Geschichten einer verlorenen Zeit

Bildquelle: Thomas Ritter

Südindien verspricht auch heute noch Exotik und Geheimnisse. Hier befinden sich einige der geheimnisvollen Palmblattbibliotheken, aus denen der Besucher sein Schicksal und seinen kompletten Lebenslauf erfahren kann, ebenso wie zahlreiche Wallfahrtsorte gläubiger Hindus. Die Tempel der Neun Planeten etwa werden von den Einheimischen bis auf den heutigen Tag als Kraftplätze verehrt.

Spuren der kolonialen Vergangenheit hingegen finden sich nur noch spärlich. Wer etwa Porto Novo googelt, landet in Benin, jenem kleinen westafrikanischen Staat, in dem Voodoo heute Staatsreligion ist. Dabei war Porto Novo einst ein geschäftiger portugiesischer Handelshafen an der Coromandelküste. Von der alten Kolonialniederlassung, die nacheinander den Portugiesen, Holländern und Briten gehörte, zeugt heute nur ein kleines Fischerdorf namens Parangipethai, rund 22 km von der nächstgrößeren Stadt Chidambaram entfernt gelegen. Obwohl Porto Novo einst ein bedeutender Handelsplatz der Portugiesen war, ist nichts außer dem Namen davon übriggeblieben. „Unglücklicherweise gibt es keine materiellen Hinterlassenschaften, welche eine Verbindung in die portugiesische Zeit bestätigen. Die Portugiesen wurden „Parangis“ genannt, daher stammt auch der gegenwärtige Name des Dorfes“, sagen die Einwohner von Parangipethai. Von der bewegten Geschichte des Ortes zeugen lediglich ein 45 m hoher, eiserner Flaggenmast, den einst die Holländer errichteten sowie eine Bronzetafel, welche an die Schlacht erinnert, die hier im Verlauf der Mysore Kriege zwischen Hyder Ali und den Briten unter Sir Eyre Coot am 01.06.1781 geschlagen wurde. An der Mündung des Vellar Flusses lassen sich die Überreste eines großen Seehafens erkennen. Außer verfallenen Kais und einzelnen Buhnen, die wie faule Zähne aus der modrigen Flut ragen, erinnert hier mehr an die koloniale Herrlichkeit. Dabei befand sich hier die erste Eisengießerei Asiens, gegründet um 1830 von Joshua Marshall Heath, lange bevor indische Eisenfabriken anderswo im Land ihre Arbeit aufnahmen. Die Lage nahe am Hafen und an einer von Mangrovensümpfen freien Küste bewogen Heath, hier sein Unternehmen einzurichten. Brennmaterial für die Schmelzöfen boten nahegelegene Mangrovenwälder in Hülle und Fülle. Heaths Gießerei exportierte ihre Produkte vor allem nach England. Noch heute tragen einige Geländer des Londoner Victoria Bahnhofs den Stempel „made in Porto Novo“. Der Hafen wurde bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft auch für die Beförderung von Passagieren zwischen Indien und und anderen Destinationen in Südostasien genutzt.

Besser erhalten als Porto Novo ist Tharangambadi. Der Ort liegt im Distrikt Nagapattinam des Bundesstaates Tamil Nadu an der Coromandelküste am Golf von Bengalen rund 250 Kilometer südlich von Chennai (Madras). Südlich von Tharangambadi mündet einer der zahlreichen Arme des Kaveri-Flusses in das Meer. Früher hieß die Stadt Tranquebar. Sie war von 1620 bis 1845 ein dänischer Handelsstützpunkt, und wurde zum Ausgangspunkt der lutherischen Missionstätigkeit in Tamil Nadu.  An die koloniale Vergangenheit Tharangambadis erinnern heute noch das Fort Dansborg, die Zionskirche und die Neu-Jerusalemkirche. Im Jahr 1620 erwarb die Dänische Ostindien-Kompanie den Ort vom Raja von Thanjavur und gründete das Fort Dansborg. 1624 wurde die Kolonie auf den dänischen König übertragen. Der Ort war ein wichtiger Hafen und besaß eigene Münzen sowie eine bedeutende Missionsdruckerei für Literatur in Englisch und Tamil.

