Argumente für eine vitale demokratische Streitkultur: Rechts und links in Geschichte und Gegenwart

Links - rechts rechts - links

Den meisten Menschen bereitet es keine Schwierigkeiten, sich politisch links, in der Mitte oder rechts zu verorten. Die deutschen Parteien sind zögerlicher. Nur DIE LINKE kultiviert ihre Richtung selbstbewusst als Marke. Für eine wie auch immer geartete Rechte ist das aktuell undenkbar. Die meisten Parteien verorten sich in der „Mitte“ oder versuchen, die Relevanz der Rechts-links-Unterscheidung grundsätzlich in Zweifel zu ziehen und durch andere Unterscheidungsmerkmale zu ersetzen.

Ein wenig aussichtsreiches Unterfangen, folgt man zwei 2025 erschienene Publikationen, die sich mit der ungebrochenen Relevanz der Rechts-links-Unterscheidung auseinandersetzen: ein weit ausholender und politisch pointierter Essay des Würzburger Ordinarius für Neueste Geschichte, Peter Hoeres, und eine eher ideengeschichtlich angelegte Überblicksdarstellung des Göttinger Historikers und Publizisten Karlheinz Weißmann. Die beiden Werke ergänzen einander bei in der Sache begründeten thematischen Schnittmengen gut.

Beiden Autoren ist bewusst, dass die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ über die Epochen und Regionen hinweg höchst Unterschiedliches bedeutet haben und sich einer abschließenden Definition entziehen. Völlig beliebig sind sie dennoch nicht. Für Weißmann sind nicht die vergänglichen Weltanschauungen relevant, sondern Denkstile, die sich beim Blick auf den Menschen und seine Erkenntnismöglichkeiten, auf Geschichte und Natur zeigen. Der eher optimistischen Anthropologie der Linken steht eine skeptische der Rechten gegenüber. Hoeres nennt für die Rechte „Stabilität, Tradition, Ordnung, Herrschaft, Hierarchie, Differenz, Natur, die Patria und die Institutionen“ und für die Linke den „Aufstand gegen die als Ungerechtigkeit empfundene materielle, politische und kulturelle Ungleichheit“.

Hoeres verfolgt mit seinem Essay ein klar benanntes politisches Anliegen. Eine Befriedung der politischen Kultur und des Zusammenlebens könne nur gelingen, wenn die Ächtung von „Rechts“ zu einem Ende komme und diese Option wieder Eingang in die deskriptive und analytische Normalsprache finde, den Begriffen also wieder eine echte Orientierungsfunktion zukomme.

Rund ein Drittel seines Buches verwendet er darauf, den lange maßgeblichen „Vorrang der rechten Seite“ darzulegen. Von der Disposition zur Rechtshändigkeit, über die Sprache, die Sitzordnung bei Hof bis zu den Religionen und weiteren Bereichen. Beispiele: Jesus sitzt zur Rechten Gottes, Wörter wie richtig, das Recht und Rechtgläubigkeit sind von rechts ableitbar wie linkisch und gelinkt werden von links.

Mit der Französischen Revolution (1789) wird dieses Muster durchbrochen. In der Nationalversammlung saßen die Verteidiger der Monarchie und mithin Gegner der Revolution rechts, wie es der Tradition entsprach. Zumindest politisch wurde die linke Seite die tendenziell bevorzugte. Aus diesen Anfängen entwickelten sich die Sitzordnungen in den Parlamenten mit einer Linken, der Mitte und einer Rechten.

Hoeres wie Weißmann beziehen Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die USA in ihre vergleichenden Analysen ein. Hoeres untersucht zudem, in welchen Schritten und Formen sich die Rechts-links-Unterscheidung in anderen Kulturkreisen ausgebreitet hat, etwa in Russland, Lateinamerika, Japan oder Afrika. Dabei zeigt sich unter anderem, dass die Begriffe links und rechts in Fernost eher komplementär gebraucht werden und häufig eher analytischen als politisch-praktischen Wert hatten.

Weißmann skizziert für das 19. Jahrhundert die weltanschaulichen Lager des Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus in eigenen Unterkapiteln und zeigt, dass deren Gewicht und ihre Ausprägungen sich von Land zu Land deutlich unterschieden. Einzelne spielten je nach Land bis weit in das 20. Jahrhundert kaum eine Rolle. So stellten die heutigen Demokraten und Republikaner in den USA lange lediglich eher konservative und progressive Spielarten des Liberalismus dar, was beide Autoren ausführen.

Während Hoeres bei seinem weltweiten Rundblick auf Epochengrenzen verzichtet, widmet Weißmann dem 20. Jahrhundert ein eigenes Kapitel und vergleicht zunächst den „American Way“ – das Muster der liberalen parlamentarischen Demokratien – mit drei Spielarten des Totalitarismus: dem linken Sowjetkommunismus, dem weder linken noch rechten italienische Faschismus und dem rechten deutschen Nationalsozialismus.

In der historisch wie politisch heiklen Frage, wo der Nationalsozialismus zu verorten ist, legt sich Weißmann damit unter dem Strich fest. Wie Hoeres wägt er sorgfältig die Frage, was am Nationalsozialismus links und rechts gewesen sei. Handelte es sich beim Faschismus wie dem Nationalsozialismus doch um Ideologien, die sozialistische wie nationalistische Elemente verbanden und damit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert keineswegs allein waren. Hoeres lässt die Frage offen und stellt drei Perspektiven nebeneinander: das Selbstverständnis der Nationalsozialisten, ihre Einordnung durch Zeitgenossen und die analytisch-wissenschaftliche.

