„Die Welt ist aus den Fugen geraten.“ Mit dieser knappen Beschreibung der Weltlage begann Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine erste Amtszeit, und die Flut innergesellschaftlicher Krisen und zwischenstaatlicher Kriege ebbt bis heute nicht ab. Und wenn Steinmeier sich fürchterlich aufregte über die an ihn gerichtete Menschenrechtsrede von Marko Martin am 07. November 2024 im Schloss Bellevue, anderswo in Verbundenheit Lawrows Unterarm ergriff, der unter Andropow aufstieg, der wortwörtlich gegen die Menschenrechte war (dazu aktengenaus an anderer Stelle), so hören die stillschweigenden Voraussetzungen auf, dass man sie lieben kann: die Menschenrechte und die Demokratie müssen verteidigt werden. Der Zeitgeschmack spült schreiende Massen an Menschenrechtsfeinden durch Europas Straßen, und viele scheinen sich in rasender Eile anzupassen. Pointenreiche Reels erreichen Millionen von Likes. Empowerment-Lyrik passt sich dem Tagespolitischen an.
Roland Erb gehört zu jenen deutschen Lyrikern, die sich dem schnellen Zeitgeschmack nie angepasst haben. Seine Gedichte suchen weder den knappen Pointeffekt noch die modische Sprachakrobatik simulierter Gefahr.
Stattdessen entsteht im Poesiealbum 398 ein dichter Erfahrungsraum, in dem sich Biographie, Geschichte, Landschaft und Gegenwart fortwährend bewegen.
Bereits die ersten Gedichte des Bandes zeigen die Grundkoordinaten seiner Dichtung. Seine Kindheitsjahre im Nachkriegsmilieu waren wohl oder übel geprägt von Hunger, Verlust und einer Hoffnung. Einer Hoffnung, die so gewaltig bis auf die Knochen ging wie das Trümmermeer, das vom
politischen Übermenschen blieb. Dass in allen das Gute überwiegt.
Deshalb erscheint bei Erb nichts als Kulisse: Alles wird körperlich gespeicherte Erfahrung. Das Wort bei Erb ist gegenständlich. Gedichte wie „Das Mantelwunder“, „In der Kindheit“ oder „Aus der Schicht“ leben von gegenständlichen Dingen. „Wintermantel“, „Schichtarbeit“, „Erde“, „Steine“, „Häuser“, „Hände“: die Welt ist gegenständlich.
Und diese Gegenständlichkeit ist eben im Gedicht, also auf mehreren Ebenen, unbeirrbarer als bloßer Realismus. Die große Hoffnung, dass das, was kommt, sich lohnt. Hören wir ihn doch selbst:
Der lohnende Anstieg beginnt erst jetzt.
Es ist das Ohr an den Abgrund zu legen,
zu hören das geilende Kreischen der Sägen,
zu sehen, wie der Honig der Stille tropft
aus schwärzlichen Waben langsam,
zu schmecken die vergessene Würze des Wassers,
das kühl durch die Wände sintert,
zu ahnen den Weg in den Mahlgang der Steine.
So erhält ein Gedicht die Züge eines lebendigen Wesens. In „Körper der Stadt“ wird die Stadt zur fremden Geliebten, deren Verletzlichkeit, deren Widerständigkeit das Lebendige umarmen möchte. Solche Personifikationen sind vielleicht typisch zu nennen für Erbs Verfahren, die Natur, die Geschichte und die Menschenschicksale in Einklang zu bringen. Dass das Wort ‚Abgrund‘ kein weiteres Mal vorkommt, ist wohl dem zentralen Thema des Bandes geschuldet: der Erfahrung geschichtlicher Umbrüche und der Notwendigkeit, Abgründe zu überbrücken.
Dabei bildet der Verlust kultureller Hoffnungen und Widersprüche mit der Auflösung der DDR einen referentiellen Hintergrund. Eindrucksvoll gelingt ihm dies im Gedicht „Sprengung der Paulinerkirche im Jahr ’68“. Keinerlei Imitation der Zerstörung eines Bauwerks, gilt sein Blick dem Speicher jahrhundertelanger Kultur, religiöser Praxis, Musik und persönlicher Erinnerung. Die Sprengung trifft das kulturelle Gedächtnis und wird zum beeindruckend genauen Mahnbild:
In einer riesigen Wolke Staub leben die Bruchstücke fort.
Der Rest des gotischen Kreuzgangs, die Kutten der Bettelmönche,
das Feixen obszöner Studenten unweit des Stadttors […]
als die Jahrtausendsteine zerbarsten
und deren Staub zum Himmel aufstieg.
