabe.

Die eigentlich immer angebrachte Angst vor staatlicher Einmischung ist dabei nicht angebracht, und solche Kritik wird leider häufig reflexhaft und leichtfertig geäußert. Demokratie an sich ist staatliche Einmischung. Der inhaltlich funktionale Informationsmarkt ist systemrelevant für die Demokratie, und seine Verfassung ist unklar und unerfreulich genug, um die politische Neugestaltung für alternativlos zu erklären. Medien hatten und haben „politische Garantien“ und brauchen eben neue. Gerade die Skeptiker sind dringend gebraucht bei dieser Neugestaltung.

Auch die berechtigte Sorge um Technologiefeindlichkeit sollte eine selbstbewusste, politische Gestaltung des Informationsmarktes nicht bremsen. Die Angst vor dem Verlust gewachsener Privilegien führt tatsächlich zu reaktionärem politischen Verhalten. Und reaktionäre, nur auf die Wahrung von Privilegien ausgerichtete Politik, ist vom Problem zur Katastrophe geworden. Denn es fehlt einfach die Zeit, um dauernd einen Anker hinter sich herzuziehen. Technologiefeindlich ist es aber nicht, wenn wir damit aufhören, Dinge zu tun, nur weil wir sie können. Und technologiefeindlich ist es auch nicht, wenn wir gesellschaftliche Kriterien definieren, denen technische Innovation dienen soll, mindestens mal, wenn sie gefördert werden will.
Eine neue digitalfähige Struktur des Medienmarktes dient auch der Innovation und der Fähigkeit einer Gesellschaft, diese auch „gesund“ zu verarbeiten.

Finanzen

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