Frankreichs Schulden lassen sich nicht wegstimmen

Frankreichfahne, Foto: Stefan Groß

Von Mélenchons Schuldenerlass bis zu Le Pens Sparversprechen reichen die fiskalischen Angebote im französischen Wahlkampf. Das Grundproblem bleibt: Hohe Schulden, steigende Zinsen und politische Fragmentierung lassen sich nicht durch einen eleganten Buchungssatz beseitigen.

Frankreich führt im Vorfeld der Präsidentschaftswahl eine Debatte, die beinahe lehrbuchhaft zeigt, wie schnell Finanzpolitik zur politischen Fantasie werden kann. Jean-Luc Mélenchon schlägt vor, den Teil der französischen Staatsschulden zu streichen, den die Banque de France hält. Reuters berichtet, dass es um etwa 18 Prozent der gesamten Verschuldung geht. Kritiker nennen die Idee ökonomisch unsinnig und europarechtlich problematisch; Anhänger versprechen zusätzlichen finanziellen Spielraum. Wie ernst die Märkte das Problem nehmen, zeigt das Handelsblatt: Die Rendite französischer Staatsanleihen hat sich deutlich von der deutschen entfernt. Die Financial Times beschreibt Frankreich inzwischen als größere Sorge europäischer Bondinvestoren als Italien.

Schulden verschwinden nicht durch einen Buchungssatz

Frankreichs öffentliche Verschuldung liegt bei mehr als 116 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Streit wäre weniger brisant, wenn das Land einen stabilen politischen Konsens über den künftigen Haushalt hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Reuters beschreibt, wie die Minderheitsregierung um den Haushalt 2027 ringt und dabei erneut auf das Verfassungsinstrument Artikel 49.3 angewiesen sein könnte. Die Präsidentschaftswahl steht vor der Tür, Kompromissbereitschaft wird im Wahlkampf nicht größer.

Die Financial Times spricht von einem „Pulverfass“ der öffentlichen Finanzen. Defizit, Zinskosten, Sozialausgaben und höhere Verteidigungslasten treffen auf schwaches Wachstum. Das ist kein französisches Sonderproblem. Frankreich zeigt nur besonders deutlich, was passiert, wenn ein Staat über Jahre strukturelle Ausgaben finanziert und politische Mehrheiten für Korrekturen immer schwerer werden.

Mélenchons Vorschlag ist deshalb populär, weil er Schmerzfreiheit suggeriert. Wenn die Zentralbank Schulden hält, warum sie nicht einfach löschen? Die Antwort ist unspektakulär: Weil Vertrauen in Geld und Staatsfinanzierung von Regeln lebt. Eine Notenbank, die Regierungsverschuldung nach politischer Entscheidung ausradiert, verändert die Erwartungen der Märkte und stellt die Trennung zwischen Geld- und Finanzpolitik infrage.

Auch die Gegenseite verspricht einfache Rechnungen

Es wäre zu bequem, nur nach links zu zeigen. Marine Le Pen bemüht sich zugleich, wirtschaftsfreundlicher aufzutreten und verspricht hohe Ausgabenkürzungen. Die Financial Times berichtet von angekündigten Einsparungen in dreistelliger Milliardenhöhe. Im Wahlkampf konkurrieren damit sehr unterschiedliche Modelle, die eines gemeinsam haben: Sie präsentieren enorme fiskalische Veränderungen als politisch machbar, bevor erklärt ist, welche gesellschaftlichen Konflikte daraus folgen.

Frankreichs Problem ist nicht ein Mangel an Ideen. Es ist ein Mangel an tragfähigen Mehrheiten für Prioritäten. Renten, Gesundheit, Verteidigung, Energie, Bildung und Schuldendienst konkurrieren um dieselben Einnahmen. Keine mathematische Operation schafft diese Konkurrenz ab.

Die Märkte reagieren inzwischen empfindlicher auf politische Instabilität. Die Financial Times beschreibt einen wachsenden Risikoaufschlag für fragile politische Systeme in Europa. Wer das als Diktat anonymer Spekulanten abtut, unterschätzt, dass höhere Zinsen am Ende aus dem Haushalt bezahlt werden. Geld für Schuldendienst fehlt an anderer Stelle.

Frankreichs Debatte geht ganz Europa an

Frankreich ist nicht irgendein Mitgliedstaat. Es ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone und zusammen mit Deutschland politischer Kern vieler europäischer Projekte. Eine anhaltende französische Finanzkrise würde den gesamten Währungsraum belasten.

Deutschland sollte daraus nicht die falsche moralische Überlegenheit ableiten. Auch Berlin erhöht Kreditaufnahme und ringt mit steigenden Zinslasten. Der Unterschied liegt im Ausgangsniveau und in der politischen Struktur. Aus diesem Grund lohnt der Blick nach Paris als Warnung.

