Eine aktuelle Umfrage zeigt ein widersprüchliches Bild der politischen Stimmung in Deutschland. Beim Kurs der Bundesregierung gibt es eine erkennbare Präferenz für Mitte-Rechts. Zugleich würden mehr Befragte lieber in einem eher sozialistischen als in einem eher kapitalistischen Land leben. Die Soziale Marktwirtschaft bleibt zwar mehrheitsfähig, verliert aber vor allem bei Jüngeren an Zustimmung.
Weil Union und AfD bei der Bundestagswahl 2025 und in allen Umfragen danach zusammen immer auf mindestens parlamentarische Mehrheiten kamen, wird häufig argumentiert, die Bürger wünschten sich einen mittig-rechten Kurs der Bundesregierung, würden aber von einer Mitte-Links-Koalition regiert. Wir wollten das genau wissen und haben deshalb gefragt, welchen politischen Kurs eine Bundesregierung einschlagen müsste, die das Land aus Sicht der Befragten nach vorne bringt. Knapp jeder Dritte (32 Prozent) entschied sich für einen eher mittig-linken Kurs, 39 Prozent entschieden sich für einen eher mittig-rechten Kurs. Nur bei den über 40- bis 69-Jährigen gibt es klare relative Mehrheiten für einen mittig-rechten Kurs, die unter 40- und über 70-Jährigen sind in ihren Einschätzungen gespalten. Aufschlussreich sind die Wünsche der Wählerschaften: Wähler der CDU/CSU, der AfD und der FDP wünschen klar mehrheitlich einen mittig-rechten Kurs, Wähler der SPD, der Grünen, der Linkspartei und des BSW klar mehrheitlich einen mittig-linken Kurs der Bundesregierung. Die Deutschen sind in der Frage des Kurses, den die Bundesregierung einschlagen müsste, gespalten, aber es gibt derzeit eine Präferenz in Richtung Mitte-Rechts.
Vor die Alternative gestellt, ob die Befragten lieber in einem (eher) sozialistischen oder einem (eher) kapitalistischen Land leben würden, sprechen sich 42 Prozent für ein eher sozialistisches Land und 33 Prozent für ein eher kapitalistisches Land aus. Nur Befragte, die sich selbst rechts der Mitte verorten (33 Prozent sozialistisch, 50 Prozent kapitalistisch) würden sich mehrheitlich eher für ein kapitalistisches Land entscheiden. Umfrageteilnehmer, die sich links der Mitte (55 Prozent sozialistisch, 28 Prozent kapitalistisch) oder in der Mitte (43 Prozent sozialistisch, 33 Prozent kapitalistisch) verorten, entscheiden sich im Zweifel mehrheitlich eher für den Sozialismus. Nur die Wähler der Linkspartei (62 Prozent) und des BSW (65 Prozent) entscheiden sich absolut-mehrheitlich für den Sozialismus. Nur die Wähler der FDP (55 Prozent) absolut-mehrheitlich für den Kapitalismus. Jeder vierte Befragte möchte oder kann sich bei dieser Frage nicht entscheiden.
Anders fallen die Antworten aus, wenn man fragt, ob Deutschland eher ein sozialistisches oder ein kapitalistisches Land sei. 26 Prozent sehen es als eher sozialistisches Land, mehr als doppelt so viele (53 Prozent) sehen es als eher kapitalistisches Land. Bei fast allen soziodemografischen Merkmalen zeigen sich Mehrheiten, die in Deutschland ein eher kapitalistisches Land sehen. Ältere Befragte und Ostdeutsche noch häufiger als Jüngere und Westdeutsche. Aber die Mehrheiten sind eindeutig.
„Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus“, meinte der seinerzeitige Bundeskanzler Helmut Kohl. Auch heute beträgt die Staatsquote rund 50 Prozent, doch die Mehrheit der Bürger sieht diese Gefahr derzeit eher nicht. Sicher sollte man allein am Anteil der staatlichen Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt nicht den Sozialismus festmachen, aber die Gefahren einer hohen Staatsquote für eine freie, marktwirtschaftliche Ordnung sollte man auch nicht unterschätzen. Auch wenn viele lieber in einem sozialistischen als einem kapitalistischen Land leben würden, möchte ich persönlich eine Lanze für die Soziale Marktwirtschaft brechen, die wirtschaftliche Freiheit und soziale Sicherheit verbindet. Übrigens steht auch die Mehrheit der Deutschen (55 Prozent) positiv zur Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft. Fast jeder Fünfte (19 Prozent) sieht die Soziale Marktwirtschaft negativ. Es gibt hier einen großen Unterschied zwischen den Altersgruppen. Nur zwölf Prozent der über 70-Jährigen stehen negativ zur Sozialen Marktwirtschaft. Der Anteil steigt mit jeder Altersgruppe bis zu 34 Prozent bei den unter 30-Jährigen. Die Akzeptanz einer Wirtschaftsordnung lässt sich nicht konservieren, man muss sie immer wieder neu gewinnen.
