Negativ kommunizierende Röhren der Marktlogik

Mit dem Untertitel seines Buches „Das Ende der Megamaschine“ signalisiert Scheidler, was er vorgelegt hat: die „Geschichte einer scheiternden Zivilisation“. In einer großartigen Synthese macht der Autor plausibel, dass es – um das Scheitern abzuwenden – nicht etwa genügen würde, den Neoliberalismus als eine Entgleisung des Kapitalismus in die Schranken zu weisen. Scheidlers wohldokumentierte Analyse setzt tiefer an. Sie will zeigen, dass wir das moderne kapitalistische Weltsystem als eine zukunftslose Gestalt der Zivilisation begreifen müssen. Und das ist nicht alles. Mit seinem Buch argumentiert Scheidler dafür, dass das, was wir Zivilisation nennen, bereits eine entgleiste Form menschlichen Zusammenlebens ist. Scheidlers generelle Zivilisationskritik – der erste Teil seines Buches –weist circa 5000 Jahre in die Vergangenheit; seine im zweiten Teil entfaltete Kapitalismuskritik behandelt etwa die letzten 500 Jahre.

Die Grundlagen dessen, was wir Zivilisation nennen, wurden Scheidler zufolge etwa 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung im Übergang zur Bronzezeit geschaffen, als frühe Staatswesen erstmals in der Menschheitsgeschichte fähig gewesen seien, Zwangsgewalt über ihre Bewohner auszuüben. Der Beginn der Bronzezeit wird zur Zäsur, weil die begehrte Bronze, ungleich härter als Kupfer, nach außen „eine Epoche zunehmender physischer Gewalt einläutete.“ So mussten die Mesopotamier Kupfer und Zinn zur Herstellung von Bronze von weither importieren. Im Zuge dessen inaugurierten sie ein System ungleicher Handelsbeziehungen zwischen sich selbst als Zentrum und einer Peripherie. „Im Kleinen wurde hier bereits ein System erprobt, das heute auf globaler Ebene operiert und auf einem Machtgefälle zwischen ‚hoch entwickelten‘ Zentren und ‚unterentwickelten‘ Peripherien beruht. Die Handelsrouten wiederum erfordern militärischen Schutz – ein selbstverstärkender Prozess, bei dem die Beschaffung von Rohstoffen immer mehr Waffen benötigt.“ Was wir gegenwärtig miterleben ist nach Scheidler das Scheitern unserer bereits in der Bronzezeit vorstrukturierten Zivilisation in ihrer aktuellen Gestalt des modernen Weltsystems. Wer dem Autor an dieser Stelle zivilisatorische „Nestbeschmutzung“ vorwerfen möchte, muss sein Buch studiert haben und danach plausibel darlegen können, dass die dem modernen Weltsystem inhärente Weise des Umgangs mit Mensch und Natur eine Zukunft hat.

Für unser modernes Weltsystem gebraucht Scheidler im Titel Lewis Mumfords Begriff „Megamaschine“, weil es sich um eine scheinbar wie eine Maschine funktionierende gesellschaftliche Organisationsform handelt. Das Wörtchen „scheinbar“ ist Scheidler wichtig: „Denn bei allen systemischen Zwängen besteht die Maschinerie letztlich aus Menschen, die sie täglich neu erschaffen“ und somit unter bestimmten Bedingungen zugunsten einer selbst organisierten Demokratie auch beenden könnten. Weil das moderne Weltsystem Raubbau an den Ressourcen betreibt, ohne die es nicht fortexistieren kann, gehört Scheidler zu den Autoren, die diesem System nur mehr eine begrenzte Zukunft bescheiden. Ähnlich wie etwa Immanuel Wallerstein, stellt sich für Scheidler nur noch die Frage, wie dieses System enden wird und was nach ihm kommt. Was ansteht, ist ihm zufolge „eine Transformation, die bis in die Fundamente unserer Zivilisation reicht.“

In der Darstellung Scheidlers bedeutete der Eintritt in die Zivilisation gerade nicht den Austritt aus der Barbarei, sondern ihren Beginn im Vergleich zu den davorliegenden Jahrzehntausenden vergleichsweise egalitärer Menschheitsgeschichte. So bestehe eines der „schmutzigsten Geheimnisse“ der Zivilisation darin, dass sie auf der systematischen Einführung der Sklaverei beruht. Und die primäre Funktion der in den Anfängen der Zivilisation erfundenen Schrift habe darin bestanden, die Versklavung von Menschen zu erleichtern.

