Die Gattung ist kein Subjekt. Weder ist sie schmerzempfindlich, noch kennt sie Todesangst. Sie kann am Abgrund stehen, ohne es wahrzunehmen. Eine Bewegung gegen den Sog zum Abgrund, mit breit aufgestelltem Sensorium, war früher die Friedensbewegung. Aber wenn nichts Neues nachkommt, werde die Friedensbewegung in zehn bis zwanzig Jahren ausgestorben sein. So der Konfliktforscher Leo Ensel Anfang 2025 in einem Beitrag in Globalbridge. Mit den seit mehr als vier Jahrzehnten praktizierten und mittlerweile verkalkten Friedensritualen sei keine größere Zahl jüngerer Bürger zu Protesten auf die Straße zu bringen: Ostermärsche, weiße Tauben vor hellblauem Hintergrund, „Hoch die internationale Solidarität!“, „In-der-Rüstung-sind-sie-fix, für-den-Frieden—tun-sie-nix“, Hannes Wader-Lieder … Leo Ensel fragt: „Wo ist der aufmüpfige, freche, nein: ‚rotzige‘ Sound geblieben?“ Statt ausgeleierter Rituale voller Hausstaub fordert er: „Friedens-Frechheit“.
Zumindest aus dieser Perspektive geschah Ende 2025 etwas Unerwartetes: Am 5. Dezember 2025 gingen plötzlich Zehntausende junge Bürger und Bürgerinnen in einem Schulstreik gegen den Wehrdienst auf die Straße. Dies wiederholte sich am 5. März 2026. Und für den 8. Mai ist der nächste Schulstreik gegen die Wehrpflicht vorgesehen. Hat sich die Friedensbewegung also doch endlich verjüngt?
Wenn man den Maßstab von Leo Ensel anlegt, dann sind die Schüler früh gealtert. Denn das Schülerbündnis machte u.a. geltend: „Wir fordern Geld für Bildung, Soziales und Umweltschutz statt für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung.“ Diese Forderung ist nun nicht allzu weit entfernt vom laut Ensel völlig verstaubten „In-der-Rüstung-sind-sie-fix, für-den-Frieden—tun-sie-nix.“ So gesehen hätte der Protest also Anleihen bei den Artikulationen der Großeltern-Generation gemacht.
Wofür oder wogegen richten sich die Schulstreiks? Zunächst scheint es, als gäbe es sogar noch eine weitere Anleihe bei der Generation der Großeltern: „Merz will, dass die Bundeswehr die größte Armee Europas wird. Wir wollen Frieden!“, so heißt es auf schulstreikgegenwehrpflicht.com. Nun hatten Schüler, die Frieden wollen, in zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche Gelegenheiten, gemeinsam mit der älteren Friedensbewegung auf die Straße zu gehen. Diese blieb aber bekanntlich alt und (von den selbstverständlichen Ausnahmen abgesehen) wesentlich unter sich. Wie also erklärt es sich, dass sich erfreulich viele Schüler ausgerechnet seit Ende 2025 ganz unvermittelt friedenspolitisch engagieren? Schließlich ist die atomare Bedrohung und Gefährdung der Gattung Mensch seit Jahrzehnten gegeben und stieg mit dem Ausstieg der USA aus diversen Rüstungsabkommen und dem Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 rasant an. Damals gab es keine Schulstreiks, die Ostermärsche überwiegend grau. Ein erster Antwortversuch: Jüngere Bürger/innen gehen neuerdings in erster Linie für das eigene Leben gegen Wehrerfassung und -dienst auf die Straße. Für die Gefährdung der Gattung Mensch gibt es kein Sensorium, wohl aber für das eigene Selbst; es ist das Prinzip Selbsterhaltung, das sich – endlich – doch noch meldet: „Dabei sind wir die Betroffen! Es sind unsere Leben, über die sie diskutieren und bestimmen wollen!“ (https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/) Wie sieht dieses Bestimmen über die Köpfe hinweg aus? Am 5. Dezember beschloss der Bundestag eine Wehrdienstreform. Ab 2026 soll jeder männliche 18-Jährige ab Jahrgang 2008 einen Fragebogen zur Wehrdienstmotivation bekommen. Ab Juli 2027 kommt es dann zur Musterung der Betroffenen. Bis auf Weiteres bleibt der Wehrdienst freiwillig.
