Manchmal braucht es nicht mehr als vier Menschen, eine Wohnung und einen Abend, damit die mühsam aufrechterhaltene Fassade bürgerlicher Normalität Risse bekommt. Genau daraus entwickelt Olivia Wilde in The Invite eine kluge, elegante und zunehmend enthemmte Komödie über Ehe, Begehren, Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Der Film, der beim Locarno Film Festival gezeigt wurde, ist dabei weit mehr als eine Salonkomödie mit Hollywood-Besetzung: Er beobachtet mit erstaunlicher Genauigkeit, wie Menschen über ihre eigenen Wünsche stolpern.
Im Mittelpunkt stehen Angela und Joe, gespielt von Olivia Wilde und Seth Rogen. Ihre Ehe steckt in einer Krise, die sich zunächst weniger durch große Konflikte als durch eine fast alltägliche Sprachlosigkeit bemerkbar macht. Joe arbeitet viel, Angela fühlt sich zunehmend eingeengt und übersehen. Die Einladung an die Nachbarn aus dem Stockwerk darüber ist deshalb zunächst weniger eine freundliche Geste als der Versuch, Bewegung in eine Beziehung zu bringen, die erstarrt ist.
Die Nachbarn Pina und Hawk, gespielt von Penélope Cruz und Edward Norton, könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie leben scheinbar frei von den Regeln und Konventionen, an denen Angela und Joe sich abarbeiten. Ihre Offenheit, ihre sexuelle Selbstbestimmung und ihre ungezwungene Art wirken auf das andere Paar zugleich faszinierend und verstörend. Aus einem harmlosen Abendessen entwickelt sich so ein immer gefährlicheres Spiel mit Offenbarungen, Fantasien und unausgesprochenen Wünschen.
Wilde, die nach Booksmart und Don’t Worry Darling zum dritten Mal Regie führt und diesmal selbst vor der Kamera steht, findet für diese Konstellation einen bemerkenswert sicheren Ton. Sie lässt die Komödie nie vollständig zur Klamotte werden. Hinter den pointierten Dialogen und peinlich-komischen Situationen steckt stets eine gewisse Traurigkeit. Denn die Figuren lachen nicht nur übereinander – sie lachen oft auch deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie über das sprechen sollen, was ihnen wirklich fehlt.
Das Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones ist entsprechend dialogstark. Die Gespräche beginnen beiläufig und scheinbar harmlos, werden aber immer persönlicher. Es geht um Sex, Treue und offene Beziehungen, doch darunter liegen die viel existenzielleren Fragen: Bin ich mit meinem Leben zufrieden? Begehre ich meinen Partner noch? Was habe ich versäumt? Und wie viel Wahrheit verträgt eine Beziehung?
Besonders bemerkenswert ist, wie hervorragend das Ensemble diese Gratwanderung beherrscht. Seth Rogen bringt seinen trockenen, leicht verzweifelten Humor ein und macht Joe gerade durch seine Verkrampftheit sympathisch. Penélope Cruz besitzt als Pina jene Mischung aus Sinnlichkeit, Selbstbewusstsein und augenzwinkernder Unberechenbarkeit, die ihre Figur braucht. Olivia Wilde wiederum überrascht als Schauspielerin mit einer ausgesprochen präzisen, nuancierten Darstellung der Angela. Ihre Figur ist nicht einfach die vernachlässigte Ehefrau: In ihrem Gesicht und ihren kleinen Gesten wird sichtbar, wie sehr sie zwischen Sehnsucht, Scham, Neid und dem Wunsch nach Kontrolle schwankt.
Überragend aber ist Edward Norton.
Norton spielt Hawk mit einer faszinierenden Mischung aus Gelassenheit, Exzentrik und hintergründigem Humor. Seine Figur könnte leicht zur Karikatur des sexuell befreiten Großstadt-Bohemiens werden. Norton tut jedoch etwas viel Interessanteres: Er spielt Hawk nicht als Typen, sondern als Menschen, der seine vermeintliche Souveränität selbst ein wenig genießt – und vielleicht auch braucht.
