Ein katholisches Manifest

lessing lessingstadt dichter deutsch philosoph, Quelle: dmncwndrlch, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Mit seiner vor 250 Jahren in Braunschweig uraufgeführten „Emilia Galotti“ legte Gotthold Ephraim Lessing auch ein persönliches Glaubensbekenntnis ab.

Ein „bürgerliches Trauerspiel“, so bezeichnen deutsche Schulbücher von jeher Gotthold Ephraim Lessings Drama „Emilia Galotti“. In fast allen Bundesländern gehört das am 13. März 1772 in Braunschweig uraufgeführte Drama – zumindest an Gymnasien – zur Pflichtlektüre, und in manchen gar zum Kanon der Abiturpflichtlektüre im Fach Deutsch. Generationen deutscher Schüler kennen das Werk, das als Klassiker gilt. Und in der Tat. Der Stoff hat es in sich. Trauer, Spiele, Intrigen und menschliche Abgründe sind die Ingredienzen einer mörderischen Tragödie um den Prinzen Hettore Gonzaga von Guastalla, seinen zwielichtigen Kammerherrn Marinelli und die jüngste Tochter Emilia der hoch angesehenen Familie Galotti, die am Ende ihr Leben lässt, um nicht in die Fänge des Regenten zu geraten. Sicherheitshalber hatte Lessing das Stück den herzoglichen Behörden zur Vorabdurchsicht vorgelegt, bevor es noch im selben Jahr neun weitere Aufführungen erlebte und einen bis heute anhaltenden, auch internationalen Siegeszug antrat. Die letzte Verfilmung der Emilia Galotti unter der Regie Andreas Morells kam 2005 in deutsche Kinos.

Lessing, der sich als Hofbibliothekar in Wolfenbüttel seinen Lebensunterhalt nur mühsam verdiente, zeigte sich gut beraten, den Schauplatz für seine Emilia Galotti nicht in heimatliche Gefilde, sondern ins ferne Italien, nach Guastalla, einen damals tatsächlich existenten Zwergstaat in Norditalien zu verlegen. Repressionen, Ärger und gar seine Entlassung drohten, hätte er seine Gesellschaftskritik zu offensichtlich vorgetragen. Der Uraufführung in Braunschweig blieb er denn auch persönlich fern. „Wohingegen er zuvor kräftig beim Casting mitgemischt und Vorgaben für Kostüme, Perücken und Bühnenbild gemacht hatte“, sagt Johannes Ehmann, Pressesprecher des Staatstheaters Braunschweig, das sich dem geistigen Erbe der Emilia Galotti bis heute verpflichtet fühlt.

Katholischer Avantgardist

Noch weit mehr als zu den Idealen der heranbrechenden Moderne bekennt sich Lessing, gebürtiger Sachse und einst Student der Theologie, in der Emilia Galotti zu seinen christlichen Wurzeln, zu einem Glauben mit menschlichem Antlitz, der sich abgrenzt von den Lebensgewohnheiten des hohen Klerus und des Adels, der seine Privilegien im 18. Jahrhundert hartnäckig verteidigte, derweil die von der Aufklärung getragenen Emanzipationsbestrebungen ein Theorem blieben, dessen Praxistauglichkeit erst mit Ausbruch der Französischen Revolution 1789 auf die Probe gestellt wurde. Bevor sie in den Blutorgien der Jakobiner gegen Klöster, Kleriker und Querdenker in den Terrorjahren 1792 bis 1794 ein jähes und desillusionierendes Ende fand.

Schauplatz Kirche

Lessing nahm mit dem Stück gedanklich – gewollt oder ungewollt – den Übergang von der Feudal – zur Seelsorgekirche vorweg, einen bis heute andauernden, oft schmerzhaften Prozess innerhalb der römisch-katholischen Kirche, dessen Konturen sich im 19. Jahrhundert anbahnten und der seinen Ursprung im napoleonischen Reichsdeputationshauptschluss von 1803 hatte, in dem die Massenenteignung der Kirche besiegelt und der Anspruch ihrer Amtsträger auf staatliche Alimentierung festgeschrieben wurde. „Zentrales Moment für das Lessingsche Glaubensbekenntnis ist wohl die Begegnung zwischen Emilia und dem Prinzen in einer Kirche“, sagt die Germanistin und Theologin Barbara Michels, also jener Moment, als Emilia, in sich gekehrt und in Vorbereitung ihrer bevorstehenden Eheschließung mit dem Grafen Appiani, die Tuchfühlung mit Gott sucht und dabei von den Annäherungsversuchen des Prinzen überrumpelt wird. Emilia, geschockt und ihr Heil in Jesus Christus suchend, schildert später ihrer Mutter Claudia, was sich im Gotteshaus zugetragen hat, derweil der Prinz in ihr nur eine weitere Mätresse sieht, die er sich gefügig macht, was Autoren der Sekundärliteratur oft fälschlicherweise mit „Liebe“ verwechselt haben.

Familie statt Femme fatale

Fest steht: Lessing übte mit der Emilia Galotti unverhohlen Kritik an den Ritualen der höfischen „Mätressenwirtschaft“ des 18. Jahrhunderts, die den heutigen Rotlichttempeln an deutschen Bundes- und Autobahnen in vielem ähnelte. Emilia, das Mädchen mit dem Antlitz einer zart besaiteten Madonna entlarvt das über Jahrhunderte praktizierte Verhalten des Adels gegenüber niederen, später bürgerlichen Schichten als demütigend, unmenschlich und damit dem christlich-katholischen Glauben zuwiderlaufend. Der Übergang von einer Macht ausübenden und auch Kriege führenden Kirche, wie sie seit dem frühen Mittelalter Usus war, zu einer nur in Jesus Christus verwurzelten Glaubensgemeinschaft erklärte Lessing zum Axiom einer sich wandelnden Gesellschaft, wenige Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution.  Rezensenten haben die „Emilia Galotti“ wiederholt als politisches Werk bezeichnet, da in ihr die Sollbruchstellen des Ancien Régime gnadenlos zum Vorschein kommen. Angefangen bei den frivolen Avancen des Prinzen gegenüber früheren Geliebten, über ein eilig zu unterzeichnendes Todesurteil bis hin zu der von Marinelli initiierten Mordattacke auf den Grafen Appiani, womit Emilias Eheglück den Nachstellungen des allmächtig scheinenden Regenten zum Opfer fällt.

Fast hätte Emilia den Pfad der Tugend und des Familienglücks verlassen und wäre als Femme fatale im Bette des Regenten geendet, wäre sie nicht durch die Hand des Vaters von ihren Qualen befreit worden. Parallelen zur Kreuzigung Jesu, bekanntlich auch einem Akt der Erlösung von den Sünden der Welt, werden deutlich. Denn ob Emilia oder Jesus Christus, in beiden Fällen kommt es zum unkonventionellen Aufstand gegen die oberflächliche Glamourwelt des Irdischen und zum Plädoyer für ein natürliches Daseinsglück in christlich-familiärem Ambiente, für das sich Appiani und Emilias Vater Odoardo einst erwärmten. In der Rückschau mag Lessings Emilia Galotti wirken wie ein katholisches Manifest für eine Gesellschaft, die das Diesseits erträglich macht, und in der die Menschen ihr Seelenheil beim himmlischen Vater verorten.

Über Benedikt Vallendar 44 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.