Dem Kampf um das Erinnern nach der Friedlichen Revolution und ihre Folgen tritt Erb mit bemerkenswerter Nüchternheit bei. Im Gedicht „Friedensgebet“ erinnert er an die Atmosphäre der Hoffnung vor der sogenannten Wende. Wiederum verweigert „Blümerant zu Mute“ die grassierende Verklärung. Partiell antizipieren Erbs Gedichte die sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten der Zukunft.
Erbs Sound bildete sich aus gewaltiger Hoffnung in Dur und gewonnener Skepsis in Moll. Seine fast ungeteilte Aufmerksamkeit gilt dabei gesellschaftlichen Randfiguren. Obdachlose in Frankfurt, eine alte Nachbarin in einem verfallenden Mietshaus, namenlose bleibende Menschen der Arbeit. Erbs Blick richtet sich auf die, die man gewöhnlich übersieht. Die Mitbewohnerin, die Essen bringt, ohne Anerkennung zu erwarten, gehört zu den bewegendsten Gestalten des Bandes. Erbs Humanismus zeigt sich nicht als Agenda, sondern als Haltung.
Und immer bleibt in Gedichten wie „Elegie“, „Kurze Stunde“, „Entfernung“ oder „Niemals altern“ die Zärtlichkeit des Vergänglichkeitsbewusstseins. Nichts erscheint idealisiert; vielmehr wird alles in wunderschöner Weise gegen das Vergehen der Zeit verschworen. Es ist eine eigene Form des Widerstands gegen Verlust, es ist Erbs Form.
Die große Spannweite der Auswahl war mein Grundbedürfnis, eine rote Linie geschehener Geschichte in Gedichten. Als hochverdichtete Story.
Hier rhythmisierte Prosa, dort Liedton, litaneiartiges Schweifen in Wiederholungen. Die gemeinsame Bildsprache, die überraschende Verbindungen schafft. Körper in Landschaften, Landschaften als historische Archive, Archive als Zeugen der Zeit. Erb arbeitet beharrlich seine Bildwelt aus.
Das zentrale Wort der Auswahl lautet „Beharrlichkeit“. Gegen Verfall, Bedrohung, Alter, politischen Wahn, Enttäuschungen bleibt am Ende der Mensch das positive Wesen. Immer sucht Erbs Dichtung nach den Spuren seiner Nähe, als größter Hoffnung und Neubeginn. Ebenso schreibt Erb:
Trotz aller feindlichen Nachricht
die schwachen Signale der Nähe.
Ich hoffe als Rezensent und Herausgeber, dass das Roland Erb gewidmete Poesiealbum 398 zudem sichtbar macht, wie eng die persönliche Erfahrung und die Landesgeschichte als existentielle Erfahrung amalgamieren. Erbs Gedichte verlangen Aufmerksamkeit, vielleicht ein wenig Gespür für ein kulturelles Gedächtnis. Wer sich auf sie einlässt, entdeckt jedoch insgesamt eine Stimme, die bemerkenswert genug klingt, um aufhorchen zu lassen.
Es ist ein starkes Poesiealbum, das einen der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart in repräsentativer Auswahl vorstellen soll. Das war mein Wunsch. Die Gedichte verzahnen sich mühelos mit heutigen individuellen Erinnerungen und bieten große menschliche Wärme, historische Tiefe und poetische Genauigkeit.
Das Coverbild, Portrait und die Mittelgrafik von Annette Krisper-Beslic richten sich auf den Kern Erbs Poetik. Die Mittelgrafik ist eine sinnliche Reminiszenz an das „Ohr am Abgrund“. Der Ort nach dem Aufstieg zeig sich in fast gotischer Stimmung, als würde alles von einer äußeren Kraft belebt.
Aber das Ohr an den Abgrund zu legen, das zeigt sie meisterhaft, ist die Entscheidung einer eigenen Erfahrung, sie kommt von innen heraus. Krisper-Beslic den Weg zeigt einerseits, wo Erfahrung herkommt und was sie uns abverlangt. Die mittelalterliche Welt des allgegenwärtigen Atems Gottes ist zwar zeitlich abgeklungen. Sie kehrt gerade in moderner Massenbewegung zurück, dialoglos, fordernd, und feindlich dem gegenüber, was wir Freiheit und Demokratie nennen. Unter diesen Eindrücke erscheint mir Krisper-Beslics Coverbild als Warnbild: ein offener Hans-Guck-in-die-Luft, der sich in Fake-News verstrickt und richtungsweise empören lässt.
Er wäre Erbs Counterpart und damit eine gelungene Komplettierung der angedachten Story.

