Der zweite Teil der Reihe untersucht die Folgen des Falls Konstantinopels für Europa und Russland. Im Zentrum stehen Moskaus Selbstverständnis als „Drittes Rom“, Russlands Rolle als Schutzmacht der Orthodoxen, der Kampf um Bosporus und Meerengen sowie die russisch-osmanischen Kriege bis zum Ersten Weltkrieg.
II.
Welche Auswirkung hatte der Fall Konstantinopels allgemein und auf Russland?
1. Russland als Schutzmacht der Orthodoxen
Als 1453 Konstantinopel fiel, gingen viele orthodoxe Gelehrte, Künstler und Kirchenvertreter sowohl nach Italien, wodurch die Renaissance Auftrieb bekam, als auch nach Russland. Mit dem Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches fielen die traditionellen Landwege nach Asien (Seidenstraße) unter osmanische Kontrolle. Zeitweise Blockaden und die Erhebung von Zöllen führten dazu, dass sich die Preise für Gewürze und Seide drastisch erhöhten. Daher intensivierten die Seefahrernationen Portugal und Spanien die Suche nach einem Seeweg nach Indien. 1492 entdeckte Kolumbus für Spanien Amerika, und 1498 erreichte Vasco da Gama für Portugal nach der Umsegelung Afrikas Indien …
Nachdem Konstantinopel gefallen war, blieb Russland der einzige orthodoxe Staat, der nicht von den Osmanen erobert worden war. Fortan betrachtete sich Russland als Schutzmacht der Orthodoxen und als Erbe des Byzantinischen Reiches. Als Staatswappen wurde der byzantinische Doppeladler übernommen. Moskau wurde als „Drittes Rom“ betrachtet. 1472 heiratete Iwan III., Großfürst von Moskau und der ganzen Rus, Zoë Sofia Palaiologa. Sie war die Nichte des letzten Kaisers von Byzanz, Konstantin XI. Palaiologos. Da sie zwei Brüder hatte, konnte Iwan III., rein rechtlich gesehen, nicht den byzantinischen Kaiserthron für sich reklamieren. Wie groß aber der Prestigegewinn war, kann man an folgender Begebenheit erkennen: Als 1453 Konstantinopel von den Türken belagert wurde, hielt sie sich mit ihrem Vater in Morea auf. Dort übte er die Funktion des Despoten aus. Als 1460 auch Morea osmanisch wurde, floh der Vater mit ihr nach Korfu. 1465 kam sie als Vollwaise und vollkommen mittellos nach Rom, wo sie bei Kardinal Bessarion eine herzliche Aufnahme fand. Zudem stand sie unter der Obhut des Papstes. Als sie im heiratsfähigen Alter war, wurde sie, obwohl sie arm war, von vielen Vertretern des europäischen Hochadels umworben. Selbst der französische König zeigte Interesse. Sie entschied sich für Iwan III., weil er unter anderem die orthodoxe Religion vertrat. Dem Papst war diese Entscheidung ganz recht, erhoffte er doch eine Koalition gegen die Osmanen.
Iwan III. führte 1478 als erster russischer Herrscher den Titel „Zar“ und „Bewahrer des byzantinischen Throns“ ein. Der Titel „Herrscher der ganzen Rus“, das heißt der Kiewer Rus und der Moskauer Rus, blieb ohnehin weiterbestehen. Fortan trugen seine Nachfolger diese beiden Titel und fühlten sich diesen Zielen verpflichtet. Allerdings konnte er zu seinen Lebzeiten nicht die Erwartungen des Papstes erfüllen, hatte es mit einigen Bedrohungen aus dem Osten zu tun und betrieb seine Expansion nach Norden. Russland hatte zu seiner Zeit weder Zugang zur Ostsee noch zum Schwarzen Meer.
2. Konstantinopel war zum Greifen nah
Das Ziel, die Hagía Sophía den Orthodoxen wieder zugänglich zu machen, wurde von Zar zu Zar weitergegeben. Seitdem Katharina die Große Russland den Zugang zum Schwarzen Meer verschafft hatte, gab es das Bedürfnis, die Ware per Schiff auf die Märkte der Mittelmeerländer zu bringen und zu verkaufen. Der Schiffsweg führte unweigerlich durch die Meerenge des Bosporus. Die Passage der Schiffe war stets vom Wohlwollen der Osmanen abhängig. Die Angst, somit vom Welthandel abgeschnitten zu sein, war daher bei jedem Zaren präsent. Insofern gab es seitdem nicht nur ein religiöses, sondern auch ein handelspolitisches und zudem militärisches Interesse, die Kontrolle über die Meerenge vom Bosporus zu erlangen.
