Rezension: „Kleines philosophisches ABC“ von Kay Herrmann

Kay Herrmann ist ein habilitierter Philosoph, der schreiben kann: klar, ohne Schachtelsätze und Imponiervokabeln, dafür flüssig und verständlich.

Ich mag solche Bücher. Hier bleibt der Leser nicht ratlos mit einem Knoten im Hirn zurück, sondern er wird auf unterhaltsame Weise informiert und zu eigener geistiger Tätigkeit angeregt, egal ob mit Promotion oder Hauptschulabschluß in der Tasche. Das haben wir dem Autor zu verdanken. Kay Herrmann ist ein habilitierter Philosoph, der schreiben kann: klar, ohne Schachtelsätze und Imponiervokabeln, dafür flüssig und verständlich. Selten genug! Und allein deshalb empfehlenswert, weil es wenig Bücher dieser Sorte in den Bauchläden der Philosophie gibt. Die dünne hohe Luft der Philosophie gewöhnt, schreibt Herrmann auf Augenhöhe, ohne sich herabzulassen.

Das Buch ist ein kleines Lexikon der Themen und Grundbegriffe der Philosophie. Von Außenwelt, Bewußtsein und Cyberwelten über Geist, Mensch und Natur bis zu Unendlichkeit und Zukunft werden hier 77 Stichworte abgehandelt. Wo Herrmann fremde Gedanken referiert, verzichtet er auf große Namen wie Platon, Seneca, Kant oder Schopenhauer. Und das ist für diesen Zweck auch ganz in Ordnung. Er könnte sich dabei sogar auf Sokrates berufen: „Allewege ist nicht darauf zu sehen, wer etwas gesagt hat, sondern ob es richtig gesagt ist oder nicht.“ (im Charmides von Platon)

Zu jedem Begriff gibt es eine Seite Text neben einem ganzseitigen Bild, das den Gedanken oder das Thema illustrieren soll. So bildet jede aufgeschlagene Doppelseite eine Einheit von Optik und Inhalt, damit sich der Leser ganz auf die vorgetragenen Gedanken konzentrieren kann. Das ist im großen und ganzen sehr gelungen. Auch den Didaktiker liest man zwischen den Zeilen. Immer wieder wird der Leser zwischendrin oder am Ende eines Textes durch Fragen animiert, eine eigene Position zu dem Thema zu beziehen.

Man darf das Buch nicht mit einer Einführung in die Philosophie verwechseln. Es ersetzt nicht das notwendige Studium dicker, auch mühsamer Wälzer. Dieses kleine philosophische ABC ist eine Anregung zur Philosophie. Deshalb ist, nach zwanzig Jahren autodidaktischen Philosophierens, mein Maßstab an das Buch: Hätte es mich angeregt? Ja, hätte es. Es eignet sich für für all die philosophischen Embryos, denen das Nachfragen, Kritisieren und Selberdenken wohl im Blut liegt, die aber noch nicht den Weg zur Philosophie gefunden haben.

Sie finden einige hervorragende Artikel etwa über Dilemmata, Identität, Leben oder Schönheit. Bei manchen Stichworten – etwa bei Freiheit, Nichts oder Qualität – komme ich zu ganz anderen Urteilen als der Autor. Aber das tut dem Zweck des Buches keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Reibung, der Widerspruch ist ein zentraler Antrieb des Philosophen, und auch darin kann sich der Leser 77 mal trainieren.

Kay Herrmann: Kleines philosophisches ABC. 77 Fragen für Selbstdenker, Würzburg: Königshausen & Neumann 2026

Kay Herrmann ist ein habilitierter Philosoph, der schreiben kann: klar, ohne Schachtelsätze und Imponiervokabeln, dafür flüssig und verständlich.