Genauso emotional und genauso vergeblich hatte Großbritannien Ende des 19. Jahrhunderts versucht, seine wirtschaftliche Dominanz gegen die wachsende Konkurrenz aus Deutschland zu verteidigen. Von der Antike bis zur industriellen Revolution in Europa waren China und Indien die größten Volkswirtschaften der Welt, bis etwa 1820 China noch mit 33 und Indien mit 16 Prozent. Die britische East India Company eroberte bis 1818 mit ihrer Privatarmee fast den gesamten indischen Subkontinent. Die koloniale Ausbeutung beschleunigte Großbritanniens Weg zur Supermacht. Gleichzeitig überschwemmten britische und europäische Händler, später auch Amerikaner, China mit indischem Opium. Zwei Opiumkriege ab 1839 und eigeneSchwächen führten 1911 zum Zusammenbruch der Quing-Dynastie. Im Westen weitgehend vergessen, bleibt diese Periode als „Jahrhundert der Demütigung“ im chinesischen Selbstverständnis wach. In der gleichen Periode konnte Großbritannien seine Weltmachtstellung mit der industriellen Revolution immer weiter ausbauen, bis nach der Reichsgründung 1871 Deutschland zur gefährlichen Konkurrenz heranwuchs.
Wie heute die chinesische Gefahr beschworen wird, sahen die Briten damals mit Schrecken, dass „Der Deutsche“ die Dominanz der britischen Industrie auf den Weltmärkten bedrohte. Der Journalist Ernest Edwin Williams (1866 – 1935) hatte im Auftrag eines Londoner Verlegers die deutsche Gefahr untersucht und veröffentlichte 1896 die Ergebnisse in einem Bestseller mit dem Titel „Made in Germany.“ Seinenüchterne Analyse wird im Eingangskapitel in einem Satz zusammengefasst: „Der Deutsche ist angetreten, die Welt der Industrie zu erobern. Mit Umsicht, Beharrlichkeit und wissenschaftlicher Gründlichkeit dringt er auf immer neue Märkte vor und fordert die britische Industrie selbst auf ihren angestammten Absatzgebieten heraus.“ Der rasante industrielle Aufstieg des Deutschen Reiches, mitfinanziertvon französischen Reparationen, hatte in Großbritannien mehr als Besorgnis ausgelöst. Schon 1887 hatte man mit dem Merchandise Marks Act versucht, durch die Kennzeichnungspflicht „Made in Germany“ deutsche Produkte als minderwertig kenntlich zu machen. Bekanntlich erreichte diese protektionistische Maßnahme das Gegenteil, Made in Germany wurde zum Markenzeichen für Innovation und solide Qualität. Den Fortschritt Deutschlands fasste er fair zusammen: „Der deutsche Erfindergeist, früher noch im Rückstand zu uns, entwickelt sich inzwischen in einem Tempo, das erwarten lässt, dass der Deutsche schon bald nicht mehr auf englische Vorbilder angewiesen sein wird.“
Heute, 130 Jahre später, könnte man eine lange Reihe von Williams‘ Formulierungen im Original übernehmen und lediglich Deutschland durch China ersetzen. Die Besorgnis ist die gleiche, dazu der protektionistische Instinkt und der Dünkel, dass man die technische und industrielle Dominanz auf Dauer gepachtet und dass ein Land wie China kein Recht habe, uns einzuholen oder gar zu überholen.
Von Manchester über Essen, Detroit und Tokio nach Shanghai und Shenzhen
Die Geschichte der Weltwirtschaft war in den letzten 200 Jahren durch eine dauerhafte westliche Überlegenheit geprägt, die Europa und den Vereinigten Staaten suggeriert hat, dass sie natur- oder gottgegeben sei. Ähnlich wurde die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Afrika, Asien und Lateinamerika, die bis heute maßgeblich zum Erfolg beigetragen hat, ohne Bedenken oder gar Schuldgefühle akzeptiert. Dass mit der wirtschaftlichen und technischenDominanz auch die militärische Überlegenheit entscheidend war, stärkt bis heute den Dünkel der Führungsmächte. Innovationskraft und technische Umsetzung stärkten zunächst Großbritannien, das sich selbst als Werkbank Europas,Zentrum des Welthandels, Finanzplatz der Erde und Beherrscher der Weltmeere sah. Der Aufstieg Deutschlands löste Bedrohungsgefühle aus, auch militärisch, die feindlicherwurden, nachdem Kaiser Wilhelm Deutschlands Zukunft auch auf den Weltmeeren ausrief. Wie von Williams beschrieben, beschleunigten den Aufstieg die deutschen Universitäten und Schulen, Ingenieurausbildung und Innovationen, Stahl in Essen, Elektrotechnik in Berlin, Chemie, Maschinenbau und Automobile. Gleichzeitig entwickelten sich die USA mit Edison, Ford und Erdöl zur führenden Exportnation. Mit dem riesigen Binnenmarkt, General Electric, IBM, Boeing oder später Intel und Microsoft starteten sie eine neue industrielle Epoche. In den 1970er und 1980er Jahren erwuchs dann inJapan eine neue Konkurrenz. Nachdem die exportierten Nähmaschinen lange als billige Kopie verspottet worden waren, begann mit zuverlässigen Autos, Unterhaltungselektronik, Kameras und anderen japanischen Qualitätsprodukten in Europa und den USA die Furcht vor dem eigenen Abgehängtwerden. Diese Angst verstärkt sich gerade mit der anhaltenden Wirtschaftsflaute in Europa, der teuren Umstellung auf erneuerbare Energien und die Krise verschiedener Vorzeigeindustrien wie Automobil- undMaschinenbau, Chemie oder Pharma.
