Es gibt Regisseure, die einen Stoff verfilmen. Und es gibt Regisseure, die immer wieder zu derselben großen Geschichte zurückkehren – selbst wenn die Schauplätze wechseln. James Gray gehört zur zweiten Kategorie. Sein Kino handelt von Familie, Loyalität, Verrat und dem amerikanischen Traum, von Menschen, die ihrem Schicksal entkommen wollen und gerade dadurch immer tiefer in dessen Fänge geraten. Paper Tiger ist in diesem Sinne weniger eine Abkehr als eine besonders konzentrierte Rückkehr zu den großen Themen seines Werks.
Das passt hervorragend zu Locarno. Am 9. August wurde Gray auf der Piazza Grande mit dem Pardo alla Carriera für sein Lebenswerk ausgezeichnet, anschließend wurde Paper Tiger als Schweizer Premiere gezeigt. Das Festival würdigte damit einen Filmemacher, dessen Werk seit Little Odessa immer wieder um die jüdisch-russische Gemeinschaft New Yorks, die Verlockungen des Aufstiegs und die zerstörerische Macht familiärer Bindungen kreist.
Paper Tiger führt zurück nach Queens im Jahr 1986. Zwei Brüder versuchen, ihren Anteil am amerikanischen Traum zu erobern – und geraten dabei in ein Geschäft, das zu gut erscheint, um wahr zu sein. Aus der vermeintlichen Chance wird eine Bedrohung, als die beiden in die Welt der russischen Mafia geraten. Was zunächst wie ein Kriminalfilm beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem Drama über Brüder, Ehe, Vaterschaft und die Frage, was ein Mensch bereit ist zu opfern, um seine Familie zu schützen.
Gray interessiert sich dabei weniger für die Mafia als spektakuläre Unterwelt denn für ihre Wirkung auf die Menschen. Gewalt ist in Paper Tiger keine Attraktion, sondern eine Atmosphäre, die langsam in das Leben der Figuren eindringt. Der amerikanische Traum erweist sich einmal mehr als gefährlich brüchig: Wer glaubt, durch Mut, Arbeit oder einen geschickten Deal gesellschaftlich aufzusteigen, kann plötzlich feststellen, dass er längst einen Preis bezahlt, den er nie akzeptiert hat.
Im Zentrum stehen Adam Driver als Gary Pearl, Miles Teller als sein Bruder Irwin und Scarlett Johansson als Hester Pearl. Driver und Johansson treffen dabei nach Marriage Story erneut aufeinander – allerdings unter völlig anderen Vorzeichen. Driver bringt seine inzwischen charakteristische Mischung aus Verletzlichkeit, körperlicher Präsenz und innerer Unruhe in die Rolle ein. Johansson wiederum verleiht Hester eine stille Entschlossenheit: Sie ist nicht bloß die Ehefrau, die vom kriminellen Abenteuer der Männer betroffen ist, sondern eine Figur, an der sich zeigt, was diese Entscheidungen für eine Familie tatsächlich bedeuten.
Gerade darin liegt Grays Stärke. Er macht aus einem vermeintlichen Gangsterfilm kein Schaulaufen cooler Typen, sondern eine Tragödie der familiären Bindung. Die Brüder sind einander zugleich Halt und Gefahr. Ihre Nähe macht sie stark – und macht jeden Verrat umso schmerzhafter. Wer Grays The Yards, We Own the Night oder Two Lovers kennt, erkennt diese Handschrift sofort: Das Verhängnis entsteht nicht irgendwo außerhalb der Familie. Es wächst aus ihr heraus.
Auch formal bleibt Gray seiner Vorstellung von amerikanischem Kino treu. Die Kamera von Joaquín Baca-Asay verankert die Figuren in einer New Yorker Welt, die zugleich konkret und mythisch wirkt. Das Queens der achtziger Jahre ist kein nostalgischer Sehnsuchtsort, sondern ein Raum, in dem soziale Hoffnungen und persönliche Ängste aufeinanderprallen. Gray erzählt mit großer Ernsthaftigkeit, ohne sich der Ironie des Zeitgeistes anzubiedern.
Das macht Paper Tiger zu einem Film, der sich bewusst Zeit nimmt. Wer einen geradlinigen Mafia-Thriller erwartet, könnte die Schwere und Bedächtigkeit des Films zunächst als Zumutung empfinden. Doch gerade diese Langsamkeit ist Teil von Grays Methode: Die Katastrophe soll nicht wie ein plot twist über die Figuren hereinbrechen, sondern wie etwas, das sich längst angekündigt hat. Das Unheil ist weniger Überraschung als Konsequenz.
Der Titel Paper Tiger – der Papiertiger – bezeichnet dabei eine Macht, die bedrohlich aussieht, aber möglicherweise fragiler ist, als sie scheint. Gray dreht dieses Bild jedoch weiter: Auch der amerikanische Traum selbst kann ein Papiertiger sein. Er verspricht Sicherheit, Wohlstand und Selbstbestimmung und offenbart sich im entscheidenden Moment als Konstruktion aus Papier.
So wird Paper Tiger zu einem bemerkenswert klassischen Film in einer Zeit, in der das klassische amerikanische Kino selten geworden ist. James Gray glaubt noch an große Geschichten, an tragische Familien, an moralische Entscheidungen und an Figuren, deren Leben mehr ist als eine Abfolge von Plotpunkten. Dass Locarno ihn ausgerechnet bei der Präsentation dieses Films mit dem Pardo alla Carriera geehrt hat, besitzt deshalb eine schöne Folgerichtigkeit.
Paper Tiger ist kein Film, der seine Zuschauer mit spektakulären Gesten umwirbt. Er arbeitet langsamer und nachhaltiger. Was zunächst wie ein weiterer Gangsterfilm über New York aussieht, verwandelt sich in eine Meditation über Brüder, Ehe, Schuld und die Unmöglichkeit, seine Familie vor den eigenen Entscheidungen zu bewahren.
Ein reifer, düsterer und zutiefst amerikanischer Film – und zugleich eine überzeugende Erinnerung daran, warum James Gray zu den eigenwilligsten Autoren des zeitgenössischen US-Kinos gehört.