Im 19. Jahrhundert galt das Osmanische Reich als der „kranke Mann am Bosporus“. Es war gesellschaftlich und wirtschaftlich vollkommen rückständig. Es begab sich durch billige Importe aus dem British Empire zunehmend in eine wirtschaftliche Abhängigkeit und war von vielen Aufständen der unterdrückten Völker im europäischen Teil des Reiches geplagt. Hier waren es ausschließlich slawische Völker mit orthodoxem Glauben. In Russland soldarisierten sich die Menschen mit ihren Glaubensbrüdern. Jedes Mal, wenn ein Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, rollte eine Welle des Entsetzens und der Empörung durch das Land. Die Zaren, die Russland als Schutzmacht der Orthodoxen ansahen, fühlten sich somit moralisch gestärkt, wenn sie Forderungen an das Osmanische Reich stellten und Krieg gegen dieses führten. Zwischen Zar, Kirche, Medien und Volk gab es wechselseitige Beeinflussungen, wobei die beiden Erstgenannten oftmals die Richtung vorgaben.
Im 19. Jahrhundert führte Russland vier Kriege gegen das Osmanische Reich. Diese fanden 1806 bis 1812, 1828 bis 1829, 1853 bis 1856 und 1877 bis 1878 statt.
Der dritte Krieg mündete in den Krimkrieg. In diesem schalteten sich aufseiten der Osmanen das British Empire, Frankreich und das Königreich Sardinien ein. Diese taten es nicht aus Uneigennützigkeit. Die Briten wollten die ökonomische Abhängigkeit des Osmanischen Reiches aufrechterhalten und Russland so schwächen, dass es nicht im asiatischen Teil über den Khyber-Pass die Kronkolonie Indien bedrohen konnte. Diese Rivalität wurde im British Empire oft als „Great Game“ bezeichnet. Frankreich war durch die Napoleonischen Kriege lange Zeit diplomatisch isoliert, hatte den Status eines pariahaften Staates und wollte durch die Teilnahme wieder an Ansehen gewinnen. Sowohl das British Empire als auch Frankreich wollten im Falle des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches im Nahen Osten so viel Territorium wie möglich unter sich aufteilen. Das Königreich Sardinien erhoffte, durch seine Kriegsteilnahme die Gunst der Briten und Franzosen zu erschleichen und dadurch von Österreich-Ungarn die Lombardei, Tirol, Venetien und Triest zu bekommen (aggressiver italienischer Irredentismus, der auch auf einer groben Verfälschung in der Geschichte und Toponomastik beruht). Letztendlich erlitt Russland trotz zahlenmäßiger Überlegenheit eine schwere Niederlage und empfand dies als eine tiefe Demütigung. In Russland war man nicht gut zu sprechen auf das British Empire und auf Frankreich, aber auch auf Preußen und Österreich-Ungarn. Preußen war vollkommen neutral, Österreich-Ungarn nur halbwegs. Da Kaiser Franz Joseph I. in den Provinzen Galizien und Bukowina nahe der Grenze zu Russland eine große Anzahl von Soldaten konzentrierte, waren auf russischer Seite große Truppenteile gebunden, die nicht für den Krieg gegen die Osmanen und ihre Verbündeten eingesetzt werden konnten … Aus historischer Sicht muss man aber sagen: Wären diese beiden Länder nicht neutral/halbwegs neutral geblieben, dann hätte es bereits 1853 den Ersten Weltkrieg gegeben.
Im Russisch-Osmanischen Krieg, der 1828 bis 1829 stattfand, waren die Russen schon 60 km vor Konstantinopel gelangt. Im Krieg, den Russland 1877 bis 1878 gegen das Osmanische Reich führte, standen russische Truppen bereits 20 km vor Konstantinopel! Das lang ersehnte Ziel war zum Greifen nah, als das British Empire Russland mit Krieg drohte, falls es seine Truppen nicht zurückzöge und den Krieg beenden würde. Daraufhin wurde der Frieden von San Stefano geschlossen. Auf dem Berliner Kongress von 1878 musste Russland auf Drängen des British Empire und Österreich-Ungarns den mit dem Osmanischen Reich abgeschlossenen Vertrag (Frieden von San Stefano) größtenteils revidieren. Da beide Großmächte auf dem Balkan keinen großen slawischen Staat sehen wollten, wurde das Großreich Bulgarien geteilt und durfte sich Serbien nicht mit Montenegro vereinigen. Zudem musste Russland einige Gebiete an das Osmanische Reich zurückgeben. Russland hegte seitdem einen tiefen Groll gegen das Deutsche Kaiserreich und gegen Österreich-Ungarn. Schließlich wurde es um die Früchte eines aufopferungsvollen Kampfes, an dem auch viele Freiwillige aus den verschiedensten slawischen Völkern teilnahmen, und um die Rückeroberung Konstantinopels mit der Hagía Sophía für die orthodoxe Christenheit gebracht. Bereits hier zementierten sich einige Feindschaften, die im späteren Ersten Weltkrieg eine Rolle spielten …
Prominenter Zeitzeuge für den Russisch-Osmanischen Krieg, der von 1828 bis 1829 stattfand, war Alexander Puschkin. Den Krimkrieg, speziell die Beschießung von Sewastopol, erlebte hautnah Lew Tolstoi. Beide verfassten hierzu Bücher, die nicht heroisierend, sondern sehr real und detailliert den Kriegsalltag der russischen Soldaten beschrieben. 1867 besuchte der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain Sewastopol. Er war entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung, die durch die britische und französische Armee stattgefunden hatte. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Das heißt, dass nicht einmal auf die Zivilbevölkerung Rücksicht genommen wurde … Er befand, dass dagegen Pompeij weitaus besser erhalten geblieben sei.
