Ex-Außenministerin Deutschlands Annalena Baerbock bei UN-Ehrung – dieser Schulleiter soll Hamas-Kommandeur gewesen sein

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136 tote UN-Mitarbeiter wurden im Juni in New York geehrt. Unter ihnen war der UNRWA-Schulleiter Imad El Samhouri. Zwei Monate später erhebt UN Watch schwere Vorwürfe: Samhouri soll zugleich Feldkommandeur der Hamas gewesen sein. Damit gerät auch die Gedenkfeier mit Annalena Baerbock und UN-Generalsekretär António Guterres in die Kritik.

Die Bilder wirkten zunächst wie das, was sie sein sollten: ein stilles Ritual der Vereinten Nationen für Mitarbeiter, die im Dienst gestorben waren. Am 8. Juni 2026 kamen in New York Vertreter der UN, Angehörige und Mitarbeiter zusammen. Die Vereinten Nationen dokumentierten die Gedenkstunde als jährliche Veranstaltung des Generalsekretärs. 136 Männer und Frauen wurden geehrt, die nach UN-Angaben im Vorjahr im Dienst der Organisation ihr Leben verloren hatten.

Die Zahlen sind eindeutig. In seiner offiziellen Ansprache nannte UN-Generalsekretär António Guterres 97 zivile Beschäftigte und 39 Angehörige von Friedensmissionen aus insgesamt 32 Staaten. 80 der Getöteten hätten für das Palästinenserhilfswerk UNRWA im Gazastreifen gearbeitet. Mehr UN-Mitarbeiter seien dort ums Leben gekommen als in jedem anderen Konflikt oder Unglück in der Geschichte der Organisation.

Annalena Baerbock nahm an der Zeremonie in ihrer Funktion als Präsidentin der UN-Generalversammlung teil. Gemeinsam mit Guterres beteiligte sie sich an der symbolischen Ehrung der Verstorbenen. Damals war das eine Nachricht unter vielen aus dem komplizierten Alltag der Vereinten Nationen. Zwei Monate später hat dieselbe Gedenkstunde eine politische Sprengkraft bekommen, die bei der Zeremonie selbst nicht öffentlich sichtbar war.

Der Fall Imad El Samhouri

Der Grund heißt Imad Yousif El Samhouri. UN Watch veröffentlichte am 14. August umfangreiches Material zu dem langjährigen UNRWA-Mitarbeiter und erhob den Vorwurf, Samhouri sei nicht nur Lehrer und Schulleiter im Gazastreifen gewesen, sondern zugleich Feldkommandeur der Hamas. Die Organisation beruft sich dabei auf ein von ihr als Hamas-Märtyrervideo bezeichnetes Material und auf öffentlich zugängliche Beiträge aus sozialen Netzwerken.

Damit ist die entscheidende Trennung nötig. Dass Samhouri für UNRWA als Lehrer und Schulleiter tätig war und bei der Gedenkfeier zu den verstorbenen UN-Beschäftigten gezählt wurde, ist Teil der öffentlich dokumentierten Berichterstattung. Die Behauptung, er sei zugleich Hamas-Kommandeur gewesen, stammt aus der Recherche und Bewertung von UN Watch. Eine eigenständige öffentliche Feststellung der Vereinten Nationen zu dieser behaupteten Funktion lag in den am 17. August zugänglichen Stellungnahmen nicht vor.

WELT griff den Fall auf und berichtete, dass Baerbock und Guterres bei der Veranstaltung 136 getöteten UN-Mitarbeitern gedachten und sich unter den Geehrten nach den Recherchen von UN Watch auch Samhouri befunden habe. Das Nachrichtenportal bezeichnete ihn unter Berufung auf das veröffentlichte Material als Hamas-Kämpfer beziehungsweise mutmaßlichen Hamas-Kommandeur.

Auch FOCUS Online schilderte die Vorwürfe. Danach war Samhouri für UNRWA als Lehrer und Schulleiter tätig. Das von UN Watch verbreitete Video soll ihn bewaffnet zeigen und enthält Äußerungen über Dschihad und Tunnel. Der Bericht macht zugleich deutlich, dass der aktuelle Skandal aus dem nachträglich veröffentlichten Material erwuchs und nicht aus einer entsprechenden Kennzeichnung Samhouris während der Gedenkfeier.