Doch selbst wenn dieser Zusammenhang halbwegs schlüssig sein sollte: Warum brachte die für 2026 oder später vorgesehene Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland nicht annähernd so viele Schüler auf die Straße wie die anstehende Wehrerfassung? In einem Zeitungsartikel vom 4. März 2026 namens „Schülerstreik gegen Wehrpflicht: Wenn Protest alleine nicht mehr ausreicht“ findet sich für die großen Schülerdemonstrationen gegen Wehrerfassung und Wehrdienst folgende Erklärung: „Die Schüler haben ein handfestes Interesse: Nämlich, dass sie nicht für Deutschland sterben wollen.“ Auf den ersten Blick scheint diese Erklärung plausibel. Bei näherem Hinsehen jedoch erweist sich die Antwort als schwach; denn wir müssen fragen: Haben dieselben Schüler, die nicht für Deutschland als Soldaten sterben wollen nicht ein ebenso starkes Interesse, in Deutschland nicht als Bürger in einer nuklearen Konfrontation mit Russland sterben zu wollen, gegen das die zu stationierenden Raketen gerichtet werden? Und wenn dem so ist: Hätten diese Schüler dann nicht ähnlich zahlreich gegen die angekündigte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen auf die Straße gehen müssen?
Die Stationierung amerikanischer Mittel- und Langstreckenraketen wurde dem damaligen Kanzler Olaf Scholz im Sommer 2024 bei einem US-Besuch von Präsident Biden angekündigt und auf die Heimreise mitgegeben, also lange vor der Reform des Wehrdienstgesetzes. Scholz nahm die Anweisung seines US-Präsidenten ohne Widerrede hin. Dabei ignorierte er das Friedensgebot in der Präambel des Grundgesetzes und er umging das deutsche Parlament. Obwohl auch hier in gewisser Weise über ihr Leben und ihre Zukunftsaussichten hinwegbestimmt worden war, gingen Schüler offenbar nicht nennenswerter Zahl dagegen auf die Straße. Dies ist umso verwunderlicher, als weltweite Konflikte durchaus die Liste der Zukunftsängste bei Jugendlichen anführen. Für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ergab die jüngste Sinus-Studie, dass sich 66% der Jugendlichen große Sorgen machen wegen Kriegen. 13 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2023.
Man müsste also annehmen, dass die Wehrerfassung und der Wehrdienst als bedrohlicher wahrgenommen werden denn eine militärische Eskalation oder Auseinandersetzung mit Russland. Dies mag in der Tat damit zusammenhängen, dass im Falle von Wehrerfassung und -dienst der Einzelne – scheinbar unabwendbar – in seinen Lebensvollzügen und Lebensplänen betroffen ist. Der nach vielen Jahren der Aussetzung erneut am Horizont drohende Wehrdienst scheint sehr viel konkreter als eine militärische Gemengelage, in der vielleicht etwas passieren könnte, vielleicht auch nicht. – Und von der unklar scheint, ob man selbst betroffen sein würde, sollte der Konfliktfall eintreten, weil Russland sich bedroht fühlt und einen Präventivschlag ausführt, um einem Enthauptungsschlag durch in Deutschland stationierte US-Hyperschallraketen zuvorzukommen.
Halten wir als vorläufiges Zwischenergebnis fest: Die Unausweichlichkeit der eigenen Musterung aktiviert in sehr viel höherem Grad Aktivitäten zur Selbsterhaltung als die nur diffus oder gar nicht wahrgenommene bloße Möglichkeit eines militärischen Konflikts im Anschluss an die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen.
Versuchen wir jetzt, noch etwas besser zu verstehen, warum die Wehrerfassung junge Bürger um Größenordnungen stärker mobilisiert als die Störung des ohnedies schon prekären Raketen-Gleichgewichts mit Russland – warum die mehrfach getätigte Aussage, wir seien noch nicht im Krieg (mit Russland), aber auch nicht mehr im Frieden, nicht dazu führt, dass Zigtausende junge Bürger auf die Straße gehen:
Kontrollverlust
Ohne Zweifel bedeutet eine unweigerlich bevorstehende Musterung einen erheblichen Kontrollverlust, während das Leben im Falle der Stationierung von US-Raketen genauso weitergeht wie bisher. Die US-Raketen werden stationiert, ohne dass irgendjemand Fragebögen auszufüllen hätte, irgendwo vorstellig werden müsste und ohne dass jemand kostbare Jahre seines Lebens für einen Dienst an der Waffe zu opfern hätte, der kein selbstgewählter Dienst ist und der der Selbstverwirklichung diametral entgegensteht.
