200. Geburtstag von Theodor Fontane – Der Landschaftspoet und Lausedichter

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Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) war einer der großen deutschen Landschaftspoeten. Er ist aber auch der Anwalt der Frauen gewesen, die Emanzipation verdankt dem Neuruppiner Apotheker viel. Aber wie dachte er politisch und was ist von seiner Ambivalenz zu halten?

Das Genie kennt keine Niederungen, das Genie spielt sie in die Universalität. Theodor Fontane, der Apotheker aus Neuruppin, dem wir einige der schönsten Erzählungen, Novellen und Romane der Weltliteratur verdanken, war vor allem eins: ein detailgetreuer Chronist seiner Zeit, einer, der die Welt mit Argusaugen in seinen Werken spiegelte, einer der in die Abgründe der Seele tief hinabblickte, einer, der an allen Fronten der Gesellschaft kämpfte, sei es als konservativer Geist, sei es als progressiver Denker , sei es als Autor, auf den der Begriff des Realismus wie kaum einen zweiten passt.

Während Kurt Tucholsky Fontane vor hundert Jahren schon für tot erklärte und als einen markierte, der aus der Zeit gefallen sei, „leicht angestaubt“, als einen altbackenen, wo „unsere Zähne nicht mehr recht beißen wollen“, hat ihn Thomas Mann wieder geadelt. Insonderheit, ja als prägende Lichtgestalt gefeiert, hatte Mann den alten Fontane und „eine Romanbibliothek der rigorosesten Auswahl, und beschränkt man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte ,Effi Briest‘ nicht vermissen lassen“, heißt es beim Nobelpreisträger aus Lübeck, der die nordische Welt wie einst Theodor Storm in sich aufsog, dem die Charaktere Fontanes letztendlich die Vertrautheit der Scholle bedeuteten, die so viel Stoff für die “Buddenbrooks“ boten.

Seelendoktor

Und in der Tat gibt Fontane sie, die tiefen Einblicke, die Schilderungen von Landschaften als Spiegelbilder der Seele sowie umgekehrt der Seelen als Spiegelbilder der Landschaften. Sie stehen bei ihm für poetisch-kritische gezeichnete Stimmungsbilder, die nicht wie bei Lorrain und Poussin verklären, sondern die Rauheit, die Härte, die Ungerechtigkeit des Lebens in allen seinen Schattierungen nachzeichnen. Ob „Effi Briest“ oder „Irrungen und Wirrungen“, stets bleibt es das persönliche Schicksal, das über sich auf die Missstände der Gesellschaft seine Schatten wirft, stets geht der Gang vom Kleinen in die Weite.

Der Seismograph

Fontane ist der Seismograph der Seele, er kennt ihre Banalitäten, die Unruhestände, die Schicksalslagen und erzählt sie in epischer Breite. Und gerade durch dieses Allzupersönliche gewinnt er den Leser, der sich darin auch nach 150 Jahren wie in einem bunten Garten verfängt, weil er etwas Beständiges, Ewiges, darin entdeckt, etwas das gleichbleibt – die Suche nach dem Sinn von Sein, die Wechselbäder der Emotionen, die gesellschaftlichen Bande samt ihren Fallstricken.

Die Zeiten haben sich seit Fontane verändert, aber die Stimmungslagen sind geblieben – und das macht ihn eben unsterblich, weil sich der Einzelne darin findet; sowohl in seinen Ängsten, in seinen Konventionen und im Allzumenschlichen, da seine Schriften in ihrer Fülle für das Menschsein in seiner ganzen Ambivalenz stehen.

Fontane entwirft so eine Physiognomie der Seele, der Rahmen dazu die Herbe des Nordens, die unendlichen Weiten der Mark Brandenburg, „ein weites Feld“ eben, das Fontane Schritt für Schritt durchwanderte, vor dessen Größe und geschichtlicher Bedeutung er sich in seinen „Wanderungen durch Mark Brandenburg“ tief verneigte und der brachen Landschaft so ein Stück weit Unendlichkeit schenkte. Die Mark, so Fontane, spiegelt Weltgeschichte, diese pointiert und minutiös herauszuarbeiten – eine gepflegte Leidenschaft des Vielschreibens, der erst im Alter den Glanz der Literatur ganz für sich entdeckte. Und „scheint es nicht, daß er alt, sehr alt werden mußte, um ganz er selbst zu werden?,“ schrieb Thomas Mann in seiner Hommage „Der alte Fontane“, der nur noch von Goethes „Wahlverwandten“ übertroffen werden sollte.

