Eine neue YouGov-Umfrage sieht die AfD bundesweit acht Punkte vor CDU und CSU. In Sachsen-Anhalt liegen die Werte noch deutlich höher. Dort rückt wenige Wochen vor der Landtagswahl sogar die Frage in den Mittelpunkt, wie Bund und Länder mit einer möglichen AfD-geführten Regierung umgehen würden.
Die neue Zahl kam am Dienstagmorgen: 28 Prozent für die AfD, 20 Prozent für CDU und CSU. WELT veröffentlichte die YouGov-Erhebung am 18. August. Befragt wurden 1.744 Wahlberechtigte vom 14. bis 17. August. Gegenüber der Juli-Befragung legte die AfD einen Punkt zu, die Union blieb unverändert.
Die Grünen folgen mit 15 Prozent, einen Punkt höher als im Vormonat. SPD und Linke liegen jeweils bei zwölf Prozent, die FDP bei fünf, das BSW bei drei Prozent. Für die SPD bedeutet der Abstand von drei Punkten zu den Grünen nach Angaben von WELT den größten Rückstand in dieser YouGov-Reihe seit Oktober 2022.
Das Bild steht nicht allein. WELT verweist auf die jüngste Insa-Erhebung, die AfD und Union ebenfalls bei 28 beziehungsweise 20 Prozent sieht. Im ARD-„Deutschlandtrend“ von Infratest dimap erreicht die AfD ebenfalls 28 Prozent; CDU und CSU kommen dort auf 21 Prozent. Unterschiede zwischen den Instituten bleiben, die Richtung ist in diesen aktuellen Befragungen aber ähnlich.
Drei Umfragen, ein deutlicher Abstand
In der Insa-Erhebung fällt zusätzlich die Bewertung des Bundeskanzlers auf. 78 Prozent der Befragten äußerten sich demnach unzufrieden mit Friedrich Merz, 16 Prozent zufrieden. Das ist keine Kanzlerdirektwahl und auch keine Aussage darüber, wie diese Personen bei einer Bundestagswahl abstimmen würden. Es beschreibt ausschließlich die gemessene Zufriedenheit mit seiner Arbeit.
Beim Umgang mit der AfD zeigt der Deutschlandtrend zugleich ein geteiltes Bild: 27 Prozent wünschen sich eine Zusammenarbeit mit der Partei, 32 Prozent wollen von Fall zu Fall entscheiden, 37 Prozent lehnen eine Zusammenarbeit grundsätzlich ab. Gerade diese Zahlen sind für die bevorstehenden Landtagswahlen politisch relevant, weil sie zeigen, dass die bisherige Abgrenzungsstrategie in der Bevölkerung keineswegs einheitlich bewertet wird.
Doch eine bundesweite Sonntagsfrage und eine Landtagswahl sind zwei verschiedene Größen. Besonders sichtbar wird das in Sachsen-Anhalt. Dort erreicht die AfD in einer Pollytix-Befragung 43 Prozent, die CDU 23 Prozent, die Linke 13 Prozent, SPD sieben und Grüne fünf Prozent. BSW und FDP lägen mit vier beziehungsweise zwei Prozent unter der Fünf-Prozent-Hürde.
Die Pollytix-Umfrage wurde im Auftrag von Campact durchgeführt; 2.604 Wahlberechtigte nahmen zwischen dem 3. und 8. August telefonisch oder online teil. Mehr als 13 Prozent waren noch unentschlossen. WELT weist ausdrücklich darauf hin, dass die AfD mit 43 Prozent nach dieser Modellrechnung keine eigene parlamentarische Mehrheit hätte.
Sachsen-Anhalt wird zum Sonderfall
Andere Institute sehen die AfD im Land ähnlich stark. Insa lag zuletzt bei 42 Prozent, Infratest dimap bei 41 Prozent. Die CDU kam dort auf 22 beziehungsweise 24 Prozent. Entscheidend für die Sitzverteilung wird nicht allein der Abstand zwischen AfD und CDU sein, sondern auch, welche kleineren Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überwinden.
Die politische Reaktion darauf reicht inzwischen weit über klassische Wahlkampftermine hinaus. Der Verein „Mehr als uns trennt“ startete die Kampagne „Wahre Heimatliebe ist“, die sich gegen eine AfD-Alleinregierung richtet. Nach einem Bericht von WELT unterstützen Persönlichkeiten aus Kultur, Sport, Wissenschaft und Wirtschaft die Aktion. Auch Gewerkschaften, Kirchen und andere Initiativen mobilisieren vor der Wahl.
