Leonard Cohen auf dem Sinai – Wer durch Feuer

Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens

Matti Friedman, Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens, Leipzig 2023, broschiert, 198 Seiten, Übersetzung des englischen Originaltextes: Malte Gerken, ISBN 978-3-95565-612-6, 22 Euro.

Vom Buch des Lebens hörten die Israeliten am Berg Horeb auf dem Sinai. Der Herr offenbarte seine Existenz. In der Bibel findet sich die dazugehörige Schilderung im 2. Buch Mose, Exodus, ab dem 32. Kapitel. Auch der bedeutende Poet und Sänger Leonard Cohen erfuhr, was es mit diesem Buch des Lebens auf sich hat, im Herbst 1973. Ebenfalls auf dem Sinai, im ersten Jom-Kippur-Krieg. Jetzt, zu Zeiten des zweiten Jom-Kippur-Krieges, hat Matti Friedman diese Reise in einen literarischen Kontext gehoben. Dem Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich verdanken wir eine deutsche Ausgabe.

Dieses Buch ist brennend aktuell. Denn von Mitteleuropa aus kann der Krieg, in den Israel am 50. Jahrestag des ersten Jom-Kippur-Krieges gestürzt wurde, in seiner geistigen, weit über die militärischen Fakten hinausgehenden Sphäre kaum verstanden werden. Der bedeutende Literat Leonard Cohen gibt hier Hinweise, und Matti Friedman setzt die von ihm ausgesandten Schwingungen kongenial um. Die Eposition dafür findet sich bereits in der Einleitung, auf Seite 10. Die immensen geistigen, die moralischen Schäden, die der erste Jom-Kippur-Krieg anrichtete, werden hier in schlichten Worten, aber sehr klar, benannt. Natürlich dem kundigen Leser sofort klar, was der zweite Jom-Kippur-Krieg, den die Hamas am 7. Oktober 2023 begann, anrichten wird – und bereits angerichtet hat.

Das Buch lebt vom Kontrast. Das Leben des Bohemiens in der Ägäis, im Streit mit der Partnerin, ein eher zielloses Leben, die landschaftliche Ruhe der Ägäis. Größer könnte der Gegensatz zum Krieg auf der Sinai-Halbinsel nicht sein. Auch hier eine Natur voller Weite und Ruhe, aber ständig konkrete Lebensgefahr – „death is just a heratbeat away“ singt Gary Moore, Cohens irischer Kollege, in seinem ebenfalls vom Krieg handelnden Song „Out in the fields“. Der Krieg veränderte Leonard Cohen, und wir erfahren, wie das geschah. Er spielte täglich Konzerte, nächtigte im Schlafsack auf dem Boden, stürzte sich hinein in die Katastrophe des Krieges. In dem Manuskript, von dem gleich die Rede sein wird, schreibt er: „Hier und da gab es Andeutungen, dass ich nützlich sei.“

Textliche Grundlage des Buchs ist eine unveröffentlichte Romanskizze aus der Feder Cohens, teils in der Ich-Form, teils unbehauen, auch von den erzählten Inhalten her roh. Dieses Manuskript, das Friedman jetzt erstmals veröffentlicht, verfasste Cohen kurz nach seiner Rückkehr vom Sinai, als er wieder auf der griechischen Insel Hydra eingetroffen war. Es fällt damit in dieselbe Schaffensphase, aus der der 1974 erschienenen Song „Who By Fire“ stammt – zu deutsche: „Wer durch Feuer“. Das Buch, dessen deutsche Ausgabe aus dem Leipziger Verlag Hentrich und Hentrich stammt, erhielt damit einen Titel, der durch präzise Knappheit fasziniert. Zugleich erhalten die Bewunderer Leonard Cohens überraschende und wissensmehrende Einblicke in eine entscheidende Lebensphase ihres musikalischen Idols.

„Who by fire“ – dies ist ein Zitat aus dem englischen Text des Gebetes Unetanneh Tokef, dessen Urtext aus dem 11. Jahrhundert stammt, aus Mainz, gelegen im damals größten Verdichtungsraum jüdischer Kultur weltweit, dem Rheinland zwischen Basel und Bonn. Bei Leonard Cohen markieren diese Worte die Auseinandersetzung mit Gott vor dem Hintergrund des Krieges anhand dieses religiösen Textes. Drei Worte nur. Sie werfen in der literarischen Verdichtung bei Leonard Cohen auch heute ein ganz genau platziertes Schlaglicht auf den Charakter des Kampfes, in den sich die Israelis abermals gezwungen sehen. Denn würde die Hamas die Waffen niederlegen, würden Verbrechen aufhören, wären ihre Kämpfer mutmaßlich im iranischen Exil oder – wie jüngst der oberste Hamas-Chef – zu Gast in der Türkei, mutmaßlich natürlich, um möglichst bald mit Sprengstoff im Gepäck zurückzukehren. Würden dagegen die Israelis die Waffen strecken, gäbe es kein Israel mehr, wären jüdische Menschen in Israel in weitem Umfeld abermals Opfer lebensbedrohlicher Gewalt. Diesen fundamentalen Unterschied erklärt Matti Friedman in seinem absolut lesenswerten und höchst aktuellen Buch.

„Who By Fire“ – eine besonders schöne Live-Aufnahme: https://www.youtube.com/watch?v=EgMaBreDuF4&

Textauszug: „And who by fire, who by water? Who in the sunshine, who in the night time? Who by high ordeal, who by common trial, who in your merry merry month of may, who by very slow decay, and who shall I say is calling?“ Eine Übertragung in Deutsche könnte wie folgt lauten: „Und wer (wird vor Gottes Angesicht gerufen) durch Feuer, wer durch Wasser, wer im Sonnenschein, wer in der tiefen Nacht, wer auf höchsten Befehl, wer durch kurzen Prozess, wer im wunderschönen Monat Mai, wer durch ganz allmähliches Siechtum – und wer, wie könnte ich es sagen, ist der Rufer?“

Matti Friedman, Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens, Leipzig 2023, broschiert, 198 Seiten, Übersetzung des englischen Originaltextes: Malte Gerken, ISBN 978-3-95565-612-6, 22 Euro.

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Über Sebastian Sigler 72 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.