Der Wunsch, möglichst viele Jahre selbstständig und gesund zu verbringen, hat einen neuen Namen bekommen. Unter „Longevity“ werden allerdings sehr verschiedene Dinge zusammengefasst, von wissenschaftlich begründeter Prävention bis zu Produkten mit ungeklärtem Nutzen. Die entscheidende Frage ist, welche Maßnahmen Gesundheit tatsächlich fördern und welche Behauptungen über das Altern von den verfügbaren Studien nicht gedeckt sind.
Am 31. August 2026 veröffentlichte die DAK-Gesundheit die Ergebnisse einer Forsa-Befragung zum Thema Longevity. 69 Prozent der Befragten sahen das Potenzial, mit entsprechenden Ansätzen den Alterungsprozess zu verlangsamen und möglichst lange gesund zu bleiben. Gleichzeitig hatte ungefähr die Hälfte den Begriff zuvor überhaupt schon einmal gehört oder gelesen. Mehr als 70 Prozent erklärten, aktiv für ihre Gesundheit vorsorgen zu wollen. Befragt wurden vom 7. bis 18. August 1.043 Menschen in Deutschland im Alter von 18 bis 70 Jahren. Die Zahlen beschreiben Erwartungen und Einstellungen innerhalb dieser Altersgruppe; sie sind kein medizinischer Nachweis dafür, dass beliebige unter dem Begriff angebotene Verfahren wirksam sind. [1]
Auffällig an derselben Befragung ist, wem die Menschen beim Thema Altern Vertrauen schenken. Gesetzliche Krankenkassen erreichten nach Angaben der DAK 75 Prozent, Beiträge von Influencern lediglich vier Prozent. Auch diese Werte beweisen keine medizinische Aussage. Sie beschreiben vielmehr, welche Informationsquellen die Befragten für vertrauenswürdig halten. Wer einen neuen Gesundheitstrend journalistisch einordnet, sollte daher zwei Ebenen trennen: die erhebliche Nachfrage nach Orientierung und die Frage, ob ein konkretes Angebot einen überprüfbaren Nutzen besitzt. Ein guter Verkaufsname ersetzt weder eine kontrollierte Studie noch eine fachliche Bewertung. [1]
Die Weltgesundheitsorganisation verwendet in ihrer Definition gesunden Alterns einen anderen Maßstab als bloß das Erreichen eines hohen Lebensalters. Gesundes Altern bezeichnet für die WHO einen Prozess, bei dem die Fähigkeit erhalten und entwickelt wird, im späteren Leben das zu tun, was dem Menschen wichtig ist. Dazu gehören Bewegung, die Bewältigung des Alltags, Entscheidungen, Lernen, soziale Beziehungen und Teilhabe. Menschen können nach diesem Verständnis auch mit gut behandelten Erkrankungen gesund altern. Nicht die völlige Abwesenheit jeder Diagnose, sondern die tatsächliche Handlungsfähigkeit steht im Vordergrund. [2]
Die messbaren Grundlagen sind wenig spektakulär
Für regelmäßige Bewegung existieren Empfehlungen auf Grundlage umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Die WHO rät Erwachsenen zu 150 bis 300 Minuten aerober Aktivität mittlerer Intensität pro Woche oder zu 75 bis 150 Minuten intensiver Aktivität beziehungsweise einer entsprechenden Kombination. An mindestens zwei Tagen sollen größere Muskelgruppen gekräftigt werden. Bei älteren Menschen mit eingeschränkter Mobilität kommt die Bedeutung von Gleichgewichtsübungen hinzu. Die Organisation verbindet körperliche Aktivität mit Vorteilen für Herz-Kreislauf-Gesundheit, Stoffwechsel, psychisches Wohlbefinden und die Vermeidung von Stürzen. Aus diesen Empfehlungen folgt kein individuelles Versprechen auf ein bestimmtes Lebensalter; sie benennen vielmehr Maßnahmen mit nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteilen. [3]
Auch der Schlaf gehört zu den belastbaren Grundlagen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC nennt für Erwachsene von 18 bis 60 Jahren mindestens sieben Stunden pro Nacht, für 61- bis 64-Jährige sieben bis neun Stunden und für Menschen ab 65 Jahren sieben bis acht Stunden. Der persönliche Bedarf kann abweichen, Schlafqualität ist neben der Dauer wichtig. Die Angaben sind Altersgruppenempfehlungen, keine mathematische Formel, mit der sich ein zusätzliches Lebensjahr berechnen ließe. Sie zeigen, wie wenig überzeugend es wäre, aufwendig in neue Anti-Aging-Produkte zu investieren und gleichzeitig den grundlegenden Erholungsbedarf des Körpers als Nebensache zu behandeln. [4]
