Eine neue internationale Studie misst einen starken Anstieg der Methan-Emissionen aus sibirischen Permafrostgebieten. Das ist nicht nur ein Klimaproblem: Tauender Boden bedroht Straßen, Pipelines, Bergbau und die großen Arktis-Pläne von Russland, China und den USA.
Die Arktis gilt seit Jahren als kommende Wirtschaftsregion. Weniger Meereis verspricht längere Schifffahrtssaisons, neue Rohstoffprojekte und kürzere Routen zwischen Asien und Europa. Russland investiert in die Nordostpassage, China spricht von einer polaren Seidenstraße, die USA wollen ihre Präsenz in Alaska und rund um Grönland ausbauen. Unter dieser geopolitischen Karte liegt jedoch ein Boden, der immer weniger trägt.
Der South China Morning Post greift eine neue internationale Studie auf, die von chinesischen Wissenschaftlern angeführt wurde. Ihr Kernbefund: Die Methan-Emissionen aus sibirischen Permafrostregionen sind in gut einem Jahrzehnt stark gestiegen. Gleichzeitig nimmt das Risiko zu, dass tauender Boden Straßen, Pipelines, Gebäude und andere Infrastruktur beschädigt.
Die Originalarbeit erschien am 6. August in Science. Die Forscher werteten atmosphärische Messungen und weitere Daten für die Jahre 2010 bis 2023 aus. Nach der Studie nahmen die Methanemissionen während der Vegetationsperiode in Sibirien um rund 12 Teragramm zu. Die University of Leicester, deren Wissenschaftler an der Arbeit beteiligt waren, fasst die Entwicklung so zusammen: Die Emissionen stiegen im Mittel um etwa fünf Prozent pro Jahr und lagen zuletzt mehr als doppelt so hoch wie 2010.
Die Arktis erwärmt sich fast viermal so schnell wie der Planet
Der physikalische Hintergrund ist gut bekannt. Permafrost ist Boden, der mindestens zwei Jahre in Folge gefroren bleibt. In ihm steckt organisches Material, das über lange Zeit nicht vollständig zersetzt wurde. Taut der Boden, können Mikroorganismen aktiv werden und unter bestimmten Bedingungen Methan bilden. Hinzu kommen Wald- und Torfbrände, die den Boden zusätzlich erwärmen und Schutzschichten zerstören.
Der SCMP nennt eine Größenordnung, die die Bedeutung Sibiriens zeigt: Rund 46 Prozent des Permafrosts der nördlichen Hemisphäre liegen dort. Gleichzeitig erwärmt sich die Arktis fast viermal schneller als der globale Durchschnitt. Aus einem regionalen Problem wird dadurch ein weltweites Rückkopplungsrisiko.
Die Autoren der Studie berechnen, dass zusätzliche Methanemissionen und zunehmende Brände in Sibirien bis 2050 einen erheblichen Teil der weltweit geplanten Methanreduktionen zunichtemachen könnten. Der SCMP nennt bis zu 20 Prozent jener Einsparung, die benötigt würde, um internationale Klimaziele zu erreichen. Diese Zahl ist eine Projektion, keine Messung für das Jahr 2050, und hängt von der weiteren Erwärmung sowie von Emissionspfaden ab.
Das britische Science Media Centre ließ unabhängige Fachleute die Arbeit bewerten. Der Polarwissenschaftler Neil Ross von der Newcastle University bezeichnete sie als hochwertige Studie. Zugleich wies er darauf hin, dass die Autoren Unsicherheiten transparent machen. Gerade langfristige Projektionen bleiben davon abhängig, wie sich Temperaturen, Feueraktivität, Feuchtigkeit und biologische Prozesse entwickeln.
Wenn der Boden taut, sinken Straßen und Fundamente
Für die Arktis-Staaten ist der Effekt sehr konkret. Permafrost ist in vielen Regionen Teil des Fundaments. Straßen, Pipelines, Bahntrassen, Bergbauanlagen und Gebäude wurden auf einem Untergrund errichtet, dessen Stabilität dauerhaftes Gefrieren voraussetzt. Wenn Eis im Boden schmilzt, verliert das Material Volumen; Gelände kann absacken, reißen oder sich ungleichmäßig verformen.
Schon frühere Untersuchungen warnten vor hohen Schäden. Reuters berichtete 2022 über eine Studie, nach der bis 2050 bis zur Hälfte der arktischen Infrastruktur einem hohen Schadensrisiko durch tauenden Permafrost ausgesetzt sein könnte. Die neue Science-Arbeit ergänzt diese infrastrukturelle Gefahr um aktuelle Daten zur Methanentwicklung in Sibirien.
Das trifft ausgerechnet eine Region, die durch die Erwärmung wirtschaftlich interessanter werden soll. Längere eisfreie Perioden erleichtern die Schifffahrt, doch Häfen und Zufahrtsstraßen brauchen stabilen Boden. Rohstoffe lassen sich leichter erreichen, doch Pipelines, Lager und Siedlungen werden teurer zu sichern. Das vermeintliche wirtschaftliche Plus einer wärmeren Arktis erzeugt deshalb gleichzeitig neue Kosten.
Die chinesische Akademie der Wissenschaften hebt in einer Zusammenfassung der Studie hervor, dass sowohl die Erwärmung als auch Feuer und biologische Methanbildung zu dem Anstieg beitragen. Die Entwicklung ist also nicht auf einen einzigen Mechanismus zurückzuführen.
Geopolitische Pläne treffen auf geologischen Widerstand
Der SCMP verbindet die Wissenschaft mit der Konkurrenz der Großmächte. Russland baut seine Rolle auf der Nordostpassage aus. China interessiert sich für Schifffahrt, Rohstoffe und Forschung. Die USA verstärken ihre Aufmerksamkeit für Alaska, Eisbrecher und Grönland. In politischen Strategien erscheint die Arktis oft wie ein neuer Raum, der durch schwindendes Eis geöffnet wird.
Der Permafrost zeigt die andere Seite dieser Entwicklung. Eine Route kann auf See länger offen sein und an Land trotzdem teurer werden. Ein Bergbauprojekt kann wirtschaftlich attraktiver erscheinen und gleichzeitig höhere Kosten für Fundamente und Straßen erzeugen. Eine Pipeline kann durch neue Nachfrage wichtiger werden, während ihr Untergrund instabiler wird.
Auch beim Klima wirkt der Effekt gegen die Interessen der Staaten. Mehr Methan verstärkt die Erwärmung, die wiederum weiteres Tauen begünstigt. Die neue Studie beschreibt keine plötzliche Katastrophe an einem bestimmten Datum. Sie zeigt einen gemessenen Trend, der bereits seit 2010 deutlich geworden ist.
Das macht die Nachricht so bemerkenswert: Die Arktis wird nicht einfach zugänglicher. Sie verändert ihre physische Grundlage. Wer dort neue Wirtschafts- und Machtpolitik plant, muss mit einem Boden rechnen, der sich selbst verändert – und mit Methanemissionen, die einen Teil der globalen Klimaschutzanstrengungen wieder aufzehren können.