Ausgeliefertsein
Vielleicht gibt es kaum andere Gemütszustände, auf die Personen ähnlich empfindlich reagieren wie auf das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Im Falle der Wehrerfassung sind die Betroffenen den Inspekteuren von Körper und Seele ausgeliefert. Die Dinge entgleiten ein Stück weit. Man weiß nicht, ob man nicht im Falle prinzipieller Tauglichkeit zum Wehrdienst eingezogen werden wird; nämlich genau dann, wenn sich nicht genügend Freiwillige finden. Hat die Musterung einmal stattgefunden, ist man in der Selbstwahrnehmung nicht mehr ganz Herr seiner Selbst. Parallel hierzu gibt es die Wahrnehmung, dass wohlfahrtstaatliche Absicherungen zunehmend unterspült werden. Am Horizont macht sich ein Verhängnis breit. Und weil die Praxis der Musterung in Deutschland eine über längere Zeit ausgesetzte Praxis ist, fehlt die Tradierung einer gewissen Selbstverständlichkeit und vermag ihre Wiedereinführung den Protest in Form von Schülerdemonstrationen zu aktivieren.
Zwang
Hand in Hand mit dem Ausgeliefertsein geht der Zwang. Wer der Musterung nicht folgt, muss damit rechnen, dass die Polizei eingeschaltet wird und den Unwilligen zur Musterung vorführt. Für hartnäckige Musterungsverweigerer sind finanzielle Sanktionen vorgesehen: Wer den der Musterung vorgängigen Fragebogen nicht ausfüllt oder der Musterung fernbleibt, muss mit Bußgeldern bis 1000 Euro rechnen. Bei einer Totalverweigerung droht Freiheitsentzug.
Klimabewegung
Aber ist nicht die Klimabewegung ein schlagender Beweis dafür, dass junge Bürger durchaus in großer Zahl zum protestierenden Engagement für das große Ganze politisch motivierbar sind? Woraus speist sich der Impetus der Klimabewegung in erster Linie? Vermutlich aus einer erheblichen Klimaangst, gepaart mit Wut. Wobei Klimaangst ein Konzept ist, das sich folgendermaßen auffächern lässt: Es geht in erster Linie um eine Sorge um die jeweils eigene Zukunft; der menschengemachte Klimawandel erscheint als unmittelbare Bedrohung der je eigenen Lebensgrundlagen. Es geht um eine Bedrohung des weitgehend noch ungelebten eigenen Lebens, eine Infragestellung von Dasein, das in der Selbstwahrnehmung gerade erst begonnen hat und schon auf das Abstellgleis der Zuspätgeborenen zu geraten droht. Klimaaktivisten machen geltend – dies ist der Wutfaktor –, die ältere Generation habe unverhältnismäßig viele Ressourcen für ein vergleichsweise gutes Leben verbraucht und damit den bevorstehenden Klimakollaps maßgeblich mitverursacht, deren Opfer nun die jüngeren sein werden. – Die Alten hätten den Jungen die Zukunft gestohlen. Oder, wie der Soziologe Ingolfur Blühdorn die Anklage junger Klimabewegter einmal auf den Punkt brachte: Die Älteren haben die Zukunft der Jüngeren verheizt. (Bei alledem bleibt übrigens der folgende Vorwurf an die Eltern-Generation merkwürdig unformuliert oder unausgesprochen: Warum mussten wir überhaupt ins Dasein treten?, oder: Warum habt Ihr uns geradewegs in ein Dasein getreten, in dem uns aufgrund des von Euch verursachten Klimawandels kein gutes Leben mehr beschieden sein kann?)
„Wir haben ein Recht auf Zukunft …“ – heißt es auf Fridaysforfuture.de. Die Aktivistinnen verlangen eine Klimagerechtigkeit, für deren Durchsetzung es Aufgabe der Älteren sei, die von ihnen verschuldeten Abzüge in der Lebensqualität der Jüngeren abzumildern und weitere klimabezogene Infragestellungen eines guten Lebens der Jüngeren abzustellen. Es sei dringend geboten zu handeln; denn wissenschaftlichen Stellungnahmen wird entnommen, dass kaum noch Zeit bleibt, um irreversible Kipppunkte abzuwenden.
Während nun Klimabewegte (insbesondere in der Altersspanne von 16-25 Jahren) in großer Zahl mit entrüstetem Blick auf die gestohlene Zukunft mit großem Recht auf die Straßen gingen, bleibt die „Generation Ostermarsch“, wie gesagt, weitgehend unter sich. An der Kriegsangst der Großeltern und vielleicht der Eltern partizipiert die Generation Klima kaum. Dies ist aus mehreren Gründen verwunderlich:
Erstens: Eine militärische Eskalation kann prinzipiell allen Menschen nicht nur mittelfristig, sondern von heute auf morgen eine lebenswerte Zukunft stehlen oder auch das Leben aller beenden.
Zweitens: Der militärische Komplex ist schon in Friedenszeiten ein erheblicher Klima-Verschlechterer.
