Wolf Biermann: Wenn das „Neue Deutschland“ plötzlich Reue zeigt

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Selbstbeschimpfung

Im Vorfeld des 50. Jahrestags der Ausbürgerung des „Liedermachers“ Wolf Biermann am 16. November 1976 übt die Redaktion der einstigen SED-Zeitung „Neues Deutschland“, die es noch immer gibt, am 24. April Selbstkritik unter dem Titel „Ein unerhörter Sänger“.

Dabei waren die ND-Redakteure im Herbst 1976 federführend in der maßlosen Beschimpfung des Dichters und Sängers, der die DDR-Zustände in Politik und Kultur aus marxistischer Sicht anprangerte. Als Sohn des Kommunisten Dagobert Biermann (1904-1943), der im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde, zog Wolf Biermann 1953 von Hamburg nach Ostberlin, wo er kommunistisch erzogen wurde. Das, was er dort gelernt hatte, wendete er nun in Liedern und Gedichten gegen die eigenen Genossen.

Als er vom Deutschen Gewerkschaftsbund eine Einladung zu einem Konzert am 13. November 1976 in Köln erhielt, durfte er ausreisen, aber nicht wieder einreisen. Die Begründung: „wegen grober Verletzungen staatsbürgerlicher Pflichten“ und „feindseligem Auftreten“. Von nun an galt er als „Konterrevolutionär“, der seit dem 16. November 1976 den Boden des „Arbeiter- und Bauernstaats“ nicht mehr betreten durfte. Da ihn in der DDR aber niemand kannte, wiederholte das ZDF das Kölner Konzert vom 13. November in der Nacht vom 19. zum 20.November noch einmal. Danach gab es Protestbriefe an das SED-Politbüro, das höchste Machtzentrum im SED-Staat. In der Folge reisten 1976/77 Dutzende von DDR-Intellektuellen nach Westdeutschland aus.

Wolfgang Hübner, der Verfasser des Entschuldigungsartikels vom 24. Mai, ist 1950 in Cottbus geboren und hat 1981/85 an der Sektion Journalistik der Leipziger Universität studiert, der Kaderschmiede des DDR-Journalismus, inoffiziell auch „Rotes Kloster“ (Brigitte Klump) genannt. Bis zum Mauerfall 1989 hat er gewiss das aggressive Vorgehen seiner Partei gegen die Opposition unterstützt. Diese Tränen der Reue kommen ein halbes Jahrhundert zu spät!

Über Jörg Bernhard Bilke 286 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.