Genie und unausgeschöpftes Potenzial: Sándor Petőfi

Ein unausgeschöpftes Potenzial: Sándor Petőfi

Kunstwerke, Foto: Stefan Groß

Vor 170 Jahren, am 31. Juli 1849, blieb der erst 26-jährige ungarische Dichter Sándor Petőfi nach der Schlacht bei Schäßburg, an der er als Zivilist teilnahm, vermisst, um nie mehr aufzutauchen. Die ungarische Nation wollte sich auch nach dem Scheitern von Revolution und Freiheitskampf mit seinem Verschwinden nicht abfinden und sucht seinen Leichnam bis heute, doch sollten wir Petőfi dort suchen, wo er auf jeden Fall zu finden ist: in seinen Werken.

Der ungarische Dichter begann seine kurze Laufbahn mit volksliedhaften Gedichten und Genrebildern, mit denen er sehr schnell berühmt wurde. Sein Ton war vollkommen neu, weil er von der artifiziellen, noch vom klassischen Ideal beeinflussten Lyrik der Zeit abstach. Will man unbedingt Vorbilder suchen, so wird man sie in Heinrich Heine und Percy B. Shelley finden. Doch Petőfi änderte seinen Stil fast jährlich und damit auch sein Rollenspiel oder, wie man heute sagen würde, sein Image. Die Gründe lagen einerseits in der Tatsache, dass er von seinen Gedichten leben musste und so das Interesse des Publikums wachhielt, andererseits in einem experimentellen künstlerischen Drang. Er schrieb nacheinander Bände mit empfindsamer romantischer Liebeslyrik, leicht perversen Gedichten an eine schöne Tote, pessimistischen gnomenartig reimlosen Fragmenten, die später Friedrich Nietzsche vertonen sollte. Dann trat er aufgrund der politischen Ereignisse 1847/48 in eine prophetische Phase radikal-revolutionärer Lyrik ein, die parallel, aufgrund seiner Heirat, auch den in der Weltliteratur seltenen Fall von Liebesgedichten an seine eigene Ehefrau erbrachte. Das letzte Jahr seines Lebens schrieb er als Soldat des Freiheitskampfes gegen Habsburger und Russen meist gereimte Publizistik, jedoch auch ein Epos („Der Apostel“), das bereits die anarchistisch-terroristische Phase der zweiten Jahrhunderthälfte heraufbeschwörte. Daneben fand er noch Zeit für Reiseberichte, ein bis heute populäres Märchenepos („Held János“) und einen Roman, der erst jetzt in seinem radikalen Gegen-die-Zeit-Geschriebensein anerkannt wird („Des Henkers Strick“).

Ich möchte heute, zum soeben verstrichenen Jahrestag seines Verschwindens auf dem Schäßburger Schlachtfeld, an eine weitere, leider nicht mehr breiter ausgeführte Seite dieses viel zu früh gewaltsam vernichteten Genies erinnern. Auch dieses Gedicht kündigt bereits einen Stil der Lyrik an, der sich erst einige Jahrzehnte später voll ausbilden sollte. Zum Vergleich stelle ich ein Gedicht Conrad Ferdinand Meyers daneben.

In den Bergen

Unten, wo die Ferne blauet,

Liegt die Stadt, und dämmernd schauet

Aus der Tiefe sie herüber

Wie Vergangnes, wie ein trüber,

Halbverwischter Abglanz dessen,

Was die Seele halb vergessen.

Hier, von der Natur umschlossen,

Bergeshöhn, die hochgeschossen,

Selbst die Wolke, wenn sie eilet,

Zwingen, daß sie hier verweilet –

Lausch ich, was in Sommernächten

Sterne mir erzählen möchten.

Unten, wo die Ferne blauet,

Draus die Stadt aus Nebeln schauet,

Hab‘ ich im Geräusch der Gassen

Haus und Vaterland gelassen,

Alles, was mein Herz beschwerte:

Sorgen, Zukunft, teure Werte,

Die mich wie grausame Schatten

Hart zu sein gezwungen hatten.

Keiner darf mich dafür schelten,

Wenn ich jetzt – ich tu’s ja selten,

Bin für euch oft eingestanden –

Leben möchte frei von Banden.

Ja, ich möchte hier nur rasten,

ohne Sorgen, ohne Lasten.

Nur die zwei, die mir so teuer,

Meine Frau und meine Leier

Sind bei mir. Die Liebste glücklich,

Weib und Kind in einem, pflückt sich

Blumen, kann hier sorglos springen,

Nachlaufen den Schmetterlingen,

Sträuße binden, Kränze winden,

Bald auftauchen, bald verschwinden

Wie die Elfe dieser Auen,

Wie ein Traumbild anzuschauen.

O Natur, wie bin ich trunken

In dein schönes Bild versunken,

Sprechen mit den Augen möcht ich

Ein Gebet zu dir andächtig.

