Sören Kierkegaard (1813 – 1855) wird in großer Übereinstimmung unter Philosophen als der erste große Existenzphilosoph der Moderne gewürdigt. In philosophischen Abhandlungen wird er oft als „Vater der Existenzphilosophie“ bezeichnet. Kierkegaard hat eine wesentliche Wurzel in der Philosophie der griechischen Antike. Sein großes Vorbild war Sokrates. Über ihn hat er nach dem erfolgreichen Philosophie- und Theologie-Studium promoviert. Die enge Beziehung zum dem griechischen Philosophen hat ihm die Bezeichnung „Sokrates von Kopenhagen“ eingebracht. Der Philosoph Karl Jaspers hielt Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche für die beiden bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts.
Kurzes biografisches Porträt
Sören Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in Kopenhagen geboren. Er war der Jüngste von sieben Kindern. Sein Vater war ein wohlhabender Textilhändler, der wesentlich die Entwicklung des Sohnes prägte und bei der Geburt von Sören bereits 56 Jahre alt war. Vom Wesen her war der Vater streng protestantisch, melancholisch, schwermütig und hatte einen sehr autoritär-repressiven Erziehungsstil. Kierkegaard schilderte seine Kindheit wie folgt:
„Ich bin von einem Greis ungeheuer streng im Christentum erzogen worden. Deshalb ist mein Leben mir furchtbar verwirrt worden“. Fünf seiner Geschwister sind früh gestorben, seine Mutter starb als er 21 Jahre alt war. Als Sören Kierkegaard 25 Jahre alt war, starb auch sein Vater und somit waren fast alle seiner ehemals großen Familie tot. Die vielen Todesfälle haben die schwermütige Grundstimmung der Familie noch verstärkt, so dass emotional negativ besetzte Phänomene dominant waren: Erbsünde, Schuld, Strafe, Vernichtung, ewige Qual und Pein. Insofern ist es bemerkenswert, dass gerade Freiheit und Befreiung zentrale Elemente seiner Existenzphilosophie wurden.
Eine zweite Person prägte das Leben von Sören Kierkegaard: Regine Olsen. Mit 24 Jahren lernte er die 10 Jahre jüngere, noch minderjährige Regine Olsen kennen. Beide fühlten sich stark zueinander hingezogen und verlobten sich, als sie 18 Jahre alt wurde. Ein Jahr später löste Kierkegaard unter großen Zweifeln, Ambivalenz und Skrupeln diese Verlobung. Von da an hatte er nie wieder eine Beziehung mit einer Frau. Die Beziehung mit Regine verarbeitete er literarisch in der Abhandlung „Tagebuch des Verführers“, die im Jahr 1843 in dem umfassenden Werk „Entweder – Oder“ erstmals publiziert wurde.
Nach der Lösung der Verlobung lebte Kierkegaard die letzten 14 Jahre seines kurzen Lebens stark vereinsamt mit einem Diener in Kopenhagen und hat diese Stadt nur zu drei kurzen Reisen verlassen.
Sören Kierkegaard studierte an der Universität Kopenhagen Philosophie und Theologie. Er promovierte über Sokrates. Nach dem Tod des Vaters schrieb er in den wenigen Jahren, die ihm dazu blieben, wichtige Werke der Existenzphilosophie, philosophische und psychologische Abhandlungen, religionskritische Schriften, Zeitschriftenartikel und Tagebücher. Am 11. November 1855 ist Sören Kierkegaard in Kopenhagen nach einem Schlaganfall im Alter von 42 Jahren gestorben.
Er hinterließ ein umfangreiches Werk als Philosoph, Theologie, Psychologe und Schriftsteller. Die deutschsprachige Gesamtausgabe umfasst 35 Bände.Über Sören Kierkegaard gibt es zahlreiche Biografien, die ins Deutsche übersetzt wurden. Verbreitet ist die von Joakim Garff (2004) und zuletzt jene der britischen Kierkegaard-Expertin Clare Carlisle (2020).
Kierkegaard – der Sokrates von Kopenhagen
Sören Kierkegaard hat nach erfolgreichem Abschluss seines Philosophie- und Theologie-Studiums an der Universität Kopenhagen promoviert. Seine Dissertationsschrift trägt den Titel „Begriff der Ironie mit ständiger Hinsicht auf Sokrates“. Dass sich Kierkegaard mit Sokrates genau diesen griechischen Philosophen auswählte, ist charakteristisch für sein späteres philosophisches Werk. Denn die Kunst des Hinterfragens bei Sokrates und die Grundzüge des „sokratischen Dialogs“ faszinierten Kierkegaard von Anfang an. Wie Sokrates stellte auch er Grundfragen der menschlichen Existenz:
„Was ist er Mensch? Wie kann ich Mensch sein in dieser Welt? Wie findet der Mensch sein Selbst und seine subjektive Wahrheit?“
Das dialogische Hinterfragen als Prozess des Erkennens und des Findens war für Kierkegaard wichtiger als das Streben nach objektiver und rationaler Erkenntnis. Sein genuines Interesse an menschlichen Phänomenen wie Angst, Freiheit oder Selbstfindung wollte er subjektiv und intersubjektiv im wechselseitigen Dialog erhellen. Er dachte in der philosophischen Tradition von Sokrates – das Dialogische war für ihn der sinnvollste Weg zur subjektiven Wahrheit. Diese zog er einerfragwürdigen objektiven und rationalen Erkenntnisvor. Insofern war Kierkegaard schon zu Lebzeiten ein leidenschaftlicher Kritiker der systematischen und rationalen Philosophie von Hegel.