Wie in manch anderen Punkten sind sich beide Autoren darin einig, dass der Nationalsozialismus jedenfalls keine Spielart des Konservatismus war. Für Hoeres´ weitere Argumentation ist dies besonders relevant. Seinem politischen Anliegen entsprechend, mündet der Essay in eine Auseinandersetzung mit dem „Kampf gegen Rechts“. Der Würzburger Ordinarius greift insbesondere ein „historisch und analytisch falsches Mindset einer Links-Rechts-Achse“ an. Diese Achse werde vom Kommunismus, über die Sozialdemokratie, den Linksliberalismus und Liberalismus, bis zum Konservatismus, zu Rechts, zum Rechtsextremismus und schließlich bis zum Nationalsozialismus gezogen.

Es ist für Hoeres genauso ein grober Fehler, den Nationalsozialismus entlang dieser linearen Betrachtung als einen ins extreme getriebenen Konservatismus zu betrachten wie etwa den Kommunismus als zugespitzte Form der Sozialdemokratie. Dafür liefert er ebenso wie Weißmann eine große Fülle historischer Belege. So bekämpften die Kommunisten die Sozialdemokraten zeitweise als „Sozialfaschisten“, und den militärischen Widerstand gegen Hitler trugen im Wesentlichen Konservative, um die zwei geläufigsten Beispiele zu nennen.

Hoeres setzt sich mit dem „Kampf gegen Rechts“ detailliert und systematisch auseinander. Er trage, jedenfalls in der Form, wie er insbesondere seit den frühen 2000er Jahren geführt wird, zur „Zerstörung der bürgerlichen Freiheit“ bei. In dem Zusammenhang legt er dar, dass in der frühen Bundesrepublik Deutschland in Politik und Publizistik die Selbstbeschreibung und Fremdzuschreibung „rechts“ keineswegs als Problem betrachtet wurde.

Weißmann systematisiert auch für die Zeit nach 1945 stärker. Auf eine Phase weltanschaulicher Stagnation beziehungsweise Restauration im Schlagschatten der Blockkonfrontation in den 1950er folgte danach der Aufstieg einer neuen Linken. Sie mündete nach 1990 in den „Progressismus“ – einem Amalgam aus liberalem Markt- und doktrinärem linken Denken, das sich vom Marxismus-Leninismus gelöst hatte und in Gegnerschaft zu aller Art traditionellen Bindungen steht, wie etwa Herkunft, Familie, Religion und Nation. Für einen historisch kurzen Augenblick schien sich dieser Progressismus nach 1990 endgültig durchgesetzt zu haben. Ein Irrtum, wie der Göttinger Publizist Weißmann in knappen Skizzen zeigt: zum Islamismus, dem Hindu-Nationalismus, dem Populismus oder zu „hybriden“ Ideologien wie in Russland oder China.

Zum Zeitzeugnis wird sein Buch durch das 14 Seiten umfassende Eingangskapitel „Deutsches Vorspiel: What´s right? What´s left“. Es ist den Versuchen gewidmet, nach 1990 mit dem Rückenwind der deutschen Wiedervereinigung so etwas wie eine intellektuelle Neue Rechte im demokratischen Spektrum zu etablieren. Als gut vernetzter Mitwirkender verfügt Weißmann über weitreichendes Insiderwissen, das er kenntnisreich ausbreitet und zugleich historisiert.

Nachhaltig waren derartige Versuche zunächst nicht, von der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ einmal abgesehen. Zu stark war die linke und linksliberale Deutungshoheit. Dies scheint sich gerade zu ändern. Die beiden Bücher helfen, die Dinge zu sortieren und sich zu vergegenwärtigen, dass Demokratie sich nur entwickeln kann, wenn es eine Linke und eine Rechte gibt.

Karl-Eckhard Hahn

Peter Hoeres: Rechts und links. Zur Karriere einer folgenreichen Unterscheidung in Geschichte und Gegenwart (zu Klampen Essay), Springe zu Klampen Verlag 2025, 212 Seiten, Festeinband, 24,- Euro, eBook und PDF 19,99 Euro

Karlheinz Weissmann: Rechts oder Links. Von der Notwendigkeit politischer Unterscheidung, Berlin, (Edition JF), Berlin: Junge Freiheit Verlag 2025, 280 Seiten, Festeinband, 22,00 Euro.

Über Karl-Eckhard Hahn 32 Artikel
Karl-Eckhard Hahn, Dr. phil., Jahrgang 1960, verheiratet, vier Kinder. Historiker und Publizist; Leitender Ministerialrat a.D. Mitgliedschaften (Auswahl): Landesvorstand des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Thüringen, Vorstand der Deutschen Gildenschaft, Historische Kommission für Thüringen, Ortsteilrat Stotternheim, Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter & Paul in Stotternheim. Veröffentlichungen zu politischen Grundsatzfragen, Themen der Landespolitik und Landesgeschichte Thüringens und zur Stotternheimer Lokalgeschichte. X: @KE_Hahn.