Nicht nur ein Reisedichter

Lange galten die „Wanderungen“ als das Œuvre schlechthin, Reiseberichte hatten während des 17., 18. und 19. Jahrhunderts Konjunktur. Und Fontane erlebte diese Renaissance noch einmal nach der Wende 1990,, er, der sich selbst als alter Briest im gleichnamigen Roman ein eindrucksvolles, weises, aber auch weites Charakterbild gezeichnet hat, als viele aus Ost und West ihren Fontane als Brevier im Gepäck den Norden Berlins durchstreiften

Doch Fontane ist mehr als ein Reisebegleiter: geblieben ist sein „weites Feld“, das  von Günter Grass 1997 als Roman vorlegte und als Fontane-Hommage verstanden wissen wollte. Das „weite Feld“ ist zum geflügelten Wort geworden und hat selbst Literaturgeschichte geschrieben.

Zwiespältiger politischer Geist

Fontane war „der Wanderer, wie er im Buche steht.“ Nicht nur die Mark hatte er durchschritten, sondern sein ganzes Leben steht für eine Wanderschaft. Während aber seine märkischen Stimmungsbilder für leidenschaftliche Kontinuität stehen, die die Liebe zur Heimat sowie die tiefe Verbundenheit mit der Kreatur in all ihren Facetten zum Ausdruck bringen, zeigt sich Fontane als Chronist des Politischen in all seiner Zwiespältigkeit.

Thomas Mann attestierte ihm einst „verantwortungsvolle Ungebundenheit“ und nannte ihn einen „unsicheren Kantonisten“. „In seinem Gemüt wußte er sich nicht nur unabhängig von den „etabblierten Mächten“, sondern hielt es für thöricht, mit der Menschheit überhaupt, mit Beifall, Zustimmung, Ehren zu rechnen, als ob damit Etwas getan wäre“ heißt es im „Der alte Fontane“.

Tatsächlich war der Literat des „Der Stechlin“ in seiner Brust mehr gespalten als Thomas Mann es ihm attestiert hat. Ursprünglich Demokrat und Republikaner, 1848er-Revolutionär war er doch auch Preußen-Nostalgiker, später Konservativer, der auch kritisch auf die Judenfrage blickte.

Das traditionelle Preußen hatte er einst mit seinen „Acht Preußenliedern“ besungen und sein Herz erwärmte sich für die Märzrevolution. Drei Jahre vor seinem Tod 1898 heißt es in einem Brief an Georg Friedlaender: „Mein Hass gegen alles, was die neue Zeit aufhält, ist in einem beständigen Wachsen begriffen. Und die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, dass dem Sieg des Neuen eine furchtbare Schlacht voraufgehen muss, kann mich nicht abhalten, diesen Sieg des Neuen zu wünschen. […] Preußen war eine Lüge, das Licht der Wahrheit bricht an […].“

Die Ambivalenz des Theodor Fontane

Die Spannweite des Politischen hatte Fontane in ihrer ganzen Weite durchschritten. Das Revolutionäre wie das Konservative sind Facetten eines Mannes geblieben, für den es die Wahrheit zumindest im Politischen nicht gab. Er brannte sowohl für die Revolution, wie er später für die Konservativen Partei ergreifen wird. Von der liberalen „Dresdner Zeitung“ wechselte er als Mitarbeiter zum Literarischen Cabinet, das später in die „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ umbenannt wurde. Nun stand der Revoluzzer von einst sogar auf dem Lohnzettel des Ministeriums und schrieb unter Pseudonym sowohl liberale wie konservative Artikel. Fontane wurde so zum Erfolgsgehilfen und konspirativen Drahtzieher des Staates dem er wenige Jahre zuvor noch den Krieg erklärte –  ein weites Feld eben. Ab 1861 hatte er als Journalist der stockreaktionären „Preußischen Kreuzzeitung“ dem Preußischen Staat in die Hände gearbeitet, war statt Revolutionär Stimmrohr von Adel, Thron und König, ja, wie Edgar Bauer berichtete „Agent der Preußischen Regierung.“ Patriot aber ist Fontane immer geblieben, sein politisches Changieren mag auch an die Vita Richard Wagners erinnern – vom Revolutionär und Königsfreund.