1801-1802 und 1808-1815 wurde Tranquebar von britischen Truppen im Zuge der napoleonischen Kriege, in denen Dänemark an der Seite Frankreichs stand, besetzt. Dies brachte den Handel völlig zum Erliegen. Von diesem Einschnitt erholte sich die Kolonie nie mehr und wurde schließlich 1845 an die Briten verkauft.

Bild: Thomas Ritter

Tranquebar war Ausgangsort der ersten deutschen protestantischen Mission in Südindien. Die Deutschen Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau wurden von der Dänisch-Halleschen Mission, einer Stiftung des dänischen Königs Friedrich IV. (1699–1730), als lutherische Missionare nach Indien entsandt. Am 9. Juli 1706 in Tranquebar angelangt, tauften sie bereits ein Jahr später die ersten Tamilen und „Mischlinge“ (Portugiesen). Die von ihnen gegründete lutherische Gemeinde umfaßte bis 1712 etwa 221 Mitglieder. Von der dänischen Kolonialbehörde angefeindet, die durch die Missionsarbeit ihre Handelsinteressen gefährdet sah, wurde Ziegenbalg ein Jahr später mehrere Monate im Fort Dansborg inhaftiert (1708 bis 1709). Heute erinnern ein Denkmal und eine Büste von Bartholomäus Ziegenbalg in der Nähe der Festung an den Missionar. Die Dänisch-Hallesche Mission wirkte in Tranquebar von 1706 bis zum Verkauf der dänischen Niederlassung an die Engländer 1845. Bereits seit dem Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts gab es keine der dänischen Krone unterstellten Missionare mehr in Tranquebar. Die 1836 in Deutschland gegründete Evangelisch-lutherische Missionsgesellschaft zu Dresden (ab 1848 Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft zu Leipzig) verstand sich als Nachfolgeorganisation der Dänisch-Halleschen Mission und entsandte 1840 mit Heinrich Cordes ihren ersten Missionar. Die deutsch-lutherische Missionstätigkeit wurde auch unter britischer Kolonialhoheit bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges fortgesetzt, letzter Missionspfarrer war der aus dem Memelland stammende Wilhelm Kanschat (1899-1981). Des Weiteren befand sich hier von 1760 bis 1803 eine Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine, der „Brüdergarten“ in Porayar. Heute befinden sich dort verschiedene Einrichtungen der Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC). Die TELC wurde 1919 in der Tradition der Leipziger Mission und der Mission von der Schwedischen (lutherischen) Kirche gegründet. Der TELC-Bischof führt den Titel „Bischof von Tranquebar“ und hat seinen Sitz in Tiruchirappalli. 

Direkt am Strand am Südrand Tharangambadis steht das Fort Dansborg. Die Festung wurde 1620 errichtet. Heute beherbergt sie ein archäologisches Museum. Hier lagern neben Alltagsgegenständen aus der dänischen Zeit auch interessante Palmblattmanuskripte, auf denen die Verträge zwischen der Dänisch-Ostindischen Kompanie und dem Raja von Thanjavur besiegelt wurden. Am Ortseingang befindet sich ein Stadttor aus dem Jahr 1792. Es ist das einzige Überbleibsel der einst mächtigen Stadtbefestigung. Ferner stehen in Tharangambadi zwei Kirchenbauten aus der dänischen Periode. Die Zionskirche stammt aus dem Jahr 1701. Sie gilt damit die älteste protestantische Kirche Indiens. Die Kirche Neu-Jerusalem (New Jerusalem Church) wurde zwischen 1707 und 1718 erbaut. Auf ihren Friedhof ist Bartholomäus Ziegenbalg bestattet.

Im Rahmen der von Indiens National Maritime Foundation angebotenen Touren können unter fachkundiger Leitung sowohl Porto Novo als auch Tharangambadi sowie zahlreiche weitere historisch interessante Orte wie Sadras, Mahabalipuram und Puducherry besucht werden. Ziel dieser Angebote ist es, den Gästen die reiche maritime Geschichte Tamil Nadus zu vermitteln.

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Über Thomas Ritter 110 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.