Hauptwerke
Als philosophische Hauptwerke dürfen die folgenden hervorgehoben werden (bei einer Gesamtausgabe von 35 Bänden ist die Auswahl wohl schwierig – und im Sinne von Kierkegaard selbst fragwürdig und dialogisch diskussionswürdig):
Eine große Resonanz bis ins 21. Jahrhundert fand eine „psychologische Abhandlung“, die als Teil von „Entweder – Oder“ im Jahr 1843 erschien und immer wieder gesondert neu aufgelegt wurde: es geht um das „Tagebuch des Verführers“, das als psychologische Verarbeitung der Beziehung zu Regine Olsen gewürdigt werden kann. Der Originaltext aus dem Jahr 1843 beschreibt die Liebensbeziehung zwischen Sören Kierkegaard und Regine Olsen. Diese je nach Ausgabe etwa 200 Seiten umfassende Abhandlung wurde in der Folgezeit immer wieder gesondert und neu in Buchform aufgelegt. Die Analyse dieser hoch komplexen Liebesbeziehung wird von Auflage zu Auflage ergänzt durch Nachworte, die den mittlerweile publizierten realen Briefwechsel von Kierkegaard und Regine Olsen sowie die Tagebücher von Sören Kierkegaard berücksichtigen. Das in „Tagebuch des Verführers“ beschriebene Liebespaar Johannes und Cornelia (realiter: Sören Kierkegaard und Regine Olsen) wurde in den fast 200 Jahren literarischer Rezeption zu einem Liebespaar der Weltliteratur wie Romeo und Julia oder Tristan und Isolde. Das Besondere heute ist die Modernität der Beziehungsanalyse. Es gibt mittlerweile zahlreiche psychologische Studien, die die gescheiterte Beziehung von Sören Kierkegaard und Regine Olsen im Lichte der Narzissmus-Theorie analysieren. Diese Deutungen sind ein weites, aber aktuell viel beachtetes Thema. Der Verführer Sören Kierkegaard erscheint darin als Prototyp von „moderner toxischer Männlichkeit“, der die unschuldige Regine Olsen verführt und dann fallenlässt. Das Thema ist hochaktuell – und führt im 21. Jahrhundert zu Neuauflagen von „Tagebuch des Verführers“ – zuletzt im Verlag Artemis und Winkler (Düsseldorf 2004) und im Verlag Manesse (Zürich 2013).
Rezeptionsgeschichte und Wirkung für die Philosophie, Theologie, Psychologie und Literatur
Menschliche Phänomene wie Angst, Freiheit oder Selbstfindung stehen im Mittelpunkt der Existenzphilosophie von Sören Kierkegaard. Diese wollte er im wechselseitigen Dialog erleben, erkennen und reflektieren. Er war damit seiner Zeit voraus und setzte ganz auf Dialog, Beziehung und intersubjektive Kommunikation. Insofern ist Kierkegaard ein sehr moderner und psychologisch fragender Philosoph. Gerade diese Modernität bewirkte, dass seine Werke im 20. Jahrhundert in ganz Europa in vielen Wissenschaftsdisziplinen eine beachtliche Wiederentdeckung und Resonanz erlebten. Existenzphilosophen in Frankreich (Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir) und in Deutschland (Friedrich Nietzsche, Karl Jaspers, Martin Heidegger) entdeckten ihn und diskutierten seine Werke. Theodor W. Adorno schrieb im Jahr1931 bei Professor Paul Tillich seine Habilitationsschrift über Sören Kierkegaard. Evangelische Theologen wie Karl Barth, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer rezipierten und diskutierten seine theologischen Beiträge. Schriftsteller wie Franz Kafka, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt waren von Kierkegaards Schriften fasziniert. In der Psychologie wurde er als Wegbereiter der Psychologie und als Tiefenpsychologie gewürdigt.
Literatur
Adorno, Theodor W., Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. 2. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986
Carlisle, Clare, Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Sören Kierkegaard. Klett-Cotta, Stuttgart 2020
Garff, Joakim, Kierkegaard. Hanser, München 2004
Kierkegaard, Sören, Entweder – Oder (1843)
Kierkegaard, Sören, Furcht und Zittern (1843)
Kierkegaard, Sören, Der Begriff Angst (1844)
Kierkegaard, Sören, Die Krankheit zum Tode (1849)
Kierkegaard, Sören, Gesammelte Werke, Eugen Diederichs Verlag, Jena 1950 – 1974
Kierkegaard, Sören, Deutsche Sören Kierkegaard Edition. In Zusammenarbeit mit dem Sören-Kierkegaard-Forschungszentrum Kopenhagen. Hrsg. Von Niels Jörgen Cappelörn, Hermann Deuser, Joachim Grage, Heiko Schulz. Walter de Gruyter, Berlin 2005ff.
Kierkegaard, Sören, Tagebuch des Verführers. Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2004
Kierkegaard, Sören, Tagebuch des Verführers. Manesse Verlag, Zürich, München 2013
Korrespondenzadresse:
Professor Dr. med. Herbert Csef
Email: herbert.csef@gmx.de