Das Bundesgesundheitsministerium verweist bei der Prävention auf regelmäßige körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung, Erholung und die Vermeidung gesundheitsschädlicher Gewohnheiten. Hinzu kommen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sowie Impfungen, die nach individueller Situation und geltenden Empfehlungen sinnvoll sind. Prävention soll Krankheiten verhindern oder deren Verlauf günstig beeinflussen; Früherkennung kann gesundheitliche Veränderungen aufdecken, bevor Beschwerden auftreten. Die konkrete Entscheidung für Untersuchungen gehört allerdings in den Kontext von Alter, Risiken und ärztlicher Beratung. Eine pauschale Empfehlung für jede denkbare Laboruntersuchung lässt sich daraus nicht ableiten. [5]
Zur gesunden Lebensführung gehören nicht nur Entscheidungen des Einzelnen. Die WHO betont in ihrer Definition, dass auch Wohnumfeld, soziale Bedingungen, Gesundheitsversorgung und Möglichkeiten zur Teilhabe die Fähigkeiten älterer Menschen prägen. Wer kaum Zugang zu sicheren Wegen, geeigneten Bewegungsangeboten oder medizinischer Versorgung hat, verfügt nicht über dieselben Handlungsmöglichkeiten wie jemand mit günstigen Bedingungen. Longevity ausschließlich als Frage persönlicher Selbstdisziplin darzustellen, würde diesen Unterschied übersehen. Prävention ist auf Verhalten angewiesen, aber gesunde Lebensbedingungen entstehen nicht allein durch individuelles Verhalten. [2][5]
Wo aus Prävention ein Produktversprechen wird
Besonders kritisch sind Werbebehauptungen zu Nahrungsergänzungsmitteln zu prüfen. Das vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen herausgegebene Portal Gesundheitsinformation.de erläutert, dass Vitamin- und Mineralstoffpräparate in vielen Fällen keinen gesundheitlichen Zusatznutzen bringen und teilweise schaden können. Für antioxidative Präparate wurde untersucht, ob sie das Leben verlängern. Die ausgewerteten Studien bestätigten dies nicht. Bei bestimmten hoch dosierten Stoffen, darunter Vitamin A, Vitamin E und Betacarotin, zeigten die Untersuchungen vielmehr Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit. Solche Befunde gelten nicht unterschiedslos für jede medizinisch begründete Supplementierung: Ein festgestellter Mangel ist etwas anderes als die routinemäßige Einnahme gesunder Menschen in der Hoffnung auf Lebensverlängerung. [6]
Entsprechend unterscheidet das Informationsportal zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln. Nahrungsergänzungen sollen Nährstoffe liefern und unterliegen als Lebensmittel anderen Anforderungen als Medikamente. Allgemeine Werbeformulierungen zur Unterstützung von Organfunktionen belegen noch keinen messbaren Schutz vor Krankheiten. Besonders hoch dosierte Produkte oder Präparate aus ausländischen Onlineangeboten verdienen daher sorgfältige Prüfung. Es ist kein Widerspruch, dass einzelne Menschen aus medizinischen Gründen bestimmte Nährstoffe benötigen, während für eine allgemeine prophylaktische Einnahme ohne Mangel keine Lebensverlängerung nachgewiesen ist. [6]
Dasselbe methodische Problem begegnet bei der Frage nach biologischem Alter und zahlreichen neu vermarkteten Tests. Der Begriff kann unterschiedliche Messverfahren und Größen bezeichnen; aus der Messung eines einzelnen Markers ergibt sich noch nicht automatisch eine geeignete Therapie. Für eine seriöse Beurteilung müsste gezeigt werden, dass ein Test zuverlässig misst, dass die gemessene Veränderung klinisch bedeutsam ist und dass eine daraus abgeleitete Behandlung den Menschen tatsächlich nützt. Die im DAK-Bericht dokumentierte Bereitschaft zur Vorsorge darf deshalb nicht mit einer allgemeinen Empfehlung für alle privat angebotenen Messungen verwechselt werden. [1][5][6]
Was der Wunsch nach mehr Jahren tatsächlich meint
Gesundes Altern lässt sich nach dem WHO-Verständnis auch daran beurteilen, ob Menschen ihren Alltag selbst gestalten, sich fortbewegen, Beziehungen pflegen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Eine Person mit einer chronischen, gut behandelten Krankheit kann solche Fähigkeiten durchaus erhalten. Dagegen sagt eine isolierte Zahl auf einer Waage, einer Uhr oder einem Testblatt wenig darüber aus, wie sich das Leben tatsächlich gestaltet. Die WHO verlangt deshalb eine Betrachtung von körperlichen und geistigen Fähigkeiten im Zusammenspiel mit der jeweiligen Umwelt. [2]