 Lausedichter

Georg Lukács nannte es „Widersprüchlichkeit“ und meinte „die untrennbare Verschlungenheit von äußerster Skepsis und naivster Leichtgläubigkeit in den Fragen des öffentlichen Lebens“. Fontane hat diese Ambivalenz des Politischen nicht geleugnet, dergestalt etwa, dass man alles in einem: für und wider Preußen, für und wider Bismarck, Junker, Bourgeois und Arbeiter zugleich sein kann. Vielmehr war er sich selbst dessen vollauf bewusst. So schrieb er an seinen Freund Bernhard von Lepel: „Man hat vor den gewöhnlichen Lumpenhunden nur das voraus, daß man wie der wittenbergische Hamlet sich über seine Lumpenschaft vollkommen klar ist.“

Politisch ist Fontane eine lokale Rumpelkammer“ geblieben. In einem Brief an seine Frau vom 8. August 1883 erklärt er dann auch seine Neigung, sich „mit den so genannten Hauptsachen immer schnell abzufinden, um bei den Nebensachen liebevoll, vielleicht zu liebevoll, verweilen zu können […] Ich bin danach Lausedichter, zum Teil sogar aus Passion; aber doch auch wegen Abwesenheit des Löwen.“

Fontane ist aktueller denn je

Nun könnte man diese Ambivalenz als widersprüchlichen Wesenszug Fontanes stehen lassen, eine Ambivalenz für die sein Leben steht – „ weites Feld eben“. Doch Resignation davon abzuleiten, da hat Fontane selbst doch so seine „Zweifel. Das mit der Kreatur, damit hat’s doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen, heißt es in „Effi Briest.“ Und selbst wenn es heißt: „Es ist so schwer, was man tun und lassen soll,“ der Literat Fontane hat denen – wie einst Charles Dickens mit seinem Oliver Twist – eine Stimme gegeben, die keine hatten, den Frauen, den Entrechteten und den Underdogs. Er zeichnet ihre Charaktere in aller Bescheidenheit, aber eben auch in stiller Größe und macht sie damit für die Literatur unsterblich, während sie es für die Gesellschaft noch lange nicht waren. Hier war Theodor Fontane seiner Zeit weit voraus, ein Revolutionär der Seelenlandschaft eben, der Gleichwertigkeit der Menschen, der Ungerechtigkeiten geißelte und anprangerte. Allein dies reicht schon aus, um ihn als Gesellschaftsrevolutionär zu adeln, selbst wenn er als politischer Charakter ein Wanderer auf jedwedem Terrain blieb.

Wenn die CSU 2019 über die Frauenquote streitet, so war es Fontane, der vor 150 Jahren die Rebellion der Emanzipation entfachte. Seine Liebe zu den Junkern der Mark, die er in vielen seiner Schriften verklärte, stellte er andererseits sein Gerechtigkeitsempfinden einem Frauenbild gegenüber, das entmündigt als Objekt der Männerwelt Untertan war. Die Stellung der Frau hat Fontane deutlich aufwertet, er hat sie aus dem Nischendasein in den Vordergrund gestellt und mit „Effi Briest“ ein modernes Frauenbild gezeichnet, das an den Ketten der Konventionen immer wieder scheitert. Der Drang zur Freiheit führt nicht in die Unabhängigkeit, sondern – im Fall Effis – zur sozialen Ächtung und Ausgrenzung.

Was bleibt, aber stiftet der Dichter

Und sein „ein weites Feld“ bleibt sozial und ethisch gesehen ein offener Diskurs mit sich selbst, mit der Umwelt, mit der Politik. Es steht letztendlich für die Offenheit des Denkens, für seine Brüche und Widersprüche – für etwas, das auch unsere Moderne angeht, weil auch wir gespalten, polarisiert sind. Weil wir oft doktrinär argumentieren und doch das Neue herbeiwünschen, weil wir wie Fontane beides sind: dem Traditionellen verhaftet, aber auch dem Neuen gegenüber offen, weil wir in die Zukunft blicken und doch dem Alten anhängen, weil wir ambivalent wie der alte Dichter sind – und all das macht uns Fontane zu einem Geist, dessen 200. Geburtstag wir zwar feiern, der aber an Aktualität nicht zu unterbieten ist.

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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur