Am 15. Oktober wäre Michel Foucault hundert Jahre alt geworden. Das Collège de France widmet ihm ein Jubiläumsjahr – und seine Begriffe kehren in Debatten über Überwachung, Medizin, Identität und KI zurück.
Diese Haltung ist politisch wirksam, weil sie Alternativlosigkeit untergräbt. Wenn eine Ordnung Geschichte hat, kann sie sich verändern. Zugleich verhindert Genealogie einfache Fortschrittserzählungen. Moderne Institutionen können humaner sein als frühere und trotzdem neue Formen der Kontrolle hervorbringen. Foucault zwingt deshalb zu einer unbequemen Doppelbewegung: Errungenschaften anerkennen und ihre Machtwirkungen untersuchen. Gerade in technikpolitischen Debatten wäre diese Nüchternheit wertvoller als die Wahl zwischen Euphorie und Untergangsszenario. Der Jubiläumsanlass ist damit nur der Türöffner; entscheidend bleibt, den Begriff an seinen historischen Ort zurückzubringen.
Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers geboren. Das Collège de France erinnert 2026 mit Kursen, Seminaren, einem internationalen Kolloquium, einer Ausstellung und einer Vortragsreihe an seinen früheren Professor. Foucault lehrte dort von 1970 bis zu seinem Tod 1984 auf dem Lehrstuhl „Geschichte der Denksysteme“. Die Ausstellung „Foucault. Une aventure intellectuelle au Collège de France“ soll vom 30. September 2026 bis 15. Januar 2027 laufen.
Die Institution betont in einem aktuellen Interview zum Jubiläum, Foucaults Denken habe seine kritische Kraft nicht verloren. Das ist keine überraschende Aussage an einem ehemaligen Wirkungsort, aber die internationale Wirkung ist unbestreitbar. Foucault gehört zu den meistzitierten Autoren der Geistes- und Sozialwissenschaften. Seine Begriffe sind in Soziologie, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Gender Studies, Medizinethik und politische Theorie eingewandert.
Foucault bleibt unbequem, weil er auch die eigene Seite verdächtig macht
Sein Denken lässt sich schwer dauerhaft einer politischen Partei zuordnen. Foucault misstraute universalen Befreiungsformeln und interessierte sich dafür, wie auch gut gemeinte Institutionen neue Normen erzeugen können. Das macht ihn attraktiv und anstrengend. Wer ihn ernst nimmt, kann Macht nicht nur beim politischen Gegner suchen. Man muss ebenso die eigenen Begriffe, Expertensysteme und moralischen Selbstverständlichkeiten untersuchen.
Der hundertste Geburtstag sollte deshalb weniger als Gedenkfeier denn als Gelegenheit zur Korrektur dienen. Foucault ist kein Orakel der KI-Gesellschaft und kein Zitatspender für jede Überwachungskritik. Er ist interessanter: ein Historiker des Denkens, der zeigt, dass Begriffe, Institutionen und Wahrheiten eine Geschichte haben. In einer Gegenwart, die sich gern für alternativlos hält, ist schon dieser Gedanke subversiv.
Die vielleicht folgenreichste Verschiebung besteht darin, Macht nicht ausschließlich von oben nach unten zu denken. Natürlich kann ein Staat verbieten, bestrafen oder Gewalt ausüben. Foucault interessierte sich aber ebenso für alltägliche Verfahren: Prüfungen, Akten, Diagnosen, Normen, räumliche Anordnungen und Statistiken. Macht wirkt, indem Verhalten beobachtbar, vergleichbar und korrigierbar gemacht wird.
Diese Perspektive erklärt, warum Foucault in digitalen Debatten ständig auftaucht. Plattformen müssen niemanden mit Gewalt zwingen, Daten zu liefern. Menschen dokumentieren sich freiwillig, bewerten einander, optimieren Profile und reagieren auf Kennzahlen. Das ist nicht einfach dasselbe wie Foucaults Gefängnisanalyse, und der Philosoph hat soziale Medien selbstverständlich nicht vorhergesagt. Aber seine Frage bleibt produktiv: Wie verändern Beobachtung und Messbarkeit das Verhalten der Beobachteten?
Das Panoptikum ist kein Synonym für jede Überwachung
In „Überwachen und Strafen“ griff Foucault Jeremy Benthams Panoptikum auf, einen Gefängnisentwurf, bei dem Insassen nie sicher wissen, ob sie gerade beobachtet werden. Entscheidend war nicht die allwissende Wache, sondern die mögliche Beobachtung, die sich im Verhalten niederschlägt. Heute wird das Panoptikum gern auf Kameras, Smartphones oder Plattformen übertragen. Solche Analogien können helfen, solange man die Unterschiede nicht unterschlägt.
Digitale Systeme sind dezentraler, kommerzieller und oft partizipativ. Nutzer beobachten nicht nur Institutionen und werden von ihnen beobachtet; sie überwachen einander. Foucaults Stärke liegt deshalb weniger in einer fertigen Prognose als in einer Methode: Man soll genau untersuchen, welche Praktiken Menschen zu bestimmten Subjekten machen, welche Kategorien dabei entstehen und welches Wissen als legitim gilt.
Biopolitik: Wenn das Leben selbst politisch verwaltet wird
Ein weiterer berühmter Begriff ist Biopolitik. Foucault untersuchte, wie moderne Staaten nicht nur über Territorium und Recht herrschen, sondern Bevölkerungen anhand von Geburt, Gesundheit, Krankheit, Sexualität, Sterblichkeit und Risiko verwalten. Statistik und Medizin werden dadurch politisch relevant, ohne deshalb bloß Instrumente einer finsteren Verschwörung zu sein. Moderne Gesellschaften brauchen Gesundheitswissen; die Frage lautet, welche Normen und Machtverhältnisse mit diesem Wissen entstehen.
Die Pandemieerfahrungen der frühen 2020er Jahre haben diesen Begriff erneut populär gemacht, oft in grober Verkürzung. Foucault war kein Autor, mit dem jede staatliche Gesundheitsmaßnahme automatisch als Unterdrückung bewiesen wäre. Er wollte genealogisch untersuchen, wie Kategorien entstehen und welche Folgen sie haben. Gerade diese Genauigkeit fehlt vielen politischen Foucault-Zitaten.
Ein Schlüssel zu Foucault ist seine genealogische Methode. Sie fragt nicht nur, wann eine Institution entstand, sondern welche Kämpfe, Zufälle und Machtbeziehungen dazu führten, dass bestimmte Praktiken selbstverständlich wurden. Gefängnis, Sexualwissenschaft oder psychiatrische Diagnose erscheinen dann nicht als natürliche Antworten auf ewige Probleme, sondern als historisch gewachsene Lösungen, die auch anders hätten aussehen können. Philosophie beginnt auch hier dort, wo die fertige Formel endet.