Wo gibt China das Entwicklungstempo vor und wie weit liegt Europa zurück?
Die Zeichen an der Wand wechseln fast im Wochenrhythmus, aber gerade im Vergleich mit den Analysen in Williams‘ Bestseller „Made in Germany“ von 1896 sind die Daten zur „brain power“ besonders interessant, die den technischen Fortschritt erst möglich machen. Ähnlich wie Deutschland nach 1871 hat China intensiv in Bildung, Wissenschaft und Forschung investiert und seine Vorteile wie Arbeitskräftepotenzial und niedrige Löhne genutzt, um zunächst mit Billigprodukten den Export anzukurbeln. Daneben hat es Unternehmertum und technologische Erneuerung gefördert und sich wie vorher Großbritannien, Deutschland, die USA und Japan zunehmend zur „Werkbank der Welt“ entwickelt. Erst danach und inzwischen immer sichtbarer wird der Aufstieg zum Innovationszentrum der nächsten Epoche. Dazu einige Zahlen und Fakten:
1. Das „Gaokao“ genannte Zentralabitur Chinas gilt als eine der anspruchsvollsten Prüfungen weltweit und öffnet ja nach Ergebnis den Zugang zu Eliteuniversitäten. Zu den obligatorischen Fächern Chinesisch, Mathematik und einer Fremdsprache kommen Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, Politik oder Geografie als Wahlfächer. In diesem Jahr haben 12,9 Millionen Schüler teilgenommen und über 80 Prozent bestanden.
2. Die Absolventenzahlen in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind extrem. China bildet jährlich 4,5 bis 5 Millionen Absolventen aus, ungefähr so viele wie Indien, die USA und die EU zusammen. Quantität allein garantiert noch nicht die Qualität, die zeigt sich aber drastisch genug bei den Innovationsclustern.
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3. Auf der Top-100-Liste der World Intellectual Property Organization (WIPO) stehen inzwischen 24 chinesische Innovationscluster, 20 amerikanische, 8 deutsche und je 4 indische und koreanische. Die Spitzenpositionen teilen sich in dieser Reigenfolge Shenzhen–Hongkong–Guangzhou, Tokio-Yokohama, San Jose-Francisco (Silicon Valley), Beijing und Seoul. Immerhin sind noch 8 deutsche dabei, die massive Forschungsförderung durch Bundesmittel für Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zahlen sich aus, aber nicht mehr in der Spitzengruppe. 4. Bei den Nobelpreisen für Physik, Chemie und Medizin liegen die USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich und Japan vorn. China hat bisher nur einen in Medizin aufzuweisen, aber vier durch chinesisch-stämmige Amerikaner. Nobelpreise werden oft für länger zurückliegende Arbeiten verliehen und sind nicht ganz unabhängig von akademischen Netzwerken. China ist erst seit etwa 2000 massiv in die Forschungsförderung eingestiegen, holt aber inzwischen auch in der Grundlagenforschung rapide auf. Beim MINT-Nachwuchs, der Anzahl von Patenten, der Anzahl von Innovationsclustern und bei der industriellen Umsetzung liegt es inzwischen in Führung. Neben den in Europa unübersehbaren Elektrofahrzeugen sind die Fortschritte in den Bereichen Batterietechnik, Leistungselektronik, Telekommunikation, PCs, Drohnen, Hochgeschwindigkeitszüge,Solartechnik, Robotik und Künstliche Intelligenz kaum noch einzuholen. Über Jahrzehnte von westlichen Konzernen mit satten Profiten in der Auftragsfertigung benutzt, hat sich China so weit emanzipiert, dass es immer mehr als Bedrohung wahrgenommen wird – wie vor 130 Jahren Deutschland. Die Reaktionen in Europa und den USA sind auch heute protektionistisch. Aus Brüssel heißt es immer lauter: De-risking, Wettbewerb und Handel müssen fair und ausgeglichen sein, keine Überkapazitäten und ähnlich. Weil auch im Westen die Industriepolitik massiv finanziell eingreift, sind die Vorwürfe nicht allzu berechtigt. Wie problematisch ein Handelskrieg ist, zeigt die EU-China Auseinandersetzung Ende Juli. Mit dem 21. Sanktionspaket gegen Russland hatte die EU auch 14 chinesische Unternehmen auf die Liste gesetzt, weil sie rüstungsrelevante Güter liefern könnten. China setzte umgehend 14 europäische Unternehmen auf eine Importkontrollliste. Daneben ist der Chip-Krieg in vollem Gange, offenbar nicht zum Nachteil Chinas. Das Land ist in einem unglaublichen Modernisierungsprozess. Europa und die USA sind nicht abgeschrieben, sollten aber versuchen, statt mit emotionalem Protektionismus eher mit Bildung, Forschung und Produktivität eigene Innovationen zu generieren. |