Um seinen Lesern den aktiven Abschied vom Bisherigen zu erleichtern – denn wem schwindelt nicht beim Gedanken an eine erforderliche Abschiednahme von den Grundlagen der Zivilisation!? –, übt Scheidler mit ihnen einen besonderen Blick auf die zurückliegenden 500 bis 5000 Jahre ein, den wir hier den „Blick für negativ kommunizierende Röhren“ nennen und an einigen Beispielen demonstrieren wollen. Das Prinzip negativ kommunizierender Röhren kann als Analogon zu einem biophysikalischen Phänomen illustriert werden: Höchstorganisierte Systeme – Organismen – verbreiten zur Aufrechterhaltung ihrer systemeigenen Ordnung in ihrer Umwelt stoffwechselnd Unordnung. Sie existieren gleichsam auf Kosten ihrer Umwelt. Scheidler dokumentiert, inwiefern es sich mit Weltsystemen analog verhält:

Antike
Bewundern wir das Verwaltungswesen, das Schulsystem, den Marmor oder die Architektur des hochorganisierten hellenistisch-römischen Weltsystems, so dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass der gepriesenen Organisation und Kultur ein hohes Maß an Destruktivität und Unmenschlichkeit nicht nur in den römischen Kolonien korrespondiert, sondern auch im Zentrum des römischen Imperiums. Das römische Weltreich wurde zum Imperium, weil es das griechische System aus Münzprägung/Geldwirtschaft, Sklaverei und Kriegswirtschaft/Militarismus perfektionierte. Wie Scheidler geltend macht, gab es Zeiten, in denen drei Viertel des römischen Staatshaushalts für Militärausgaben aufgewendet wurden.

Luzide römische Antike versus dunkles christliches Mittelalter
Häufig wird vorschnell die lichte und heidnische römische Antike einem christlich strukturierten dunklen Mittelalter gegenübergestellt. Scheidler korrigiert diese Sichtweise unter Verweis darauf, dass das römische Imperium eine riesige Militärmaschine war, die etwa Jerusalem derart nachhaltig zerstörte, dass man sich die Niederschrift der Johannes-Apokalypse als Reaktion darauf vorstellen kann. Die „kulturelle Blüte“ Roms kommuniziert über unsichtbare marktlogische Röhren negativ mit der ungeordneten Peripherie und den Vasallenstaaten. Im Zentrum des römischen Reiches feierte man die Pax Augusta, während die römischen Truppen in der Peripherie des Reiches für ihre destruktive Praxis der verbrannten Erde bekannt waren. Wer römische Theater oder Schulen als zivilisatorische Errungenschaften preist, dürfe nicht darüber schweigen, dass Rom seit dem späten 2. vorchristlichen Jahrhundert im Mittelmeerraum fast ununterbrochen Krieg führte und Hunderttausende Soldaten unter Sold hatte.

Münzgeld
Das Fehlen oder der Niedergang von Münzgeldwirtschaft wird in herkömmlicher Geschichtsschreibung gern als zivilisatorische Inferiorität verbucht. Scheidlers Darstellung legt ein erweitertes Verständnis nahe: Münzgeld wurde zumeist deshalb eingeführt, um Söldner – die ersten Lohnarbeiter der Geschichte – bezahlen zu können. Die – erzwungenen – Umstellungen antiker und frühneuzeitlicher Steuersysteme von Naturalien auf Münzen kam die betroffenen Bevölkerungen im mehrfachen Wortsinne jedes Mal teuer zu stehen. Vor diesem Horizont wird etwa der Rückgang der Geldwirtschaft im frühen Mittelalter nicht einfach nur als zivilisatorischer Rückschritt lesbar, sondern er könnte zugleich – im Sinne des Theorems negativ kommunizierender Röhren – ein Indikator für einen Rückgang struktureller Gewalt sein, die, wie Scheidler belegt, stets mit der Einführung von Münzgeld einhergeht, das sich zu keiner Zeit und an keinem Ort naturwüchsig aus einer harmlosen Tauschlogik entwickelt habe, sondern jedes Mal von einer als Feind wahrgenommenen Staatlichkeit der Bevölkerung oktroyiert wurde. Wird das Darniederliegen der Münzwirtschaft nach dem Ende des römischen Imperiums häufig als zivilisatorischer Rückschritt bedauert, so präsentiert Scheidler eine alternative Sichtweise: Der Mangel an Edelmetallen im Mittelalter bedeutete, dass man nicht mehr genügend Münzen prägen konnte, mit denen man stehende Heere hätte bezahlen und Kriege führen können. Während gemeinhin im Übergang zum Mittelalter ein zivilisatorischer Rückschritt gesehen wird, beleuchtet Scheidler, dass die Verfügungsgewalt über Land und Menschen abnahm.