Genau darin liegt der Kern des Vorgangs. Die Zeremonie war keine politische Veranstaltung für eine einzelne Person. Sie galt 136 verstorbenen UN-Beschäftigten. Samhouri war einer von ihnen. Die Kritik richtet sich deshalb weniger gegen den Sinn einer Gedenkfeier für getötete Helfer und Mitarbeiter als gegen die Frage, nach welchen Maßstäben die Vereinten Nationen prüfen, wen sie als Angehörigen ihrer Organisation öffentlich ehren.

BILD berichtete ebenfalls über Samhouri und verwies auf Aufnahmen, in denen er als UNRWA-Lehrer und Schulleiter erscheint, sowie auf das von UN Watch verbreitete Material, das ihn in einem militärischen Zusammenhang zeigen soll. Die Zeitung machte daraus die zugespitzte Frage, wie ein Mann mit solchen behaupteten Verbindungen über Jahre eine leitende Funktion an einer UNRWA-Schule ausüben konnte.

UNRWA seit Jahren unter Druck

Die Frage ist nicht neu, der konkrete Name aber schon. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 steht UNRWA wiederholt unter dem Verdacht, dass einzelne Mitarbeiter Verbindungen zu militanten palästinensischen Organisationen gehabt hätten. Daraus folgt nicht, dass die gesamte Organisation oder ihre Belegschaft der Hamas zuzurechnen wäre. Der aktuelle Vorwurf gegen Samhouri trifft vielmehr den sensiblen Punkt, an dem individuelle Beschäftigung bei einer internationalen Hilfsorganisation und eine behauptete militärische Funktion zusammentreffen.

Das macht den Fall politisch brisant. Eine Schule unter dem Dach der Vereinten Nationen ist nicht irgendeine Einrichtung. Sie steht für Schutz, Bildung und die Neutralität internationaler Hilfe. Sollte sich der Vorwurf bestätigen, dass ein Schulleiter zugleich eine militärische Funktion in der Hamas innehatte, wäre zu klären, wie lange diese Doppelrolle bestand, ob sie innerhalb von UNRWA bekannt war und welche Kontrollen versagt haben könnten. Genau darauf zielt die Forderung von UN Watch nach einer unabhängigen Untersuchung.

UN Watch fordert Guterres und Baerbock ausdrücklich auf, die Ehrung Samhouris zurückzunehmen und den Vorgang untersuchen zu lassen. In dem offenen Brief verlangt die Organisation außerdem Auskunft darüber, welche UNRWA-Mitarbeiter wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Terrororganisationen überprüft worden seien und welche Verantwortlichen davon Kenntnis gehabt haben könnten. Diese Forderungen sind Positionen von UN Watch; sie sind nicht mit bereits festgestellten Ergebnissen einer unabhängigen Untersuchung gleichzusetzen.

Baerbocks Rolle bei der Gedenkfeier

Auch Baerbocks Rolle muss deshalb genauer beschrieben werden, als es manche Schlagzeile tut. Sie war nicht Veranstalterin einer persönlichen Ehrung Samhouris. Sie nahm als Präsidentin der Generalversammlung an der jährlichen Gedenkzeremonie der Vereinten Nationen teil. Nach den nun veröffentlichten Berichten wurde Samhouri innerhalb dieser kollektiven Ehrung berücksichtigt. Der politische Vorwurf entsteht daraus, dass die Vereinten Nationen ihn offenbar als verstorbenen Mitarbeiter führten, während UN Watch behauptet, seine Hamas-Verbindungen seien anhand öffentlich zugänglicher Spuren erkennbar gewesen.

Die Frankfurter Rundschau datiert den Ausgangspunkt ebenfalls auf den 8. Juni und weist darauf hin, dass der Verdacht erst später öffentlich an Schärfe gewann. Samhouri war demnach als Lehrer und Schulleiter an einer UNRWA-Schule in Rafah tätig. Die aktuelle Debatte entstand, nachdem die Vorwürfe zu seinen mutmaßlichen Hamas-Verbindungen veröffentlicht worden waren.

Das ist für die zeitliche Einordnung wesentlich. Wer die Gedenkfeier von Juni und die Veröffentlichungen von August in einen Satz zieht, kann leicht den Eindruck erwecken, Baerbock und Guterres hätten bei der Zeremonie gewusst, dass Samhouri ein Hamas-Kommandeur gewesen sei, und ihn gerade deshalb geehrt. Dafür liefern die derzeit zugänglichen Berichte keinen Beleg. Belegt ist die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung. Belegt ist, dass Samhouri als UNRWA-Mitarbeiter zu den Verstorbenen gezählt wurde. Der Vorwurf einer Hamas-Funktion wurde später durch UN Watch öffentlich gemacht.

