Vor 75 Jahren hat Albert Camus sein berühmt gewordenes Werk „Der Mensch in der Revolte“ publiziert. Das Buch erschien im Oktober 1951 im französischen Original und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung im Rowohlt-Verlag. Wenn heute in Limoges das traditionsreiche Rathaus niederbrennt und in Paris, Lille, Bordeaux und vielen anderen französischen Städten verheerende Verwüstungen und Plünderungen stattfinden, dann ist dies keine Revolte im Sinne von Albert Camus. Denn er unterscheidet Revolte von Revolution und stellt die gewaltfreie Auflehnung der gewalttätigen Zerstörung gegenüber. Sein Buch ist einer der herausragenden Klassiker zu diesem Thema.
Camus ist der meistgelesene und vermutlich der beliebteste französische Autor des 20. Jahrhunderts. Der Verlag Gallimard, bei dem seine französischen Originale erschienen, spricht von 22 Millionen verkauften Exemplaren in französischer Sprache. Da seine Hauptwerke in viele Sprachen übersetzt wurden, ist die „Welt-Auflage“ beeindruckend hoch. „Der Fremde“ und „Die Pest“ sind die Bestseller mit den höchsten Auflagen. Diese beiden Erfolgsromane haben eine besondere Aktualität: „Der Fremde“ wurde kürzlich verfilmt und wurde ein Kinoerfolg und der Roman „Die Pest“ war vielzitiert und gelesen während der Corona-Pandemie. Ausgelöst durch die Protestbewegungen in zahlreichen europäischen Ländern folgen nun Beiträge zu „Der Mensch in der Revolte“. Im Vergleich zu den beiden genannten Erfolgsromanen ist dieses Buch ein anspruchsvoller Essayband, der schwerer zu lesen ist als die Romane von Albert Camus.
In Frankreich hat es in den letzten Jahren immer wieder Proteste und gewalttätige Ausschreitungen gegeben. Diese waren vorwiegend in Vororten von Paris oder in Brennpunkten wie Marseille. Am Wochenende des 17. und 18. Oktober 2026 waren neben den Metropolen auch viele kleine Städte im ganzen Land betroffen. Nach offiziellen Angaben waren etwa 800.000 Demonstranten und Randalierer auf den Straßen. Das Ausmaß der Gewalt und Zerstörungswut war überraschend und erschütternd. Mehr als 3.000 Läden und Geschäfte wurden zerstört und ausgeplündert, sehr viele Autos sind ausgebrannt, etwa 1.000 Polizisten und Feuerwehrleute wurden verletzt, mehr als 2.400 gewalttätige Randalierer wurden festgenommen (Rickenbacher 2026, Müller-Meiningen et al 2026, Kepel 2026).
Eine Woche später wurden am Wochenende die Proteste wie angekündigt fortgesetzt. Die Zahl der Protestierenden in Frankreich war geringer als in der Vorwoche und lag zwischen 400.000 und einer halben Million. 1.300 Randalierer wurden festgenommen. An diesem Wochenende vom 24./25. Oktober 2026 waren nun noch mehrere andere europäische Länder durch Proteste auf den Straßen betroffen, insbesondere Italien, Belgien, Albanien und Spanien. Die rasche Ausbreitung der Protestbewegungen in West- und Südeuropa ist sicherlich ein Novum und dürfte mit der schnellen Mobilisierung der Massen durch soziale Medien zusammenhängen. Es ist sicherlich aufschlussreich, was die Unterschiede und Gemeinsamkeiten den einzelnen Ländern sind. Die Ursachen und Motive für die Proteste, welche Gruppierungen protestierten, das Ausmaß der Gewalt und Zerstörung sind von Land zu Land andere. Wissenschaftliche Analysen zu diesem Thema stehen noch aus.
Worin liegt denn nun der wesentliche Unterschied zwischen der Revolte im Sinne von Camus und den heutigen Gewaltexzessen und Protestbewegungen auf europäischen Straßen und Plätzen?
Der Essayband „Der Mensch in der Revolte“ als Impuls- und Ideengeber für Protestbewegungen
Albert Camus wurde 1913 in Algerien geboren und ist dort aufgewachsen. Als die Protestbewegungen des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten, Tunesien oder Algerien aufflammten, war Camus in der arabischen Welt ein vieldiskutierter Autor. Der Camus-Experte Jeanyves Guerin hat diese Zusammenhänge wie folgt sehr treffend dargestellt:
„Der arabische Frühling hat sehr stark dazu beigetragen, dass Camus heute eine wichtige Rolle spielt in der intellektuellen Landschaft des Maghreb, in Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten. Es ist kein Zufall, dass dort vor allem die jungen Leute „Die Pest“ lesen, den demokratischen Roman par excellence. „Die Pest“ als Allegorie der demokratischen Revolte gegen eine Unterdrücker-Regime: Die Pest, das waren der Nationalsozialismus und der Stalinismus, heute sind es Diktatur und Islamismus. Das Werk von Camus ist einer Weise präsent, wie es vor 30 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Und Camus ist zweifellos ein Inspirator der Revolten.“ (Jeanyves Guerin, zit. nach Kathrin Hondl 2013)
Camus konnte vermutlich nicht ahnen, wie aktuell seine Beiträge zur Revolte werden sollten. Er war geprägt durch die machtvollen Diktatoren Hitler und Stalin. In der Nachkriegszeit konnte er 1956 kurz vor seinem Tod noch den Ungarn-A ufstand erleben. Sein Essayband „Der Mensch in der Revolte“ besticht durch die fundierte historische Analyse und die moralisch-philosophischen Implikationen.
