Rechtskräftig zu fast neun Jahren Haft verurteilt, wurde der Emsländer Millionen- und Titelbetrüger Hendrik Holt einst „streng katholisch“ erzogen. Von Benedikt Vallendar.
Medial ist Hendrik Holt (36) aus Haselünne im Emsland allgegenwärtig. Als Talkgast, in Podcasts und jüngst sogar in einer Dokumentation der ARD. Was sich viele fragen: Spielt der eine Rolle? Oder meint der das ernst? Und wie kann jemand so skrupellos Verbrechen begehen und darf darüber noch exklusiv zur Primetime im Fernsehen berichten? Zu fast neun Jahren Haft wegen erfundener Windparkprojekte wurde Holt verurteilt. Inzwischen ist er Freigänger und selbst ernannter Berater für angehende Jungmanager, obgleich er sein BWL- und Jurastudium bis heute nicht beendet haben soll. Dass sich seine Haftzeit dem „Ende zuneige“, er noch einen „Bentley besitze“ und sich in Zukunft weiter „als Unternehmer“ betätigen und „Milliarden verdienen“ wolle, lautet das Mantra eines Mittdreißigers und Familienvaters, der deutlich mehr Schulden als Vermögen haben dürfte.
Wovon er das alles bezahlen will? Dazu schweigt Holt ebenso wie zur Frage, warum er nach seiner Haftzeit angeblich „nicht arbeiten“ müsse. Denn Spekulationen um angeblichen Reichtum seiner Ehefrau, einer gelernten Erzieherin haben sich zwischenzeitlich nicht bestätigt.
Größenwahn oder die Schaumschlägerei eines unverbesserlichen Betrügers, der Energiekonzernen mehrere Millionen Euro abgeknöpft hat? Einst wurde Hendrik Holt, Sohn einer Unternehmerfamilie konsequent katholisch erzogen, heißt es, zu Kirchgang, Bescheidenheit und Beten vor allen Mahlzeiten, wie seine Oma einem Fernsehsender berichtet hat. Doch irgendwie scheint das alles spurlos an ihrem Enkel vorübergegangen zu sein. In seiner heimischen Kirchengemeinde in Haselünne ist er nicht mehr gemeldet, sagt der örtliche Pfarrer, und wo und wovon Hendrik Holt lebe, bleibe vielen ein Rätsel.
2010 hatte der Betrüger am Haselünner Kreisgymnasium Sankt Ursula mit 20 Jahren das Abitur bestanden; nach zahlreichen internen Streitereien mit Lehrern, wie es heißt, und schon früh von einer Karriere als Unternehmer geträumt. Die historischen Wurzeln des Gymnasiums reichen zurück ins 17. Jahrhundert, als sich im Gebäude ein katholisches Frauenkloster befand. Und Haselünne zu einem Kleinod katholischer Bildung und Erziehung heranwuchs. Doch zu ihrem ehemaligen Schüler äußern möchte sich die Schulleitung nicht. Wegen Problemen „beim Datenschutz“, wie Oberstudiendirektor Norbert Schlee-Schüler sagt. Und auch, weil sich im Kollegium „kaum noch wer an den Hendrik erinnern“ könne, so ein anderer Lehrer, der hier nicht genannt werden möchte.
Recherchen im schulischen Umfeld legen offen, dass Hendrik Holt immer gern auf den Putz gehauen hat, sich früh als Jungunternehmer präsentierte und all jene zu Langeweilern degradierte, die Lehrer, Banker oder Angestellte im Öffentlichen Dienst werden wollten. „Hendrik hat gern geprahlt und war dafür bekannt, sich mit Lehrern anzulegen, wenn ihm was nicht passte. Er verstand es, Klassenmeinungen in seine Richtung zu drehen und Lehrern das Leben schwerzumachen“, erinnert sich eine ehemalige Klassenkameradin, die heute erfolgreich in der Immobilienbranche arbeitet. Als sie von den Betrügereien Holts mit tausenden gefälschten Dokumenten hörte, sei sie fassungslos gewesen, sagt sie. Denn schließlich lebe das Bau- und Vermietungsgewerbe in besonderem Maße von Vertrauen.
Indes schien das Leben des Hendrik Holt vorgezeichnet zu sein: Im Kindergarten strapazierte er die Nerven seiner Erzieher, später spannte er Politiker und PR-Leute für seine kriminellen Taten ein; einige ließen sich darauf ein, andere gingen auf Distanz, gleichwohl Holt immer gern den „engen Zusammenhalt“ in seiner Familie betont. Und dass selbst Mafiafamilien nicht per se etwas „Schlechtes“ sein müssen.
Doch um gar nicht erst in die reputative Nähe eines Mafiosi zu geraten, organisierte sich Holt kurzerhand im Ausland einen Doktortitel, dem keine anerkannte Dissertationsschrift zugrunde lag, und wofür der „Doktor von Gottes Gnaden“ dann noch zusätzlich vier Monate Haft wegen Titelmissbrauchs kassiert hat.
