Freie Hochschule Stuttgart: Wenn Freiheit nur im Namen steht

Foto: Freie Hochschule Stuttgart, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

An der Freien Hochschule Stuttgart wurde im Sommersemester 2026 ein südafrikanischer Student der Waldorfpädagogik von der Leitung schriftlich „verwarnt“ – weil er in einer Seminarveranstaltung Positionen vertreten hat, die von der Hochschullinie abweichen. Von Benedikt Vallendar.

Oft sind es katholische Bildungseinrichtungen, die im Vorurteil stehen, vom „Wertekodex der Kirche“ abweichende Meinungen zu reglementieren. Gleichwohl in den vergangenen 40 Jahren – zumindest auf studentischer Ebene – kein derartiger Fall bekannt geworden ist. Selbst nicht an der als eher konservativ geltenden Universität Eichstätt und der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT), die den jeweiligen Bistümern unterstehen. Studentenvertretungen beider Hochschulen und auch anderer katholischer Bildungseinrichtungen geben an, dass in fachlichen Fragen auf dem Campus absolute Wissenschaftsfreiheit herrsche; und keine Fälle bekannt seien, in denen sich Verantwortliche dazwischengeschaltet hätten.

„Freie“ Hochschule Stuttgart?

Für Aufsehen sorgte daher im Sommersemester 2026 ein Vorfall an der als liberal geltenden Freien Hochschule Stuttgart.  Wo die Geschäftsführung den aus Südafrika stammenden Lehramtsstudenten Andries Vogel (43) schriftlich „verwarnt“ hat. Weil Vogel in einer Seminarsitzung zum Thema Menschenkunde, Rhythmuslehre und Botanik Folgendes gesagt hatte: „Wenn Menschen je nach Hautfarbe zu anderen Uhrzeiten aufwachen und aufstehen, dann können wir in einer multikulturellen Gesellschaft ja rund um die Uhr arbeiten.“

Im Verwarnschreiben der Geschäftsführung, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es wörtlich: „Unabhängig von der genauen Wortwahl enthält eine Aussage, die den Schlaf-Wach-Rhythmus oder die Leistungsbereitschaft von Menschen aus ihrer Hautfarbe ableitet, eine Wertung, die – nach unserer rechtlichen Einschätzung – als rassistisch einzuordnen ist. Sie (Herr Vogel, Hinweis d.R.) haben im Gespräch erklärt, dass Sie nachvollziehen können, wie Ihre Äußerung aufgenommen wurde, und dass Sie die hierauf gestützte Verwarnung annehmen.“

Nach Angaben des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums unter Leitung der grünen Ministerin Petra Olschowski, handelt es sich bei der Causa Vogel um eine „interne Angelegenheit“ der Hochschule, bei der diese „angemessen reagiert“ habe, so eine Pressereferentin, ohne näher auf den Fall einzugehen. Dass sich die Grünen in ihrer politischen Rhetorik gern für Freiheit in Wissenschaft und Lehre einsetzen, sei hier nur am Rande erwähnt. Erstaunlich ist vor allem, dass an der Freien Hochschule Stuttgart in Baden-Württemberg, dem Stammland des deutschen Liberalismus angehende Waldorflehrer ausgebildet werden. Und dass sich die der Ausbildung zugrundeliegende Waldorfpädagogik gern damit rühmt, eine „Alternative“ zum angeblich starren und wenig kindgerechten staatlichen Schulsystem zu sein. Offenbar scheint es jedoch in den Seminarräumen der Freien Hochschule Stuttgart weniger offen, dafür recht dogmatisch zuzugehen, wie unter anderem die Causa Vogel belegt. Dass vorgeblich „freie“ und alternative Erziehungsansätze häufig mehr von rhetorischem Glanz als empirisch belegbarer Empirie leben, hat auch der deutsche Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers schon wiederholt in zahlreichen Schriften zu Bedenken gegeben. Ein Vorgang, der sich hier zu bestätigen scheint.

Drohende Kündigung

Doch ob sich Andris Vogel überhaupt fehlverhalten hat, dürfte angesichts des Wortlauts seiner Aussage zumindest fraglich sein. Er sei von der Geschäftsführung unter Druck gesetzt worden, berichtet eine Kommilitonin, die aus Angst vor Repressionen anonym bleiben möchte. Und daher habe er das „Verwarnungsschreiben“ unterschrieben, da andernfalls Rauswurf und Verlust des Studienplatzes gedroht hätten. Zur Erinnerung: Es handelt sich hier um ein bis 1989 übliches Szenario an Ostblock-Universitäten und in der untergegangenen DDR, wenn Studenten und Dozenten von der Parteilinie abgewichen waren. „Als verheirateter Familienvater mit vier Kindern im schulpflichtigen Alter kann sich Herr Vogel das nicht leisten“, so die Mitstudentin im Gespräch mit unserer Zeitung. Gern würde er Lehrer für die Sekundarstufe werden, also einen bundesweit gefragten Beruf ergreifen.

Kritische Reaktionen

Indes der Umgang der Freien Hochschule Stuttgart mit ihrem selbstbewussten Studenten bei Medien, Politik und Fachwelt auf großes Unverständnis gestoßen ist. Lothar Rochau, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Sozialpädagoge, der einst für seine Überzeugungen in Haft gesessen hatte und heute in Halle lebt, sagte, dass jede Wissenschaft von „Spannungen und Polemiken“ lebe; wobei er jedoch noch nicht so weit gehen wollte, die jüngsten Vorgänge an der Freien Hochschule Stuttgart als „DDR 2.0“ zu bezeichnen.  Zumindest hätte Rochau von der Hochschulleitung mehr Mut und Souveränität im Umgang mit divergierenden Meinungen erwartet, auch nach den Erfahrungen zweier Diktaturen, die Deutschland im vergangenen Jahrhundert durchleiden musste.

Vielfalt nur eine Floskel?

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) in Bonn plädierte im Kontext der Causa Vogel dafür, den „Schutz und die Wahrung der Wissenschaftsfreiheit gemäß Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz zu wahren“, so Pressesprecher Matthias Jaroch. Deutlichere Töne kommen aus der AfD-Fraktion im Landesparlament Baden-Württemberg, wo man „erhebliche meinungsfreiheitsrechtliche Bedenken hinsichtlich des gewählten Umgangs mit dem Vorfall“ habe und eine weitere parlamentarische Klärung des Vorfalls an der Freien Hochschule Stuttgart anstrebt.

Auf Anfragen hat die Freie Hochschule Stuttgart bislang nur vage und vor allem mit Verweis auf den „Datenschutz“ reagiert. Derweil Andries Vogel vorerst weiterstudieren darf. Und sich wohl seine eigenen Gedanken macht zur Frage, wie es in der Bundesrepublik derzeit um die vielbeschworene „Vielfalt“, wozu auch eine Vielfalt der Meinungen gehört, bestellt ist.

Über Benedikt Vallendar 104 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem neusprachlichen Gymnasium in Sachsen-Anhalt.