Demokratie verlangt, dass Wähler zwischen unterschiedlichen Prioritäten entscheiden können. Sie verlangt aber ebenso, dass diese Prioritäten ehrlich bepreist werden. Wer Schulden streicht, ohne Kosten zu nennen, oder dreistellige Milliarden kürzen will, ohne die Betroffenen zu zeigen, macht aus Finanzpolitik eine Bühnennummer.

Frankreich braucht vor allem etwas, das in Wahlkämpfen selten Applaus bekommt: eine Rechnung, die auch nach dem Wahltag noch stimmt.

Die Rechnung trifft irgendwann den Wahlkampf

Die französische Debatte zeigt noch etwas Grundsätzliches über moderne Demokratien. Viele Ausgaben haben konkrete Empfänger, Kürzungen konkrete Verlierer, Schulden dagegen zunächst nur eine abstrakte Zukunft. Deshalb ist es politisch leichter, einen zusätzlichen Anspruch zu schaffen als einen bestehenden zu begrenzen. Erst wenn Zinsen steigen, wird aus der Zukunft eine gegenwärtige Haushaltsposition.

Dann verändert sich der Charakter der Politik. Jeder zusätzliche Euro Schuldendienst konkurriert sichtbar mit Schulen, Rente, Verteidigung oder Investitionen. Frankreich erlebt diesen Übergang gerade. Der Kapitalmarkt entscheidet nicht über den Haushalt, aber er bestimmt den Preis, zu dem ein Staat Zeit kaufen kann. Je teurer diese Zeit wird, desto kleiner wird die Freiheit künftiger Regierungen. Darum ist solide Finanzpolitik kein Selbstzweck für Buchhalter. Sie bewahrt politischen Handlungsspielraum. Wer heute jede Korrektur als unsozial ablehnt, kann morgen in die Lage geraten, viel härter kürzen zu müssen. Dieser Zusammenhang ist schwer zu verkaufen, aber er gehört in einen ehrlichen Wahlkampf.

Auch die europäische Geldpolitik kann diesen Konflikt nicht dauerhaft neutralisieren. Die EZB kann Marktpanik begrenzen und den Währungsraum stabilisieren, aber sie kann nationale Haushaltsentscheidungen nicht ersetzen. Gerade nach Jahren sehr niedriger Zinsen ist diese Grenze politisch unbequem. Staaten haben sich an billige Finanzierung gewöhnt; nun kehrt der Preis des Geldes in die Haushaltsdebatte zurück. Frankreich steht damit exemplarisch für eine neue Phase Europas, in der politische Versprechen wieder stärker gegen Zinskosten gerechnet werden müssen.

Der Konflikt reicht bis in die politische Mitte

Frankreichs Haushaltsproblem lässt sich leicht als Streit zwischen radikalen Programmen darstellen. Das wäre bequem, aber zu kurz. Auch die politische Mitte hat über viele Jahre Ausgabenversprechen gemacht, Reformen vertagt und darauf vertraut, dass niedrige Zinsen den Spielraum verlängern. Der heutige Druck ist deshalb nicht das Werk einer einzelnen Partei. Er ist das Ergebnis eines Staates, der sehr viel leistet, sehr viel verteilt und Schwierigkeiten hat, Leistungen wieder einzuschränken, sobald sie einmal etabliert sind.

Die französische Debatte berührt damit einen Kern moderner Demokratien. Kürzungen sind konkret, der Nutzen solider Finanzen ist abstrakt. Wer eine Rentenregel, eine Subvention oder eine kommunale Leistung verändert, kennt sofort die Betroffenen. Wer Schulden abbaut, kann den politischen Gewinn kaum fotografieren. Er besteht in niedrigeren Zinskosten, größerem Spielraum in der nächsten Krise und Vertrauen der Kapitalmärkte. Diese Vorteile treten langsam ein, während der Widerstand am ersten Tag beginnt.

Für den Euroraum ist Frankreichs Lage besonders wichtig, weil es sich nicht um eine kleine Volkswirtschaft handelt, die von europäischen Partnern leicht stabilisiert werden könnte. Frankreich ist wirtschaftlich und politisch ein Zentrum der Währungsunion. Zweifel an seiner finanzpolitischen Handlungsfähigkeit würden deshalb rasch auf Banken, Anleihemärkte und andere hoch verschuldete Staaten ausstrahlen. Genau deshalb wäre es gefährlich, wenn Paris den Eindruck erweckte, die EZB müsse im Zweifel jede politische Blockade auffangen.

Die Wahl 2027 wird diese Grundrechnung nicht aufheben. Eine neue Regierung kann Prioritäten verschieben, Steuern verändern und Ausgaben anders verteilen. Sie kann aber nicht per Mehrheitsbeschluss bestimmen, dass Zinsen keine Rolle mehr spielen oder Gläubiger freiwillig auf Forderungen verzichten. Frankreich braucht eine politische Sprache, in der Haushaltsdisziplin nicht als Kapitulation vor Märkten gilt, sondern als Voraussetzung staatlicher Handlungsfähigkeit. Das ist schwieriger als ein Wahlversprechen. Deshalb wäre es die ernsthaftere Debatte.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2325 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".