Die gebürtige Berchtesgadenerin war Biologie-Didaktikerin in München und lebt heute in Simbach am Inn. Ihr kulturgeschichtliches Interesse schlägt sich in dieser opulenten Neuerscheinung auf dem Buchmarkt nieder. Sie ist der Naturwissenschaftlerin mit Fleiß und findigem Glück gelungen und stellt eine bisher nur am Rand beachtete, nun aber durch selbst initiierte und durchwegs verlässliche Forschungs-Ergebnisse zum Interessenmittelpunkt vorgerückte Thematik in aller gebotenen Breite und aber auch Tiefe vor. Die Leserschaft folgt interessiert dem von Scherf bis in Details gecheckten kenntnisreichen Gang durch alle bayerischen Regierungsbezirke – von Franken bis Schwaben. Der „heilsamen Kraft des Baums“ habe sich der gläubige Mensch schon vor Jahrhunderten anvertraut, und viele Gnadenstätten – von Burgerroth bis Wattenweiler – seien dadurch entstanden. Sie werden hier ermunternd, dem Forschungswillen der Autorin zu folgen, besucht. Fotos ihres bereits verstorbenen Ehemanns und Landkarten machen den akribischen Text noch besser lesbar. Die Infos zeugen von der intensiven Beschäftigung der Autorin mit der von ihr wissenschaftlich fundiert erarbeiteten und auf Quellen, die nur noch dem Fachmann zur Verfügung stehen, gestützten Informationen. – Ein liebenswertes Alters-Lebenswerk, das durch seine gebotene Fülle und gläubig durchwirkte Sensibilität besticht.
Im südöstlichen Oberbayern fand Gertrud Scherf an mehreren Orten Daten und Fakten zu ihrer Thematik „Baumverbundene Gnadenstätten“,
* in Altmühldorf bei Mühldorf a. Inn (Kronwidlkapelle: Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes): „Die den Brunnen beschattende große alte Linde wurde 2013 gefällt und durch Neupflanzung (Winterlinde) ersetzt“. Schon Rudolf Kriss, der Volkskundler, auf den sich die Autorin mehrfach bezieht, habe bereits erwähnt, dass „der knorrige Stamm der Linde mit einigen Blechtäfelein behangen“ sei.
* in Annabrunn bei Obertaufkirchen (Wallfahrtskirche hl. Mutter Anna): Die Wallfahrtslegende Alexander Schöppners erzählt davon, „wie die heilige Mutter Anna als lebendige Person erscheint,als alte, wohlbekleidete Frau, die Quelle und Tanne als Kennzeichen des numinosen Ortes angibt.“ Sie vermutet, dass „eine als wundertätig geltende Quelle und die mächtige Tanne, unter der sie entsprang, bereits im 16. Jahrhundert … aufgesucht und verehrt“ wurde“. Dieses Annabrunn hieß ursprünglich nicht von ungefähr Tannenbrunn. Die Opfergaben wurden an die Tanne angehängt.
* in Ettenberg bei Marktschellenberg (Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung): Welche Legende Gertrud Scherf auch immer einsehen konnte – sie erzählt, dass m 17. Jh. ein Marienbild verehrt wurde, das eines Tags verschwunden war. „Man fand es auf dem heutigen Kirchenplatz an einer Linde. Zurückgebracht zum alten Ort, kehrte es wiederholt zum Lindenbaum zurück, wo man es schließlich beließ.“ In einem Schrein steht das Gnadenbild. Eine Votivafel, die älteste aus dem Jahr 1696, zeigt es am Baumstamm: Maria mitt dem Kind als Himmelskönigin, „umgeben von einer kleinen offenen Holzkapelle“.
* in Feichten an der Alz (Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt):
„Bei den Fichten“ hieß der Ort schon auf mittelalterlichen Urkunden. Am Bauplatz der Kirche wurde in einer Fichte ein Marienbild aus Stein entdeckt. Es soll um 14oo entstanden sein, ist also älter als die Altöttinger. In der Turmhalle und über dem Gnadenaltar ist die „himmlisch Ärztin von Feichten“, zuständig besonders für Frauenleiden und werdende Mütter, zu sehen.
Hinzu kommen *Mühlberg bei Waging am See (Maria Birnbaum), *Raiten im Süden des Chiemsees an der Tiroler Grenze mit den beachtlichen „Sieben Linden“ und *Weihenlinden, wo die 1657 geweihte, weithin sichtbare dreischiffige Basilika mit seitlichem Arkadengang steht. In sie einbezogen: die hölzern achteckige Gnadenkapelle mit spätgotischer Muttergottesfigur unter einem Baldachin. Zur Wallfahrtsgeschichte gibt es Fresken im Arkadengang.

Gertrud Scherf: „Unsere Liebe Frau im Baum“. Baumverbundene Gnadenstätten in Bayern“, 208 Seiten, Hardcover, viele farbige Illustrationen, grafische Gestaltung: Hans Schopf, 39,90 Euro, Gesamtherstellung Ohetaler Verlag, Grafenau 2026
