200 MUSIKER, EIN RIESENWERK: Wynton Marsalis eröffnete Edinburgh mit „All Rise“

Edinburgh Schloss, Gebäude, Architektur. Quelle: PatrickLFC93, Pixabay License, Freie kommerzielle, Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Das International Festival wurde am 8. August eröffnet mit einer Symphonie, die Jazz, Blues, Gospel und Orchestertradition zusammenführt – und damit zugleich das Motto der gesamten Ausgabe liefert.

Wynton Marsalis ist seit Jahrzehnten eine zentrale und zugleich kontrovers diskutierte Figur des amerikanischen Jazz. Als Trompeter, Komponist und institutioneller Gestalter hat er den Jazz at Lincoln Center entscheidend geprägt. Kritiker warfen ihm gelegentlich vor, einen zu stark kanonischen Blick auf die Jazzgeschichte zu vertreten; Anhänger sehen gerade in seiner historischen Arbeit eine notwendige kulturelle Selbstbehauptung. „All Rise“ macht diese Spannung hörbar, weil das Werk Traditionsbewusstsein mit großformatiger Grenzüberschreitung verbindet. Von dieser Seitenbewegung führt eine direkte Linie zurück zum Ereignis, das dadurch erst seine kulturelle Tiefe gewinnt.

Ein Eröffnungsabend als musikalisches Programm

Das Edinburgh International Festival läuft vom 7. bis 30. August 2026 mit 147 Aufführungen aus Musik, Oper, Theater und Tanz. Sein Motto lautet „All Rise“. Am Abend des 8. August wurde dieser Satz buchstäblich Klang: Wynton Marsalis führte seine gleichnamige Symphonie mit dem Jazz at Lincoln Center Orchestra, dem Royal Scottish National Orchestra, dem Edinburgh Festival Chorus und den Jason Max Ferdinand Singers auf. Die offizielle Konzertseite sprach von mehr als 200 Mitwirkenden. Dirigent war James Gaffigan.

Schon die Besetzung widerspricht einer alten Sortierung des Musikbetriebs. Jazzorchester, klassisches Symphonieorchester und großer Chor stehen nicht nacheinander auf dem Programm, sondern sind in einem Werk verschränkt. Marsalis hat „All Rise“ in zwölf Sätzen angelegt – als Bezug auf die Form des Zwölftakt-Blues – und musikalische Sprachen verbunden, die in Institutionen lange getrennt gepflegt wurden. Blues, Gospel, New-Orleans-Tradition, lateinamerikanische Rhythmen und symphonische Schreibweise bilden kein Potpourri, sondern eine Debatte darüber, wie verschiedene Traditionen zusammenleben können.

Jazz als amerikanischer Kanon – und als Streit darüber

Dass Marsalis den Festivalauftakt prägt, berührt auch die Frage nach einem amerikanischen Kanon. Jazz entstand aus afroamerikanischer Erfahrung und wurde dennoch lange von Institutionen behandelt, als gehöre er nicht vollständig zur „ernsten“ Musik. Marsalis hat wie kaum ein anderer dafür gekämpft, Jazzgeschichte institutionell zu sichern. Dieser Erfolg erzeugte neue Konflikte: Sobald eine vormals marginalisierte Kunst einen Kanon bildet, entscheidet sie ihrerseits, was zentral und was randständig erscheint.

„All Rise“ kann deshalb auch als Versuch gehört werden, Kanon nicht mit Abschottung zu verwechseln. Die Symphonie nimmt den Blues als strukturelles Zentrum, öffnet sich aber zu Chortradition, Orchesterklang und globalen Rhythmussprachen. Das Werk behauptet nicht, alle Unterschiede seien verschwunden. Es versucht, sie in eine Form zu bringen, die gemeinsame Dauer erzeugt. Für ein Festival, das den 250. Jahrestag der USA kritisch befragt, ist das eine produktive Metapher: Eine Gesellschaft besteht nicht darin, Widersprüche zu leugnen, sondern darin, mit ihnen eine tragfähige Form zu finden.

Marsalis und der Streit um die Institution Jazz

Die aktuelle Bedeutung erhöht sich durch den Rahmen des Festivals. Die Ausgabe 2026 nimmt den 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit zum Anlass, über die Vereinigten Staaten nachzudenken – ausdrücklich nicht nur feierlich. Die Festivalankündigung nennt Freiheit, Erfindungsgeist, Vorurteil und Widerspruch als Themen. Ein afroamerikanischer Komponist, der den Blues zur strukturellen Grundlage einer großen Symphonie macht, steht damit nicht zufällig am Anfang. Der Abend lässt sich als musikalische These über Amerika hören: Größe entsteht nicht aus kultureller Reinheit, sondern aus Reibung, Aneignung, Konflikt und Zusammenarbeit.

Auffällig ist außerdem die Dimension. Viel Gegenwartskultur setzt auf kleine, flexible Formate; „All Rise“ verlangt dagegen einen enormen Apparat. Mehr als 200 Menschen müssen rhythmisch, klanglich und organisatorisch zusammenfinden. Gerade in einer Zeit, in der musikalische Produktion häufig am Laptop eines Einzelnen möglich ist, bekommt diese kollektive Anstrengung eine beinahe politische Symbolik. Niemand kann das Stück allein herstellen.

Das heißt nicht, dass Größe automatisch Tiefe erzeugt. Monumentale Werke können ebenso leer wirken wie kleine. Doch Marsalis nutzt den Apparat, um unterschiedliche Klangkulturen nicht zu glätten. Wenn Chor, Big Band und Symphonieorchester dieselbe musikalische Bewegung tragen, werden ihre Unterschiede hörbar. Der Reiz liegt nicht in einer künstlichen Fusion, sondern in der Frage, wie lange Eigenheiten bestehen bleiben können, obwohl ein gemeinsamer Verlauf entsteht.

Am 8. August war „All Rise“ der zentrale musikalische Termin des Tages. Der Tageskalender des Festivals führt das Konzert als zentralen Abendtermin, daneben laufen bereits Theater- und Gesprächsformate. Ein Text kann also mit einem konkreten Ereignis beginnen und weit darüber hinausführen: zur amerikanischen Kulturgeschichte, zur Stellung des Jazz, zur Funktion großer Kulturinstitutionen und zur Frage, ob Zusammenarbeit mehr sein kann als ein gut klingendes Festivalwort.

Der Titel „All Rise“ kann pathetisch wirken. In der Musik wird er konkret. Hunderte Menschen müssen einander zuhören, Einsätze abgeben, führen und folgen. Vielleicht ist das die überzeugendste kulturelle Botschaft, die ein Festival in einer polarisierten Gegenwart formulieren kann: Nicht alle müssen gleich klingen, aber ohne Aufmerksamkeit für die anderen entsteht kein gemeinsames Stück.  Der Termin ist vorbei oder wird vorübergehen; der ästhetische Widerstand bleibt länger.