Deutschland hat kein Erkenntnisproblem – sondern ein Umsetzungsproblem

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Bürokratieabbau, Digitalisierung, Steuern, Investitionen: Die Liste der Reformen ist seit Jahren bekannt. Dass die Wirtschaft im August erste Lebenszeichen zeigt, ist kein Grund zur Entwarnung. Jetzt entscheidet sich, ob Politik wieder ins Handeln kommt.

Die Diagnose kennt längst jeder

Es gibt politische Situationen, in denen neue Ideen gefragt sind. Deutschlands Wirtschaftspolitik gehört derzeit kaum dazu. Die Beschwerden sind seit Jahren dieselben: zu langsame Genehmigungen, hohe Energie- und Arbeitskosten, komplexe Steuern, digitale Rückstände, eine Verwaltung, die Unternehmen häufig mehr Zeit abverlangt, als ein moderner Standort verkraften kann. Bundeskanzler Friedrich Merz will deshalb seine Regierung bei der Kabinettsklausur zu schnellerer Umsetzung drängen. Reuters berichtete über seinen Fokus auf Wachstum, Steuern, Rente, Deregulierung und Digitalisierung. Interessant ist weniger, dass der Kanzler diese Themen nennt. Interessant ist, wie lange sie schon genannt werden. Deutschland hat in vielen Bereichen kein Wissensdefizit. Es fehlt an der Fähigkeit, Prioritäten gegen Widerstand durchzuhalten. Jede Vereinfachung schafft Verlierer unter Behörden, Verbänden oder Branchen. Jede Steuerreform berührt Einnahmen. Jede schnellere Genehmigung verlangt den Mut, Verfahren nicht nur zu digitalisieren, sondern tatsächlich zu verkürzen.

Der deutsche Reformstau hat zudem eine psychologische Seite. Unternehmen und Bürger erleben seit Jahren Ankündigungen von Beschleunigungsgesetzen, Digitalpakten und Bürokratieentlastungen. Jede neue Regierung beginnt mit ähnlichen Verben: vereinfachen, beschleunigen, entlasten. Gerade deshalb sinkt die Wirkung der Sprache. Reuters berichtete nach der Sommerpause über den erneuten Druck von Kanzler Merz, die Wachstumsreformen schneller umzusetzen. Vertrauen entsteht erst wieder, wenn ein Antrag tatsächlich weniger Nachweise verlangt, eine Genehmigung Monate statt Jahre dauert oder eine Behörde Daten nicht zum dritten Mal abfragt. Reform ist im Alltag banal. Ihre politische Schwierigkeit liegt gerade darin, dass sie selten mit einem einzigen großen Beschluss erledigt ist.

Die Konjunktur liefert eine kleine Atempause

Im August zeigte der Einkaufsmanagerindex erste Erholungssignale. Der zusammengesetzte PMI lag bei 51 Punkten und damit weiter über der Wachstumsschwelle; besonders die Industrie legte zu, während Dienstleistungen schwach blieben. Reuters berichtete über den höchsten Industrie-PMI seit 51 Monaten. Auch die ZEW-Erwartungen stiegen stärker als erwartet. Reuters meldete den Sprung des Stimmungsindex auf 34,2 Punkte. Solche Daten sind willkommen, doch sie dürfen nicht mit struktureller Gesundung verwechselt werden. Eine Volkswirtschaft kann einige Quartale wachsen und trotzdem an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Der Dienstleistungssektor schrumpft, Investitionen bleiben selektiv, Energie und Finanzierung sind teuer. Selbst niedrige Wasserstände am Rhein reichen aus, um Produktion und Transport spürbar zu stören. Reuters zitierte dazu die Bundesbank. Gerade in einer vorsichtigen Erholung wäre es falsch, Reformdruck zu verlieren.

Die besseren Stimmungsindikatoren sollten deshalb als Fristverlängerung verstanden werden, nicht als Entwarnung. Ein Einkaufsmanagerindex oberhalb der Wachstumsschwelle kann zeigen, dass Unternehmen wieder mehr Aufträge bekommen. Er sagt noch wenig darüber aus, ob der Standort seine strukturellen Kostenprobleme gelöst hat. Reuters meldete im August einen überraschend starken Industrie-PMI, während der Dienstleistungssektor weiter schwach blieb. Genau in einer solchen Zwischenphase ist Reformpolitik am leichtesten: Die akute Krise zwingt nicht mehr zu jedem Notbehelf, zugleich sind die Probleme noch frisch genug, um Veränderungen politisch zu begründen. Wer diese Phase verstreichen lässt, wartet auf den nächsten Abschwung.

Regieren heißt streichen können

Bürokratieabbau wird oft so angekündigt, als müsse man nur einige Formulare abschaffen. Tatsächlich geht es um Macht. Jede Berichtspflicht wurde irgendwann mit einem guten Zweck eingeführt; jedes Verfahren hat einen Verantwortlichen; jede Ausnahme besitzt eine Geschichte. Wer ernsthaft vereinfachen will, muss deshalb bereit sein, Regeln zu streichen, obwohl jemand davor warnt. Der Maßstab kann nicht sein, ob jede Interessengruppe zufrieden ist, sondern ob Nutzen und Aufwand noch in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Ein ernst gemeinter Bürokratieabbau braucht außerdem eine unangenehme Tugend: den Mut, auf Einzelfallgerechtigkeit zu verzichten. Viele deutsche Regeln entstanden, weil für jede denkbare Ausnahme eine neue Vorschrift geschaffen wurde. Das macht Verfahren scheinbar fairer und praktisch langsamer. Ein Staat muss Risiken gewichten können, statt jedes kleine Vorhaben mit denselben Anforderungen zu behandeln. Die Tagesschau zeigt beim Infrastruktur-Sondervermögen, dass Milliarden allein ohne schnellere Planung nicht automatisch zu schnellerem Bauen führen. Gute Verwaltung bedeutet nicht, jeden Fehler auszuschließen. Sie bedeutet, vernünftige Entscheidungen rechtzeitig zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen.

Die Regierung verfügt über gewaltige Investitionsmittel aus dem Infrastruktur-Sondervermögen. Die Tagesschau zeigt an konkreten Projekten, wo die ersten Milliarden ankommen sollen. Geld allein löst jedoch kein Planungsproblem. Wenn ein Projekt nach denselben langwierigen Regeln abgewickelt wird wie bisher, finanziert der Staat nur teureres Warten. Deutschland braucht deshalb keinen weiteren Katalog guter Absichten. Es braucht eine politische Kultur, in der eine Reform erst dann als beschlossen gilt, wenn Bürger und Unternehmen sie im Alltag bemerken.