Dabei zeigt sich einmal mehr Nortons außergewöhnliche Fähigkeit, seine Figuren über kleinste Veränderungen in Stimme, Blick und Körperhaltung zu charakterisieren. Er muss nicht einmal einen großen Gag liefern; oft genügt eine winzige Reaktion, ein kurzes Zögern oder ein scheinbar beiläufiger Blick, um eine Situation zum Kippen zu bringen. Gerade im Zusammenspiel mit Seth Rogen entsteht daraus ein komödiantisches Timing von höchster Präzision.
Es ist vielleicht die größte Überraschung des Films, wie mühelos Norton in die Komödie findet. Ein Schauspieler, der häufig mit intensiven, psychologisch komplexen Rollen verbunden wird, beweist hier eine geradezu spielerische Leichtigkeit. Seine Performance lebt nicht vom lauten Effekt, sondern von Kontrolle. Hawk scheint immer einen Schritt voraus zu sein – und gerade deshalb wird es so komisch, wenn diese Kontrolle irgendwann Risse bekommt. Auch andere Kritiker haben Nortons komödiantisches Timing als besondere Stärke des Films hervorgehoben.
Überhaupt lebt The Invite von diesem Schauspielquartett. Der Film spielt fast vollständig in einem begrenzten Raum und kann deshalb nicht auf spektakuläre Schauplätze oder äußere Action zurückgreifen. Alles hängt an den Darstellern. Blicke werden zu Dialogen, Pausen zu Pointen, Gesten zu kleinen dramatischen Wendungen. Das ist riskant – und funktioniert gerade deshalb so gut.
Auch visuell nutzt Wilde die räumliche Beschränkung produktiv. Die Wohnung wird zunehmend zu einem psychologischen Raum: Je länger der Abend dauert, desto weniger scheinen die Figuren Möglichkeiten zu haben, einander auszuweichen. Die Kamera von Adam Newport-Berra arbeitet mit Gesichtern, Abständen und Bildkompositionen, die die vier Menschen immer wieder neu zueinander ins Verhältnis setzen.
Dabei besitzt The Invite einen angenehm erwachsenen Humor. Der Film macht sich über bürgerliche Moralvorstellungen lustig, ohne selbst in jene Zynismusfalle zu geraten, die viele zeitgenössische Beziehungskomödien heimsucht. Hinter dem frivolen Spiel mit Partnertausch und sexueller Freiheit steht ein ernsthaftes Interesse an der Frage, warum Menschen in Beziehungen bleiben, obwohl sie sich darin längst nicht mehr zu Hause fühlen.
Das macht den Film überraschend berührend. Denn die eigentliche Zumutung für Angela und Joe sind nicht ihre freizügigen Nachbarn. Es ist die Erkenntnis, dass die eigenen Probleme nicht verschwinden, nur weil man sie verdrängt. Pina und Hawk sind gewissermaßen der Spiegel, in dem das Ehepaar erkennen muss, was in der eigenen Beziehung fehlt.
Olivia Wilde gelingt dabei ein Kunststück: The Invite ist frivol, ohne vulgär zu sein, witzig, ohne belanglos zu werden, und romantisch, ohne sentimental zu wirken. Wilde selbst sagte im Zusammenhang mit dem Film, dass sie dadurch sogar „viel romantischer“ geworden sei – eine bemerkenswerte Aussage angesichts der durchaus bissigen Beobachtungen, die der Film über moderne Beziehungen anstellt.
Locarno erweist sich damit einmal mehr als passender Ort für einen Film, der Unterhaltung und Anspruch nicht gegeneinander ausspielt. The Invite ist kein großes Spektakel. Es ist ein Kammerspiel, das seine Spannung aus den Menschen gewinnt. Und es zeigt, dass eine gute Komödie durchaus etwas über das Leben erzählen kann, ohne dabei ihre Leichtigkeit zu verlieren.
Vor allem aber lohnt sich The Invite wegen seines außergewöhnlichen Ensembles. Penélope Cruz, Seth Rogen, Edward Norton und Olivia Wilde tragen ihren Teil zum Vergnügen bei. Edward Norton als Hawk ist zugleich komisch, irritierend, charmant und verletzlich. Eine Rolle, die daran erinnert, welch außerordentliches komödiantisches Talent in diesem Schauspieler steckt.
Ein kluges, sinnliches und sehr unterhaltsames Kammerspiel über die Krisen moderner Beziehungen – mit einem überragenden Edward Norton.