Die offizielle Rede von Guterres zeigt, wie die UN die Veranstaltung selbst verstand. Es ging um Mitarbeiter, die in gefährlichen Einsätzen getötet worden waren, um Angehörige und um die Sicherheit humanitärer Helfer. Der Generalsekretär sprach besonders über Gaza und die dort getöteten UNRWA-Beschäftigten. Er wies zugleich darauf hin, dass bei zahlreichen UNRWA-Fällen Angehörige nicht erreicht werden konnten und die Verstorbenen deshalb über ihre Arbeit erinnert würden.

Gerade diese Passage bekommt durch den Fall Samhouri nachträglich eine andere Bedeutung. Denn wenn eine Organisation Beschäftigte über ihre berufliche Funktion würdigt, muss sie sich darauf verlassen können, dass diese Funktion nicht durch eine zweite, mit den Grundsätzen der UN unvereinbare Rolle überlagert wird. Das ist keine Aussage über Samhouris Schuld. Es ist die institutionelle Frage, die der Vorwurf aufwirft.

UN Watch geht weiter. Die Organisation behauptet, Samhouris Verbindungen zur Hamas seien nicht verborgen gewesen. Sie verweist auf Fotos, Kontakte und Beiträge in sozialen Netzwerken sowie auf ein später veröffentlichtes Video. Daraus leitet sie den Vorwurf ab, UNRWA habe Warnzeichen übersehen oder nicht angemessen verfolgt. Ob alle diese Materialien authentisch sind, wie sie zeitlich einzuordnen sind und welche Stellen innerhalb von UNRWA davon wussten, müsste Gegenstand einer überprüfbaren Untersuchung sein.

Für Baerbock ist der Vorgang zusätzlich heikel, weil Deutschland seit Jahren zu den bedeutenden Geldgebern von UNRWA gehört und die frühere Außenministerin während ihrer Amtszeit an den Entscheidungen über die deutsche Unterstützung politisch beteiligt war. UN Watch verbindet deshalb die Kritik an der Gedenkveranstaltung mit der grundsätzlicheren Frage nach der Kontrolle internationaler Hilfsgelder. Auch hier gilt: Der offene Brief formuliert einen Vorwurf und politische Forderungen; er ersetzt keine Prüfung durch staatliche oder internationale Ermittlungsstellen.

Die Debatte sollte gerade deshalb nicht mit einer falschen Gewissheit geführt werden. Die eine Verkürzung wäre, aus den Vorwürfen gegen einen früheren Schulleiter einen Generalverdacht gegen jeden UNRWA-Mitarbeiter zu machen. Die andere bestünde darin, die veröffentlichten Hinweise deshalb nicht ernst zu nehmen, weil sie von einer UN-kritischen Organisation stammen. Beides würde dem bekannten Sachstand nicht gerecht.

Was sich prüfen lässt, ist konkreter. Die UN veranstalteten am 8. Juni eine offizielle Gedenkfeier für 136 Beschäftigte. 80 von ihnen hatten für UNRWA in Gaza gearbeitet. Baerbock und Guterres nahmen teil. Imad El Samhouri wurde als verstorbener UNRWA-Mitarbeiter einbezogen. Im August veröffentlichte UN Watch Material und behauptete, er sei Feldkommandeur einer Hamas-Einheit gewesen. Mehrere deutsche Nachrichtenportale griffen diese Recherche auf. Eine öffentlich dokumentierte abschließende Stellungnahme der UN, die den Vorwurf bestätigt oder widerlegt, war zum Zeitpunkt der aktuellen Berichterstattung nicht ersichtlich.

Das macht den Fall nicht kleiner, sondern präziser. Sollte die behauptete militärische Funktion Samhouris bestätigt werden, wäre die Frage nach den Kontrollen bei UNRWA unvermeidlich. Sollte sich das Material anders einordnen, müsste auch das öffentlich nachvollziehbar erklärt werden. Die Vereinten Nationen leben in solchen Fragen nicht allein von ihrem Mandat. Sie leben vom Vertrauen darauf, dass sie bei eigenen Mitarbeitern jene Maßstäbe anlegen, die sie von Staaten und Konfliktparteien verlangen.

Und so ist aus einer Gedenkstunde, die im Juni kaum politische Schlagzeilen machte, Mitte August ein Fall über die Glaubwürdigkeit internationaler Institutionen geworden. Im Mittelpunkt steht nicht die symbolische Flamme, die in New York entzündet wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Vereinten Nationen wussten oder hätten wissen können, wen sie in die Reihe ihrer verstorbenen Mitarbeiter aufnahmen.