Parallel läuft eine Debatte über die Folgen einer möglichen AfD-geführten Landesregierung für die Sicherheitsarchitektur. WELT berichtete über Überlegungen von Innenpolitikern, sensible Daten innerhalb gemeinsamer Informationssysteme von Bund und Ländern technisch abzuschirmen. Thüringens Innenminister Georg Maier sprach von möglichen „Chinese Walls“, also digitalen Trennwänden.
Dabei handelt es sich um politische Vorschläge, nicht um bereits beschlossene Maßnahmen. Die Debatte ist zudem rechtlich umstritten. Verfassungsrechtler warnten in der Berichterstattung vor Eingriffen, die ein demokratisch gewähltes Landesministerium faktisch von gemeinsamen Strukturen ausschließen könnten. Umgekehrt verweisen Befürworter einer Abschirmung auf den Schutz von Spionageabwehr- und Verfassungsschutzinformationen sowie auf das Vertrauen ausländischer Partnerdienste.
Was die Zahlen sagen – und was nicht
Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft; die Partei wehrt sich juristisch dagegen. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat wiederholt deutlich gemacht, dass seine Partei eine Alleinregierung anstrebt. Die aktuellen Werte erklären, weshalb dieses Szenario nicht mehr nur theoretisch diskutiert wird, obwohl keine der genannten Umfragen eine sichere absolute Mehrheit ausweist.
Gleichzeitig bleibt die Warnung der Meinungsforscher wichtig. Umfragen sind Momentaufnahmen. Parteibindungen sind schwächer geworden, Wahlentscheidungen fallen später, und die Fehlermargen können bei eng an der Fünf-Prozent-Hürde liegenden Parteien erheblichen Einfluss auf die spätere Sitzverteilung haben.
WELT berichtet am 18. August zudem über eine neue Kampagne gegen eine AfD-Alleinregierung. Unter dem Titel „Wahre Heimatliebe ist“ treten Prominente aus Kultur, Sport, Wissenschaft und Wirtschaft auf. Genannt wird unter anderem die Schauspielerin Sandra Hüller. Der Verein hinter der Aktion will vor allem Menschen mobilisieren, die noch nicht entschieden haben, ob und wen sie wählen.
Daneben versucht Campact mit einer eigenen strategischen Wahlkampagne, SPD und Grüne über der Fünf-Prozent-Hürde zu halten. WELT beziffert das dafür vorgesehene Budget auf 620.000 Euro. Der Hintergrund ist rein mathematisch: Je mehr Parteien in den Landtag einziehen, desto höher ist in der Regel der Stimmenanteil, den eine Partei für eine absolute Sitzmehrheit benötigt. Geld fließt nach Angaben der Organisation nicht direkt an die Parteien.
Die Sicherheitsdebatte geht unterdessen bis in die gemeinsamen Datenstrukturen der Verfassungsschutzbehörden. Diskutiert wird, ob im Nachrichtendienstlichen Informationssystem bestimmte Bereiche technisch getrennt werden könnten. Thüringens Innenminister Georg Maier nennt Rechtsextremismus und Spionageabwehr als besonders sensible Felder. Die Idee ist politisch scharf umstritten, weil ein Bundesland Teil des gemeinsamen Sicherheitsverbunds bleibt und ein demokratisch gewähltes Ministerium nicht beliebig von staatlichen Informationen ausgeschlossen werden kann.
Für Sachsen-Anhalt kommt eine zusätzliche institutionelle Besonderheit hinzu: Das Land übernimmt turnusgemäß im Herbst den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz. Auch deshalb betrachten andere Länder die Wahl nicht nur als regionale Personalentscheidung. Welche dieser Vorsorgedebatten nach dem Wahltag praktisch relevant werden, hängt jedoch zuerst vom tatsächlichen Ergebnis und von der anschließenden Regierungsbildung ab.
Bundesweit ist die neue YouGov-Erhebung dennoch bemerkenswert: Acht Punkte trennen AfD und Union. In Sachsen-Anhalt ist der Abstand in den aktuellen Erhebungen noch größer. Genau diese beiden Zahlenblöcke bestimmen am 18. August die politische Nachrichtenlage – und sie erklären, weshalb die Debatte längst nicht mehr nur darum kreist, wer stärkste Partei wird, sondern auch darum, welche Regierungsbildungen nach den Wahlen überhaupt möglich sind.