Neuzeit
Das Anheben der Neuzeit führte die Menschen laut Scheidler nicht etwa aus einem dunklen Mittelalter ans Licht. Gipfelnd im millionenfachen Mord an den Einwohnern Amerikas und den im 30-jährigen Krieg Hingemordeten war der „Übergang zur Neuzeit… weit mehr als das Mittelalter von Monstrositäten geprägt.“ Selbst die Hexenprozesse seien weniger ein Kapitel des Mittelalters, sondern vielmehr der Neuzeit. Als Beispiel für die negativ kommunizierenden Röhren der Marktlogik des modernen Weltsystems führen wir aus Scheidlers Zivilisationskritik seinen Blick auf Amsterdam als das blühende Zentrum des modernen Weltsystems zu Zeiten niederländischer Hegemonie an: Während Feingeister unter den Aktionären der Niederländischen Ostindien-Kompanie die Vorzüge dieses oder jenes Malers erörterten, korrespondierte dem „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande eine von der Kompanie inaugurierte Periode der Finsternis mit Massakern in Indonesien. Allgemein gilt: „Der Aufstieg der europäischen Zivilisation war gekoppelt an die Barbarei auf der anderen Seite des Globus.“

Als den gemeinsamen Nenner aller bisherigen Weltsysteme legt Scheidler ein unheilvolles Konglomerat aus Metallurgie, Münzprägung/Geldwirtschaft und Kriegswirtschaft bloß. Wobei der metallurgische Komplex jedes Mal als die Bedingung der Möglichkeit von Rüstungsindustrie und Geldwirtschaft fungiere. Vor diesem Hintergrund stünde zu erwarten, dass aus der im aktuellen Weltsystem unter US-Hegemonie endgültig scheiternden Zivilisation nur dann ein zukunftsträchtiges Miteinander hervorgehen kann, wenn es nicht nur Alternativen zur aktuellen Energieproduktion, Landwirtschaft und Ernährung gibt, sondern auch zum Geld. Autoren, die auf der Suche nach einer alternativen Gesellschaft gedanklich Hand ans Geld legen, sind rar. Zumindest andeutungsweise lässt jedoch auch Scheidler erkennen, dass die herrschende Marktlogik mit ihren externalisierten horrenden Unkosten nur beendet werden kann, wenn es künftig geldlos zugeht. In diesem und anderen Punkten kommuniziert Scheidlers „Ende der Megamaschine“ unterschwellig positiv mit dem Kapitalismuskritiker Robert Kurz.

Scheidlers Verdienst besteht zum einen darin, weniger bekannte Einsichten von Denkern wie Immanuel Wallerstein und zahlreichen anderen in einer meisterhaften Synthese zu einem Handbuch der Zivilisations- und Kapitalismuskritik zusammengeführt zu haben. Zweitens dokumentiert Scheidler, wie die jedesmalige Achse bisheriger Imperien – der metallurgische Komplex – im heutigen Weltsystem in Gestalt von Bergbau, Kohle-, Öl- und Gasförderung als destruktivster und weltbeherrschender Wirtschaftssektor fungiert und sich ganze Staaten gefügig macht. Dem setzt Scheidler die Idee eines „Ausstiegs von unten“ entgegen: Neue Wege der Selbstorganisation könnten letztlich zu einer gemäß solidarischen-ökologischen Prinzipien strukturierten „Ökonomie der Befreiung“ zusammenfinden; mit dem Traum, „dass solche Strukturen eines Tages das gesamte Wirtschaftssystem transformieren können.“

Fabian Scheidler
Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation
Promedia Verlag 2015
271 S.
ISBN 978-3-85371-384-6

Über Akerma Karim 50 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).

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