Das Verhalten der Briten und der Franzosen im Krimkrieg und im Russisch-Osmanischen Krieg von 1877 bis 1878 bestätigte dem Zaren einmal mehr die Doppelmoral dieser beiden Großmächte. Bereits in einem Memorandum von 1853, das vom Geschichtsprofessor Michael Pogodin verfasst wurde und an den Zaren gerichtet war, wurde das beklagt. Wenn Russland, so Pogodin, in die Walachei einmarschiere, und sei es nur vorübergehend, dann reklamierten diese beiden Großmächte, dass das Kräftegleichgewicht gestört sei. Wenn aber die Franzosen dem Osmanischen Reich Algerien entrissen und die Briten jedes Jahr ein Fürstentum nach dem anderen in Indien eroberten, dann werde darüber kein Aufheben gemacht. Diese Doppelmoral des westlichen Europas dürfte den heutigen aufmerksamen Zeitgenossen nicht fremd sein … Es brauchte einige Zeit, um die Ressentiments abklingen zu lassen. Zudem mussten sich einige schwerwiegende Dinge ereignen, dass es zu einer Annäherung Russlands an das British Empire und Frankreich kam.
Frankreich und das British Empire schufen mit der Franko-Russischen Allianz von 1894 und der Anglo-Russischen Entente von 1907 ein Mittel, einen Zweifrontenkrieg gegen das Deutsche Kaiserreich und gegen Österreich-Ungarn führen zu können. Es bedurfte nur noch eines Anlasses, um diese beiden Länder so zu provozieren, dass sie einen Krieg anfangen würden. Hätte die Falle erst einmal zugeschnappt, dann stünde in der Weltöffentlichkeit fest, wer der Böse wäre. In Wirklichkeit unterschieden sie sich kaum. Denn im 19. Jahrhundert und zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die Außenpolitik der europäischen Großmächte sozialdarwinistisch geprägt. Im August 1914 begann der von einigen Personen im British Empire, in Frankreich und in Russland ersehnte Erste Weltkrieg. Um Russland bei der Stange zu halten, schlossen das British Empire und Frankreich mit diesem Staat im März/April 1915 einen Geheimvertrag, das Abkommen über Konstantinopel und die Meerengen, ab. Damit würde Russland nach dem siegreichen Krieg das bekommen, wonach sich die Zaren in den letzten Jahrhunderten gesehnt hatten. Immer wieder in der Geschichte hatten das die Briten und Franzosen wegen geostrategischer Bedenken verhindert. Insofern ist es fraglich, ob Russland Konstantinopel und die Meerengen wirklich bekommen hätte, wenn der Zar nicht 1917 gestürzt worden wäre. Die Briten und Franzosen hatten beispielsweise die Araber ermuntert, sich gegen die Osmanen zu erheben, und als Lohn dafür eigene souveräne Staaten versprochen. Jedoch hinter ihrem Rücken haben diese beiden Großmächte Frankreich und Großbritannien den Nahen Osten im Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 unter sich aufgeteilt.
Als sich an der Front auf russischer Seite die militärischen Misserfolge mehrten und die Kampfmoral zusehends abnahm, bekam Oswald Rayner, Offizier des britischen Geheimdienstes „Secret Intelligence Service“, den Auftrag, den Mönch Grigori Rasputin zu ermorden. Rasputin hatte großen Einfluss auf die Zarenfamilie und drängte den Zaren, den Krieg zu beenden. Damit gäbe es aus deutscher Sicht keine zweite Front mehr. Zusammen mit mehreren Angehörigen aus dem russischen Hochadel wurde ein Mordkomplott geschmiedet. Am 30. Dezember 1916 wurde Rasputin dann ermordet. Er wurde mehrfach angeschossen und bekam den finalen Kopfschuss durch Oswald Rayner. Entgegen den Zielen des British Empire wurde dadurch die Position des Zaren nicht gestärkt und der Krieg nicht verlängert …
Mit dem Sturz des Zaren am 15. März 1917 endete der Traum, Konstantinopel und die Meerengen zurückzuerobern und die Hagía Sophía wieder den Orthodoxen zurückzugeben. Historisch hatte der Fall Konstantinopels Auswirkungen bis ins 20. Jahrhundert.
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