Die „Europäische Innovation“ als neues Wachstums- und Wettbewerbsmodell?
das Außenwirtschaftsmodell Europas ist unter immensen geopolitischen Druck geraten. Handels-, Industrie- und Sicherheitspolitik sind geoökonomisch aufs Engste miteinander verwoben. Darauf hat die EU aufgrund ihrer Kompetenzverteilung keine unmittelbare strategische Antwort. Die entscheidende politische Frage ist daher, ob und wie die EU ihr Modell, das auf bestimmten normativen und institutionellen Prinzipien beruht, gegen die US-Zölle und die China-Subventionen verteidigen und schützen kann.
Ein Ansatz, der gerade vor dem Hintergrund der rasanten, aber ungerichteten technologischen Entwicklung interessant sein könnte, wäre ein Gütesiegel „Europäische Innovation“. In der Theorie und auch im politischen Diskurs wird oft pauschal von Innovationen gesprochen, die dann entweder durch die Anzahl der Patente oder in Marktkapitalisierung gemessen werden. Chinesische, amerikanische und europäische Innovationen sind aber keinesfalls homogen. Sie unterscheiden sich in für die Konsumenten wesentlichen Dimensionen, etwa in der Frage, inwieweit Konsumenten überwacht, manipuliert oder abhängig gemacht werden.
Der Ökonom Daron Acemoğlu verweist immer wieder und vor allem mit Blick auf die Künstliche Intelligenz darauf, dass die finanziellen, institutionellen und regulatorischen Einflüsse auf Innovation und Technologieentwicklung entscheidend sein können für die Frage, wie diese Innovationen auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft wirken. Im globalen Wettbewerb um Innovationen wird weder die Risikoneigung (Risikokapital) noch die Geschwindigkeit (time to market) ein Wettbewerbsvorteil Europas sein können. Aber die spezifischen Wohlfahrtswirkungen könnten ein Markenzeichen europäischer Innovation werden, die im besten Fall zu einem globalen Standard wird.
Ein solcher Innovationsansatz erfordert indes einen gänzlich anderen Regulierungsansatz, einen, der einerseits viel mehr Innovationstätigkeit zulässt, andererseits einen resilienten und transformativen Innovationsraum definiert. Das Modell der „Europäischen Innovation“ könnte dann ein Weg sein, sich ohne Subventionen oder Abschottung global zu behaupten und gleichzeitig den Innovationswettbewerb in eine neue Richtung zu lenken. Auch dieser Weg wird nur funktionieren, wenn Innovationen im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik stehen, aber er lenkt die Aufmerksamkeit auf Europas Stärken – industrielle Kompetenz in Verbindung mit verantwortlicher Technologie.
Ihr
Henning Vöpel