Herzen sind’s, die mir zustreben,

Alle Blätter, die da beben,

In dem Säuseln, in dem leisen,

Welch‘ geheimnis-süße Weisen!

Bäume lassen ihre langen

Äste auf mich niederhangen,

Väterlich die Hand zum Segen.

Auf das Haupt des Sohns zu legen.

Gott, ich halt‘ in meinem Glücke

Meine Tränen kaum zurücke!

Zugliget, 8. September 1848

Dieses in vierhebigen Trochäen verfasste, durch Enjambements aufgelockerte Gedicht in Paarreimen berichtet gleichsam von einem Kurzurlaub des Dichters von seinem öffentlichen Wirken und enthält eigentlich nichts Besonderes. Vielleicht ist aber schon der lyrische Urlaubsbericht das Besondere. Das einzige überraschende Bild ist die „blaue Ferne“; ansonsten wird die Natur metaphorisch belebt: Der Dichter spricht mit den Sternen und hört den Blättern zu; die Berge zwingen auch die eilenden Wolken, zu ruhen; die Bäume neigen ihre Zweige auf das Haupt wie ein Vater seine segnende Hand auflegt. Die pantheistische Naturverehrung des Dichters steht antithetisch einer sehr modern anmutenden Skepsis der Großstadt gegenüber, die für Lärm und Sorgen steht. Zugliget liegt in den Budaer Bergen; Petőfi konnte von dort auf das sich rasch entwickelnde Pest hinabblicken. Nebenbei war und ist er als der „Entdecker“ der vormals als prosaisch verschrienen ungarischen Tiefebene bekannt, die er als Symbol der Freiheit den von ihm als „wildromantisch“ eng abqualifizierten Bergen gegenüberstellte. Nun zeigt dieser Preis der Berge, dass Petőfi auch hier flexibel genug war, die Schönheiten jedweder Natur ganz undogmatisch zu sehen, wenn es ihm passte. Dem lyrischen Urlaubsbericht entspricht das Parlando, die schlichte Narration. Wer hinter die Kulissen blickt, wird zwar neben dem Gegensatz Natur – Großstadt ein weiteres Drama entdecken, das der Dichter aber nur andeutet: den entsetzlichen Zwiespalt zwischen dem friedlich schaffenden Künstler auf der einen und dem notwendig niederreißenden Revolutionär und Soldat auf der anderen Seite. Man könnte auch sagen, dass Petőfi den Künstler in sich mit Gewalt dem öffentlichen Wirken untergeordnet hat, aber seine wahre Natur eben doch immer wieder nach oben gekommen ist. So auch in diesem schlicht berichtenden lyrischen Stück, das, typisch ungarisch, mit Tränen des Glücks endet.

Diese Art des schlichten Berichts findet sich, einige Jahrzehnte später, auch in einem Gedicht des Schweizers Meyer wieder, das er etwa 1861 konzipierte und durch fünf Fassungen hindurch veränderte, bis er die hier vorgestellte sechste Fassung 1882 veröffentlichte. Scheinbar Einfaches braucht oft die meiste Kunst.

Stapfen

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich

Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,

Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,

Du zogst des Reisekleids Kapuze vor

Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.

Naß ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich

Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,

Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,

Von deiner Reise sprechend. Eine noch,

Die längre, folge drauf, so sagtest du.

Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug

Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,

Dort wo der First sich über Ulmen hebt.

Ich ging denselben Pfad gemach zurück,

Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,

In deiner wilden Scheu, und wohlgemut

Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.

Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain

Den Umriß deiner Sohlen deutlich noch

Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,

Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,

Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,

Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!

Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem

Zurück dieselbe Strecke Wandernden:

Aus deinen Stapfen hobst du dich empor

Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs

Erblickt‘ ich mit des Busens zartem Bug.

Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.

Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,

Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.

Da überschlich mich eine Traurigkeit:

Fast unter meinem Blick verwischten sich

Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.

Dieses in fünfhebigen Jamben, aber reimlos gehaltene (und deshalb scheinbar moderner wirkende) Gedicht erzählt auch eine banale Geschichte: Ein junger Mann begleitet das von ihm verehrte Mädchen nach deren Besuch zurück zum Nachbarhaus; es wird bald eine Reise, und dann noch eine längere, antreten. Hier taucht schon eine melancholische Ahnung auf, die dem Gedicht seine Grundierung gibt. Man könnte es einen lyrischen Spaziergangsbericht nennen. An Metaphern finden sich eigentlich nur die titelgebenden, vom Regen verwischten Stapfen, durch die einerseits das „reisehafte“ Wesen des Mädchens, andererseits die Tragödie des Sich-niemals-Wiedersehens verdeutlicht werden. Ferner finden sich Parallelisierungen (verhüllte Stirn – verhüllte Wahrheit, Hinweg und Realität – Rückweg und Erinnerung); die Natur ist zwar nicht belebt, deutet aber das Geschehen symbolisch. Ansonsten wird etwas Schlichtes einfach und sehr zart erzählt. Die Worte vom „letzten Gang“ in der letzten Zeile treffen trotz der Vorahnung gerade deshalb mitten ins Herz.

