Wie in Kriegszeiten üblich, mündet Parteinahme schnell in Schwarz-Weiß-Denken. Das Böse in Gestalt Putins und „Ruzzlands“ steht gegen das historisch Gute, verkörpert durch Selenskyi und die Ukraine. „Wir“ stehen auf der Seite des Guten. Über ein Verbrechen an Mönchen im Swjatogorski Kloster im umkämpften Donezk-Gebiet erfährt man dagegen in der deutschen Berichterstattung über den Ukrainekrieg kaum etwas.
Mit bescheidenen Hoffnungen verfolgten wir die Erkundungsreise – oder war es ein weiterer Vermittlungsversuch? – von Trumps Emissären Kushner und Witkoff nach Moskau und Kiew. Für ein paar Tage schränkten Putin und Selenskyi ihren Krieg sogar etwas ein. Derlei Hoffnungen sind vorerst wieder dahin. Putin weicht – offenbar unbeeindruckt von den Drohnenangriffen der Ukraine auf die russische Infrastruktur – von seinen territorialen und politisch-strategischen Zielen nicht ab. Selenskyi sieht sich militärisch im Aufwind und verlässt sich auf die materielle und moralische Unterstützung der EU, angeführt von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der Außenbeauftragten Kaja Kallas.
Ein Ende des Ukrainekrieges ist nicht in Sicht. Selenskyi bereitet die Ukraine trotz Gasknappheit auf einen weiteren Kriegswinter vor. Er darf mit unbegrenzter Unterstützung aus Berlin und Brüssel rechnen – finanziert durch die Ausweitung der Staatsschulden. „Wir Europäer“ sind solidarisch mit der Ukraine in ihrem Freiheitskampf gegen den Aggressor Putin.
An der von Putin mit seiner „militärischen Spezialoperation“ begangenen Verletzung des Völkerrechts gibt es nichts zu deuteln, es sei denn, man sucht in der langen Vorgeschichte nach Gründen für den am 24. Februar 2022 eröffneten – und alsbald gescheiterten – Angriff auf Kiew. Außer einigen als „Putinversteher“ abqualifizierten Sachkundigen – ganz abgesehen von den Schmuddelkindern AfD und BSW – gibt es für die politisch-mediale Klasse in Deutschland keinen Zweifel an dem seit der „Zeitenwende“ (Olaf Scholz) verfolgten Kurs unbedingter Parteinahme für die Ukraine. Das Regime Putins befestigt das Feindbild, verschärft durch drohende Worte aus Moskau, zuletzt aus dem Munde Sergej Lawrows.
Gewiss, man registriert auch die Schönheitsfehler – Korruption, Machtkämpfe und pathetischen Nationalismus – des „auf dem Weg nach Europa befindlichen“ Landes, attestiert der Ukraine jedoch das Markenzeichen einer Demokratie. Mehr noch: Wie in Kriegszeiten üblich, mündet die Parteinahme in Schwarz-Weiß-Denken. Das Böse in Gestalt Putins und „Ruzzlands“ steht gegen das historisch Gute, verkörpert durch Selenskyi und die Ukraine. „Wir“ stehen auf der Seite des Guten.
Fakten, die das Idealbild der überfallenen Ukraine stören – Zwangsrekrutierungen, die Aussonderung russischer Literatur aus Bibliotheken oder der Sturz von Puschkin-Denkmälern –, werden in der Berichterstattung ausgeblendet oder heruntergespielt. Vor diesem Hintergrund erscheint ein von der Ukrainisch-Orthodoxen Gemeinde in Berlin veröffentlichter Bericht über ein Verbrechen als mehr denn nur ein bedrückendes Randphänomen.
Es geschah am 23. August im ostukrainischen Bezirk Donezk im frontnahen Swjatogorski Kloster. Der Bericht stützt sich auf die Aussagen eines im Kloster lebenden „Flüchtlings“ – mutmaßlich eines Wehrdienstflüchtigen – und des Novizen Andrej Kirijenko. Am 23. August näherten sich drei bewaffnete Kämpfer einer „Spezialeinheit“ dem auf einer Bank sitzenden Novizen mit dem Gruß „Slava Ukraine“. Als sie den Kampfgruß wiederholten, antwortete der Novize mit dem christlichen Gruß: „Ehre sei unserem Herrn und Gott. Rette und bewahre.“ Daraufhin fielen – laut „Mönchsbruder“ Andrej – die drei Soldaten über ihn her, verprügelten ihn, stachen auf ihn ein und warfen ihn eine Schlucht hinunter. Während der Novize Andrej überlebte, wurde ein anderer Mönch erschossen, ein weiterer durch Stiche schwer verletzt.
Die Militärstaatsanwaltschaft des Bezirks hat die Untersuchung des blutigen Geschehens eingeleitet. In dem Online-Bericht der offenbar „unpatriotischen“ UOK-Zeitschrift heißt es weiter:
„Der Mörder des Mönchs ist bis heute unbekannt. Doch wer immer er sein mag, handelte er (sic) nicht allein. Jahrelang wurde er darauf vorbereitet. Vorbereitet wurde er von Journalisten, die von ´FSB-Angehörigen in den Kirchen´ sprachen, von Abgeordneten, die Priestern ´Koffer – Bahnhof – Russland´ zuriefen, und von Geistlichen patriotischer Konfessionen, die den Klerus und die Gläubigen der UOK als ´Volksfeinde´ bezeichneten.
Was in Swjatogorsk geschah, ist das folgerichtige Ergebnis dieses gesamten Hasses. Und wenn die Behörden die Ukraine, wie sie selbst sagen, für einen demokratischen Rechtsstaat halten, müssen die Ergreifung und die Bestrafung des Verbrechers für sie zu einer Frage der Ehre werden.
Bislang sehen wir jedoch keine Anzeichen dafür. Der Präsident hat den Mord am Mönch (sic) ´nicht bemerkt´, obwohl er die Swjatogorsker Lawra in die Reihe der bedeutendsten ukrainischen Heiligtümer aufgenommen hat, die unter besonderem Schutz des Staates stehen. Auch beim Staatlichen Dienst für Ethnopolitik wurde er ´nicht bemerkt´. Die Polizei schweigt, die Staatsanwaltschaft schweigt und auch die Medien schweigen. Es entsteht der Eindruck, dass von oben der Befehl erteilt wurde, diese Tragödie zu ignorieren.“
https://herbert-ammon.blogspot.com/2026/09/storende-flecken-im-ukrainebild.html
