Als Parteifeind ausgeschlossen – Der Oberschlesier Rudolf Herrnstadt

Leere Stühle, Foto: Stefan Groß

Unter den SED-Politikern, die nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 den allmächtigen Generalsekretär Walter Ulbricht (1893-1973) zum Rücktritt drängten, gehörte auch Rudolf Herrnstadt, ein Oberschlesier. Er wurde an 18. März 1903 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und Notars in Gleiwitz geboren und starb, politisch entmachtet und schwer erkrankt, am 28. August 1966 in der Bezirkshauptstadt Halle an der Saale, gerade einmal 63 Jahre alt. Seines 50. Todestags wäre 2016 zu gedenken gewesen.

Auf Wunsch seines Vaters, der trotz seiner SPD-Mitgliedschaft für mehrere Industriebetriebe in Oberschlesien als Justitiar tätig war, besuchte er von 1912 bis 1921 das Königliche Katholische Gymnasium in Gleiwitz und nahm dann an der Friedrich-Wilhelms-Universität in der Reichshauptstadt Berlin ein Jura-Studium auf, das er im März 1922 in Heidelberg fortsetzte.

Im Oktober 1922 teilte er seinen Eltern mit, sein Studium abbrechen zu wollen, um Schriftsteller zu werden, worauf er, der noch nicht volljährig war, von seinem Vater gezwungen wurde, in den Oberschlesischen Zellstoffwerken in Krappitz/Kreis Oppeln zu arbeiten. Dort war er bis Herbst 1924 als Lohnbuchhalter, Kassierer, Magazinverwalter und zuletzt als Sekretär der Direktion angestellt und ging im November 1924, gegen den Willen seiner Eltern, nach Berlin, wo er als Verlagslektor arbeitete, aber auch von seinen Eltern finanziell unterstützt wurde

Im Mai 1928 fand er Arbeit beim linksliberalen „Berliner Tageblatt“ und wurde von der Redaktion als Korrespondent nach Prag, Warschau und Moskau geschickt. Ende 1930 wurde er in die KPD aufgenommen mit der Auflage, seine Stelle bei der „bürgerlichen“ Zeitung nicht zu kündigen. Später lebte er, als Korrespondent Prager Zeitungen bis August 1939, in Warschau, wo er zugleich für den sowjetrussischen Militärnachrichtendienst arbeitete. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 1. September 1939 in Polen flüchtete er nach Moskau und wurde dort in leitender Funktion in der politischen Führung der „Roten Armee“ eingesetzt. Vier Jahre später, im Sommer 1943, wohnte er mit einer Vielzahl deutscher Emigranten im Moskauer Hotel „Lux“, wo der sowjetrussische Geheimdienst NKWD 1936/39, während der Zeit der „Säuberungen“, jede Nacht Verhaftungen vornahm, und arbeitete als Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung „Freies Deutschland“, die zur Umerziehung deutscher Kriegsgefangener gegründet worden war.

Nach Kriegsende 1945 wurde er Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, deren erste Ausgabe am 21. Mai 1945 als „Organ des Kommandos der Roten Armee“ erschien und seit 2. August 1945 als „Amtliches Organ des Magistrats von Berlin“ firmierte. Nach DDR-Gründung wurde er zum Chefredakteur der 1946 gegründeten SED-Zeitung „Neues Deutschland“ ernannt, des „Zentralorgans“ der Partei. Zugleich war er von 1950 bis 1953 Mitglied des ZK der SED, des Parteiparlaments, und Kandidat des SED-Politbüros, des höchsten Machtzentrums der „Sozialistischen Einheitspartei“.

Der Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 veränderte das Leben Rudolf Herrnstadts grundlegend und führte letztendlich zu seinem frühen Tod mit 63 Jahren. Innerhalb des Kreises der Vollmitglieder und Kandidaten des Politbüros gehörte er zu den Gegnern des ZK-Vorsitzenden Walter Ulbricht und hielt die vorgesehenen Normerhöhungen für falsch. Deshalb druckte er am 14. Juni 1953 im Zentralorgan unter dem Titel „Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen“ eine Reportage ab, worin die Normerhöhungen im Wohnungsbau kritisiert wurden. Danach begann er ganz offen, Walter Ulbrichts diktatorischen Führungsstil anzugreifen.

Gemeinsam mit Wilhelm Zaisser(1893-1958), seit 1950 Minister für „Staatssicherheit“, versuchte er, in Absprache mit dem Sowjetbotschafter Iwan Iwanowitsch Iljitschow in Ostberlin, Walter Ulbricht zu stürzen, was bekanntlich missglückte. Noch nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 erarbeitete er eine neue Konzeption der Parteiführung, wonach nicht ein einzelner Genosse, der Generalsekretär, sondern ein Kollektiv die Politik bestimmen sollte, worauf ihm Walter Ulbricht „Fraktionsbildung“ und „Sozialdemokratismus“ vorwarf. Am 26. Juli 1953 wurde Rudolf Herrnstadt, mit Rückendeckung aus Moskau, wo sich die Machtverhältnisse geändert hatten, vom ZK-Plenum wegen „parteifeindlicher Fraktionssitzung“ abgesetzt. Er verlor auch seine Stellung als Chefredakteur der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ und wurde am 23. Januar 1954, obwohl er „Selbstkritik“ geübt hatte, aus der Partei ausgeschlossen. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens bis zu seinem frühen Tod führte er eine trostlose Existenz als wissenschaftlicher Mitarbeiter im „Deutschen Zentralarchiv“ in Merseburg/Saale.

Da Rudolf Herrnstadt lungenkrank war, kam seinen ehemaligen Kollegen von der „Berliner Zeitung“ die Abschiebung des nun zum „Wissenschaftler“ ernannten Journalisten wie ein langsam vollstrecktes „Todesurteil“ vor. Die Luft dort war denkbar schlecht, zumal 47 Kilometer südlich die Leunawerke lagen, die giftige Dämpfe produzierten, die bis nach Merseburg gelangten. Erschwert wurde seine Lage noch dadurch, dass sein Gehalt nicht ausreichte, um die fünfköpfige Familie zu ernähren, zudem wurde seiner Frau Valentina, einer russischen Germanistin die Stelle als Verlagslektorin gekündigt. Mit eiserner Disziplin arbeitete Rudolf Herrnstadt die Akten des Kölner Prozesses gegen den von Karl Marx und Friedrich Engels gegründeten „Bund der Kommunisten“ (1847/52) auf, in dessen Verlauf die Hälfte der Akteure zu Festungshaft verurteilt wurden. Das Buch erschien, obwohl 1956 abgeschlossen, erst 1958 im Berliner Verlag Rütten & Loening unter dem sperrigen Titel „Die erste Verschwörung gegen das internationale Proletariat“. Tatsächlich war das, zumindest in Teilen, eine Geschichte des Prozesses gegen die „Renegaten“ Wolfgang Harich und Genossen 1956, in welchem Zuchthausstrafen von zwei bis zehn Jahren ausgesprochen worden waren.

 

Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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