Nebenbei sei noch auf eine weitere Parallele zwischen den Gedichten hingewiesen, nämlich die männliche Empfindung der Frau als „Traumbild“ und „Traumgestalt“. Petőfis Frau war eine emanzipierte, gebildete Autorin von Gedichten und Tagebüchern, die er hier aber als halbes Kind schildert, die genau genommen neben und nicht mit ihm die sorglosen Tage genießt. Neben der biographisch erklärbaren extremen Eingenommenheit Petőfis von sich selbst ist hier eventuell auch ein psychologischer Grund vorhanden: Der sich gegen jede Subordination auflehnende, rebellische Dichter will wenigstens in seiner Dichtung zuhause biedermeierliche Verhältnisse. Vom depressiven Meyer ist bekannt, dass diverse umworbene Mädchen und Frauen wohl seine Erkrankung bemerkt und ihn abgelehnt haben und er erst mit 50 Jahren geheiratet hat. Ob das „Du“ von „Stapfen“ aus diesem Grund nicht zurückgekehrt oder ob es gar gestorben ist, muss offen bleiben.

Wer diese Art, ein Stück Lyrik aus einem recht prosaischen Stoff zu schaffen, in der Literaturgeschichte verfolgt, wird vielleicht im 20. Jahrhundert an die narrativen Gedichte von Cesare Pavese in seinem Band mit dem sprechenden Titel „Lavorare stanca“ (Arbeiten macht müde) denken. Die Neuartigkeit dieser Art zu schreiben kann am besten ermessen werden, wenn man sich die Stile der Zeit in Erinnerung ruft. Bei Meyer findet sich hier nichts, was echter Symbolismus oder Expressionismus genannt werden könnte; er wird üblicherweise dem Realismus zugeordnet. In dieser Epoche schrieben viele Autoren tatsächlich bevorzugt epische Gedichte wie Balladen, wobei „Stapfen“ keine ist, und hochgradig genau beobachtete sogenannte „Dinggedichte“ (zum Beispiel „Auf eine Lampe“ von Eduard Mörike und von unserem Autor „Der römische Brunnen“), die allerdings durchaus auf den Symbolismus vorbereitet haben.

Für Petőfi kommt die Zeit des Realismus zu früh, doch sein Gedicht würde schon in diese literarische Epoche passen. Es ist aber hier auf einen Unterschied zu Meyer hinzuweisen, der Petőfis „Avantgardismus“ noch deutlicher macht. Während Meyer immer noch auf eine poetisierende Sprache wert legt („Naß ward…“, „…des Busens zarter Bug…“) und auch die für deutsche Lyrik so typischen Inversionen nicht meidet („Die Sohlen prägten sich … ein, Die Wandernden“, „Vorüber gingst du…“), schreibt der ungarische Dichter (im ungarischen Original natürlich besser nachprüfbar) wirklich Prosa, die wie durch ein Wunder – durch das Wunder von Petőfis dichterischem Genie – völlig zwanglos rhythmisiert und in Reime gebracht wurde. Selbst Heinrich Heine wirkt noch gekünstelt daneben. Es ist diese mir von keinem anderen mir bekannten Dichter erreichte Fähigkeit, die Petőfi weit über seine (und jede) Zeit erhebt.

Auf diese Fähigkeit des Genies, spätere Entwicklungen vorzuformulieren, wollte ich unter anderem hinweisen. Bei Petőfi kommt noch hinzu, dass er nur etwas mehr als sechs Jahre für sein Werk zur Verfügung hatte und in dieser kurzen Zeit eine gewaltige Leistung mit mehreren Antizipationen wie dieser vollbrachte. Für multiple Fassungen hatte er weder Zeit noch Veranlagung; er schrieb unglaublich schnell. Man mag sich nicht vorstellen, was dieser Mann noch an Großartigem hervorgebracht hätte. Das Potenzial war bei weitem nicht ausgeschöpft, die Rede von „früher Vollendung“, mit der man sich vormals trösten wollte, kann nur als zynisch bezeichnet werden. Der Verlust für die ungarische, aber auch für die Weltliteratur ist unermesslich gewesen, als vermutlich ein kosakischer Lanzenreiter seinem jungen Leben ein gewaltsames Ende setzte.

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Adorján F. Kovács
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Prof. Dr. mult. Adorján Ferenc Kovács, geboren 1958, hat Medizin, Zahnmedizin und Philosophie in Ulm und Frankfurt am Main studiert. Er hat sich zur regionalen Chemotherapie bei Kopf-Hals-Tumoren für das Fach Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie habilitiert. Seit 2008 ist er für eine Reihe von Zeitschriften publizistisch tätig. Zuletzt erschien das Buch „Deutsche Befindlichkeiten: Eine Umkreisung. Artikel und Essays“.