Seit vier Jahren liegt dieses Buch auf meinem Nachttisch! Manchmal lese ich darin vor dem Einschlafen, aber weil ich mich immer ärgere über das, was ich da lese, unterlasse ich es lieber. Aber nach vier Jahren, in denen ein Einspruch der Betroffenen offensichtlich unterblieben ist, möchte ich mich doch einmal zu Wort melden, ehe die drei Herausgeber Klaus Bästlein, Enrico Heitzer und Anetta Kahane öffentlich verkünden können, sie hätten Recht mit ihrer Einschätzung.
Das Buch trägt den Titel „Der rechte Rand der DDR-Aufarbeitung“ (2022), es heißt bewusst nicht „Der rechte Rand der DDR-Forschung“, sonst wäre ein ganzer Wissenschaftszweig, darunter so angesehene Vertreter ihres Fachs wie Ernst Richert (1912-1976), mit dessen Buch „Das zweite Deutschland: Ein Staat, der nicht sein darf“ (1964) die westdeutsche DDR-Forschung begann, Karl Wilhelm Fricke, Hermann Weber, Klaus Schröder und Jochen Staadt, in Verruf geraten
Der Aufsatz, der mich betrifft, stammt von Enrico Heitzer und trägt den Titel „Rechte Tendenzen in der Aufarbeitung von SBZ und DDR“ (Seite 23 bis 44). Der Verfasser, geboren 1977 in Altenburg/Thüringen, hat, nach dem Dienst bei der Bundeswehr 1996/98, in Halle und Potsdam Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Mit einer Arbeit über die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ wurde er 2012 promoviert. Seit diesem Jahr arbeitet er auch an der 1961 gegründeten „Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen“.
In seinem Aufsatz wirft er mir vor, ständiger Mitarbeiter der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und der Häftlingszeitschrift „Stacheldraht“ zu sein. Offensichtlich sieht er in dieser Mitarbeit gefährliche Folgen für den Bestand der westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Dass ich seit Jahrzehnten auch für die Häftlingszeitschrift „Freiheitsglocke“ schreibe, wird nirgendwo erwähnt.
Besonders nimmt er mir übel, dass ich 2015 im „Deutschen Ostdienst“, der Zeitschrift des „Bundes der Vertriebenen“ in Bonn, über Ilja Ehrenburgs Vergewaltigungsaufruf an die „Rote Armee“ geschrieben habe, denn diesen Aufruf hätte es nie gegeben.
Als nächstes Beispiel meiner rechtslastigen Verworfenheit nennt er meine Rezension des Romans „Jachymow“ (2011) von Josef Haslinger. Sie erschien am 23. September 2011 in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. In der Anmerkung 18 teilt der Verfasser den Lesern mit, dass noch weitere Artikel des Antikommunisten Jörg Bernhard Bilke in der „Jungen Freiheit“ und zugleich im „Stacheldraht“ erschienen seien: Eine Rezension von Linde Salbers Buch über Hermann Kant; eine Rezension von Horst Bieneks autobiografischem Buch übe seine vier Haftjahre im Straflager Workuta am Eismeer; und eine Rezension über einen verschollenen Roman Siegfried Pitschmanns, des zeitweiligen Ehemanns von Brigitte Reimann.
Dass meine Rezensionen in mehreren Presseorganen zeitgleich erschienen, daraus zieht Enrico Heitzer offensichtlich den Schluss, dass hier ein antikommunistisches Netzwerk aktiv ist, das unentdeckt sein böses Spiel mit dem untergegangenen SED-Staat treibt. Leute, die zu DDR-Zeiten politisch verfolgt und Jahre ihres Lebens in DDR-Zuchthäusern verbracht hätten, wären, das möchte er uns weismachen, denkbar ungeeignet, die 40 DDR-Jahre zu beurteilen. Oder, anders ausgedrückt: Leute mit einem solchen Vorleben sind in der DDR-Aufarbeitung unerwünscht!
Die Wirklichkeit ist freilich komplizierter: Ich habe, 1937 geboren, fünf Semester Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert und anschließend zwei Semester in Mainz. Während meiner Berliner Jahre, im Oktober 1959, fuhr ich nach Leipzig, um meine Tante zu besuchen, die als Bibliothekarin an der Deutschen Bücherei (Heute: Deutsche Nationalbibliothek) arbeitete. Ich hatte im Sommersemester 1959 mehrere Artikel des im Sommer 1957 vor drohender Verhaftung aus Leipzig geflohenen Schriftstellers Gerhard Zwerenz (1925-2015) gelesen, die er in überregionalen Zeitungen über seinen Freund Erich Loest (1926-2013) veröffentlicht hatte. Der war am 22. Dezember 1958 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ vom Bezirksgericht Halle zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden.
Nun wollte ich gerne die drei Romane Erich Loests, die er vor seiner Verhaftung am 14. November 1957 veröffentlicht hatte, in der Deutschen Bücherei ausleihen, bekam sie aber nicht. Der Bibliothekar meinte, wenn ich die Bescheinigung eines Professors beibrächte, dass ich diese Bücher für wissenschaftliche Zwecke benötigte, könnte er sie mir für den Lesesaal überlassen. Ich erzählte das meiner Tante, die in der Leipziger Oststraße 9 wohnte, und die riet mir, Annelies Loest, Erichs Frau, die in der Oststraße 5 wohnte, aufzusuchen und mir dort die drei Bücher auszuleihen.