Die verglichen mit dem Klimawandel weitaus gravierendere Infragestellung der Zukunft durch den Militär-Wandel (Verkündung einer „Zeitenwende“ und Aufrufe zu neuer „Kriegstüchtigkeit“) weckte unter jungen Bürger/inne/n offenbar nicht annähernd den ihr vielleicht gebührenden Protest. Dabei böte sich eine Allianz allein schon auf der Ebene der Namensgebung an: Fridays for Frieden (in Anlehnung an: Fridays for Future) und eine Umwidmung von Last Generation: Nicht mehr so sehr im Sinne von „Die letzte Generation, die einen drastischen Klimawandel noch abwenden könnte“, sondern: „Diejenige Generation, die die letzte auf Erden sein könnte, wenn sie einen Dritten Weltkrieg nicht abwendet“.
Ist die Generation der 16-25-Jährigen mit Blick auf den Klimawandel durchaus Apokalypse-sichtig, scheint sie den Militär-Wandel betreffend bislang relativ Apokalypse-blind. Auch der extrem erhöhte Verbrauch fossiler Brennstoffe durch den militärischen Komplex, etwa im Ukraine-Krieg, geriet der Klimabewegung als denkbares Allianz-Scharnier nicht ausreichend in den Blick. Warum fehlt bislang eine starke Allianz zwischen Klimabewegung und Antikriegsbewegung? Ein Erklärungsversuch ohne Anspruch: Zentral für eine teilweise Erklärung könnte die Kategorie der Abwendbarkeit sein.
Abwendbarkeit und Kipp-Punkte
Der Klimawandel wird wesentlich wahrgenommen als eine rasante und sich selbst verstärkende globale Bewegung hin zu Kipp-Punkten. Sind diese einmal erreicht, werden die großen Eisschilde der Erde unabwendbar abschmelzen. – Mit unabsehbaren Folgen für den Meeresspiegel, die durchschnittliche Welttemperatur und die Lebensqualität. In seinem Buch Selbstverbrennung resümiert der Klimaforscher H. J. Schellnhuber: „Auf einem um 4 bis 6 °C aufgeheizten Planten mit bis zu 11 Milliarden Bewohnern würden sich soziale Dramen ohne historisches Beispiel abspielen.“ Vermutlich sind es derlei – aber auch weniger dramatische – Szenarien, die Klimabewegte auf die Straße bringen. Man geht im Glauben an die Abwendbarkeit auf die Straße, um einen bereits eingeschlagenen verhängnisvollen Pfad zu unterbrechen.
Die aktuelle gigantische deutsche Aufrüstung, der seit dem 2. Weltkrieg unvergleichliche Feindbildaufbau und die Aufrufe zur Militärbegeisterung und Kriegstüchtigkeit werden von der jüngeren Generation offenbar nur in geringem Ausmaß als ein Pfad wahrgenommen, der gleichfalls Kipp-Punkte aufweist. Kipp-Punkte, bei deren Erreichen ein schlagartiges nukleares Inferno droht – binnen Stunden –, welches die kühnsten Alpträume der Klimabewegten noch in den kühlen Schatten stellt. Aber der Militär-Wende fehlt eine naturwissenschaftliche Unverbrüchlichkeit, die dem Klimawandel zukommt. Es fehlt ein „Bis hierhin – und nicht weiter!“ Es gibt für deutsche Kriegsbeteiligungen in der Ukraine oder im Iran (über Wiesbaden und Ramstein) keine Grad-Zahlen, wie beim Pariser Klima-Abkommen, die nicht überschritten werden dürfen. Militärische Kipp-Punkte lassen sich nicht annähernd so plakativ angeben wie Klima-systemische. So ist etwa die Frage „Schlägt Russland gegen Deutschland zurück, wenn deutsche Taurus-Raketen die Kertsch-Brücke zerstören?“ keiner naturwissenschaftlichen Analyse zugänglich. Solange er noch nicht eingetreten ist, scheint der Kriegsfall immer noch abwendbar. Aber dieser Anschein täuscht: Die Eskalationsspirale aus unterlassener diplomatischer Hilfeleistung, Hochrüstung, Angst vor einem Erstschlag und einem Enthauptungsschlag schraubt sich immer höher, der Ausstieg wird stets schwieriger. Dass der Kipp-Punkt erreicht wurde, wird erst in genau dem Moment offenbar, in dem alles zu spät ist. Hingegen ist jetzt noch Zeit dafür, dass die erheblichen Energien der Klimabewegung in eine Allianz mit der Friedensbewegung einfließen, damit diese nicht mehr ganz so alt aussieht. Allein auf diese Weise ließe sich deutlich vernehmbarer Protest artikulieren. Die übergreifenden Prinzipien sind beidseitig im Spiel: Selbsterhaltung und Abwehr des Siechtums für Milliarden Menschen.