Die DAK-Umfrage dokumentiert ein hohes Interesse an aktiver Vorsorge; ihre eigene Informationsseite zum Thema nennt Bewegung, ausgewogene Ernährung, Schlaf, Vorsorge und soziale Kontakte als zentrale Elemente. Das mag gegenüber futuristisch klingenden Produktversprechen unscheinbar wirken, hat aber einen entscheidenden Vorzug: Die Empfehlungen lassen sich fachlich einordnen und auf ihre Evidenz prüfen. Sie verlangen weder, einen bestimmten biologischen Alterswert zu kaufen, noch erlauben sie eine Garantie auf viele zusätzliche Jahre. [1][7]
Die DAK weist auf eine weitere Lücke zwischen Vorsatz und Umsetzung hin: Fast die Hälfte nutzte nach ihren Angaben bislang keine Präventionsangebote; Zeitmangel und fehlende Motivation wurden als Hindernisse genannt. Das ist kein Beleg für die Erfolglosigkeit bestimmter Maßnahmen. Es zeigt vielmehr, dass die bloße Zustimmung zu einem Ziel wenig über tatsächliche Gewohnheiten aussagt. In einer Bewertung von Longevity-Angeboten sollte deshalb deutlich sein, ob eine Studie Einstellungen abfragt, Veränderungen von Laborwerten misst oder einen nachweisbaren Vorteil im Alltag untersucht. Die 69 Prozent aus der Forsa-Umfrage gehören eindeutig zur ersten Kategorie. [1][7]
Die WHO betont darüber hinaus, dass es keinen typischen alten Menschen gibt. Manche Hochbetagte bleiben körperlich und geistig ausgesprochen leistungsfähig, andere brauchen früh Unterstützung bei grundlegenden Tätigkeiten. Ein einzelnes Alter oder eine isolierte biologische Kennzahl kann solche Unterschiede nicht ausreichend abbilden. Für die Weltgesundheitsorganisation zählen zur funktionellen Fähigkeit ausdrücklich auch Mobilität, Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit, Beziehungen zu pflegen. Diese Sicht verhindert, dass die gesellschaftliche Debatte über gesundes Altern allein auf das Aussehen oder die Verlängerung eines Messwerts verengt wird. [2]
Auch Gesundheitsschutz und Früherkennung sind keine identischen Vorgänge. Körperliche Aktivität soll gesundheitliche Risiken senken und vorhandene Fähigkeiten unterstützen. Eine Früherkennungsuntersuchung sucht dagegen nach Anzeichen einer möglicherweise vorhandenen Erkrankung. Impfungen wiederum können vor bestimmten Infektionskrankheiten und schweren Verläufen schützen. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt diese Bereiche gemeinsam unter Prävention und Gesundheitsförderung, ohne daraus zu folgern, jede denkbare Untersuchung müsse jedem Menschen angeboten werden. Entscheidend bleiben persönliche Voraussetzungen und fachliche Beratung. [3][5]
Longevity ist damit zunächst die Bezeichnung für ein verständliches Ziel, nicht für eine einheitliche Therapie. Eine Aussage über Wirksamkeit muss sich immer auf die konkrete Maßnahme und den untersuchten Endpunkt beziehen. Geht es um körperliche Leistungsfähigkeit, um vermiedene Erkrankungen, um eine bessere Lebensqualität oder tatsächlich um ein längeres Leben? Erst wenn diese Fragen sauber getrennt werden, lässt sich entscheiden, was von einem Angebot bleibt. Der Wunsch nach einem langen, gesunden Leben ist dokumentiert. Die Pflicht zum wissenschaftlichen Nachweis wird durch ihn nicht aufgehoben. [1][2][6]
[1] DAK-Gesundheit/Forsa, Longevity-Befragung vom 31.08.2026: https://www.dak.de/presse/bundesthemen/umfragen-studien/longevity-69-prozent-sehen-potenzial-fuer-mehr-gesunde-lebensjahre_226702
[2] Weltgesundheitsorganisation, „Healthy ageing and functional ability“: https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/healthy-ageing-and-functional-ability
[3] WHO Europa, „Physical activity“: https://www.who.int/europe/news-room/fact-sheets/item/physical-activity
[4] CDC, „About Sleep“, 15.05.2024: https://www.cdc.gov/sleep/about/
[5] Bundesgesundheitsministerium, „Gesund bleiben: Gesundheitsförderung und Prävention“: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/krankenversicherung/online-ratgeber-krankenversicherung/medizinische-versorgung-und-leistungen-der-krankenversicherung/gesundheitsfoerderung-und-praevention
[6] Gesundheitsinformation.de/IQWiG, „Nahrungsergänzungsmittel – was ist zu beachten?“: https://www.gesundheitsinformation.de/nahrungsergaenzungsmittel-was-ist-zu-beachten.html
[7] DAK-Gesundheit, Hintergrund „Longevity“: https://www.dak.de/dak/gesundheit/koerper-seele/longevity_225026