Ich wartete die Dunkelheit ab, bis ich an einem verregneten Oktoberabend ins übernächste Haus schlich. Annelies Loest wohnte im ersten Stock und ließ mich ein. Ich durfte die drei Romane mitnehmen. Wenige Tage später fuhr ich mit dem Zug über Magdeburg nach Helmstedt, wo mein Moped geparkt war. Von dort fuhr ich zurück nach Westberlin, las die drei Romane und schickte sie im Dezember 1959 zurück nach Leipzig, vorsichtshalber mit falschem Absender und von einem Ostberliner Postamt.
Im Herbst 1960 ging ich an die Universität Mainz, wo das seltene Fach Komparatistik angeboten wurde. Das gab es nur in der Französischen Besatzungszone, in den Universitätsstädten Aachen, Mainz und Tübingen. Meine Eltern wohnten im Dorf Bruchköbel bei Hanau, also fuhr ich täglich zwei Stunden mit dem Zug über Hanau und Frankfurt/Main nach Mainz. In Frankfurt kaufte ich mir immer die Tageszeitung WELT und las dort im Dezember, der Philosophiestudent Günter Zehm (1933-2019), der 1957 wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, wäre nach drei Jahren Haft in Torgau und Waldheim freigelassen worden und einem Betrieb in seiner Heimatstadt Crimmitschau zur Arbeit zugeteilt wordenvon . Einen Monat später las ich in der WELT, Günter Zehm wäre nach Westberlin geflohen.
Im Sommersemester 1961 wurde ich Mitarbeiter der Mainzer Studentenzeitschrift „nobis“ und veröffentlichte dort im Juni/Juli 1961 fünf DDR-kritische Artikel und besuchte am 8. Juli 1961 Gerhard Zwerenz in Köln. Er bat mich, wenn ich im September zur Leipziger Buchmesse führe, Annelies Loest zu grüßen und Material über Erich Loest für einen Artikel „Auf den Spuren eines verschollenen Schriftstellers“ zu sammeln, den er in der Wochenzeitung ZEIT veröffentlichen wollte.
Und dann kam, am 13. August 1961, der Mauerbau in Berlin. Ich wurde unsicher, ob ich jetzt nach Leipzig fahren sollte und versuchte, am 4. und am 5. September, Günter Zehm zu erreichen, der inzwischen in Langen bei Frankfurt wohnte, aber er war an beiden Tagen nicht am Ort. Am Mittwoch, 6. September, fuhr ich mit meinem Motorrad nach Leipzig, am 9. September wurde ich auf dem Karl-Marx-Platz verhaftet und am 22. Januar 1962 wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach drei Jahren, am 25. August 1964, wurde ich aus dem Zuchthaus Waldheim/Sachsen gegen die Zahlung von 40 000 Westmark von der Bundesregierung in Bonn freigekauft.
Bei dieser Vorgeschichte dürfte es verständlich sein, dass ich und Hunderte meiner Mithäftlinge nicht gerade positiv zum SED-Staat eingestellt sind und die 40jährige DDR-Geschichte kritisch sehen. Dennoch habe ich nach meiner Haftentlassung eine Reihe von Aufsätzen und Dutzende voRezensionen zur DDR-Literatur geschrieben, die, trotz ihrer antikommunistischen Tendenz, Anerkennung fanden. Das aber sieht Dr. Enrico Heitzer nicht, die Biografie der Leute, die über DDR-Themen schreiben, interessiert ihn nicht. Ich habe 1969 in der Zeitschrift DEUTSCHUNTERRICHT, zwei längere Aufsätze über DDR-Literatur veröffentlicht, weil mich Prof. Dr. Fritz Martini in Stuttgart darum gebeten hatte. In einem der 20 Suhrkamp-Taschenbuch-Bände mit den Forschungsergebnissen der „Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ habe ich, auf Wunsch des DDR-Forschers Karl Wilhelm Fricke, einen Aufsatz über DDR-Gefängnisliteratur veröffentlicht unter dem Titel „Unerwünschte Erinnerungen“ (27 Seiten). In der Zeitschrift DEUTSCHLANDARCHIV stand von mir 2011 der Aufsatz „Hans Mayer und der 17. Juni 1953“. Mein langer Aufsatz „DDR-Literatur als Informationsträger“ (1984) ist Enrico Heitzer nicht bekannt.
Wegen meiner Dissertation über Anna Seghers (1900-1983) bin ich im März 1973, als ich an der Indiana University in Bloomington/Indiana arbeitete, für eine Woche nach Mexiko geflogen, um nach Spuren von Anna Seghers zu suchen, die dort 1941/47 im Exil lebte. Mit Erich Loest, Karl Heinz Jakobs, Reiner Kunze und Peter Huchel war ich Jahrzehnte befreundet.
Aber diese autobiografischen Motive meiner Beschäftigung mit der DDR-Literatur interessieren Dr. Enrico Heitzer nicht. Ihm scheint nur wichtig zu sein, dass ich in der „Jungen Freiheit“ schreibe und dass diese Artikel dann auch im „Stacheldraht“ erscheinen. Er kennt auch nur zwei Rezensionen zur DDR-Literatur von mir: die über Sabine Salbers Hermann-Kant-Buch und die über Siegfried Pitschmann, alle anderen Artikel von mir, die er erwähnt, haben nichts mit DDR-Literatur zu tun. Aber das reicht ihm, um mich in die „rechte Ecke“ zu stellen.