Revolte versus Revolution
Der Essayband „Der Mensch in der Revolte“ hat zwei Hauptteile, die beide einen Überblick über zwei Jahrhunderte geben – in einer metaphysischen und in einer historischen Perspektive. Entsprechend lauten die Überschriften der beiden Hauptkapitel „Die metaphysische Revolte“ und „Die historische Revolte“. Camus beginnt mit philosophischen Betrachtungen über den Sinn des Lebens, humane Werte und den schmalen Grat zwischen Mord und Selbstmord. Sein Essay beginnt unter der Überschrift „Das Absurde und der Mord“ mit den Sätzen:
„Es gibt Verbrechen aus Leidenschaft und Verbrechen aus Überlegung. Die Grenze, die sie scheidet, ist unbestimmt…Wir leben im Zeitalter des Vorsatzes und des vollkommenen Verbrechens….Man wird vielleicht der Meinung sein, daß eine Epoche, die in fünfzig Jahren siebzig Millionen Menschen entwurzelt, versklavt oder tötet, zuvörderst abgeurteilt werden muß. Freilich muß ihre Schuld verstanden werden.“ (Camus, 1953, S.7)
Bereits dieses Präludium auf der ersten Seite des Buches deutet den großen Bogen an, den Camus spannt. In der Einleitung betont er die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts, spricht von „Hitlers Apokalypse 1945“, von den zahlreichen Phänomenen des zeitgenössischen Nihilismus und stellt Bezüge zur Philosophie von Friedrich Nietzsche her.
„Was ist ein Mensch in der Revolte?“ fragt er auf Seite 14. Seine Antwort: „Ein Mensch, der nein sagt.“ Aber diese Revolte ist nicht die totale Verneinung, sondern sie verwirft einen Teil der Existenz und verherrlicht einen anderen Teil. Die Revolte strebt nach Werten, Würde, Schönheit und einer Einheit. „Sie sagt gleichzeitig ja und nein.“ Das Nein der Revolte stützt sich auf ein Ja, das schöpferisch ist. Im Gegensatz dazu ist nach Camus die Revolution nihilistisch und potenziell destruktiv. Dies zeigt er besonders an dem Phänomen der Gewalt. Die Revolte verabscheut die Gewalt und lehnt sie ab. In der Revolution wird die Gewalt als Mittel zum Zweck. Sie folgt der Parole: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Die fundamental gegensätzliche Auffassung zur Gewalt war der Hauptgrund für das Zerwürfnis zwischen Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Die sehr konträre Haltung zur Gewalt kostete schließlich beiden die Freundschaft. Sie schlug um in eine bittere Feindschaft, die bis zum frühen Tod von Camus andauerte.
„Je me revolte, donc nous sommes” – “Ich protestiere, also sind wir“
Das Nein der Revolte impliziert ein Ja für ein gemeinsames Ziel, das angestrebt wird. Die Revolte ist nicht eine pure Ablehnung von allem, sondern sie setzt eine Grenze, weil höhere Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Würde verletzt wurden. Die Menschen in der Revolte wollen eine bessere und humanere Welt. Sie wehren sich deshalb gegen Missverhältnisse und soziale Ungerechtigkeit. Die Revolte beabsichtigt konstruktive Reformen. Diese Ziele werden nicht egoistisch, sondern in einem solidarischen Handeln verfolgt. Die Parole von Camus „Je me revolte, donc nous sommes” betont im „also sind wir“ die Solidarität des Handelns. Neubeginn und Solidarität sind somit für Camus die Grundpfeiler der Revolte.
Erklärungsversuche zu den aktuellen Protesten
Die Demonstrationen, Ausschreitungen und Plünderungen in französischen Städten sind gerade eine Woche her, so dass fundierte Analysen von Soziologen oder Politikwissenschaftlern noch ausstehen. Im Vorfeld begannen die Aufstände mit Schülerprotesten. Die Schüler forderten bessere Schulbedingungen, mehr Lehrer, Sanierung der maroden Schulgebäude und angemessenere Lehrpläne. Dafür hat der Großteil der Bevölkerung Verständnis und hält sie deshalb für gerechtfertigt. Problematisch ist allerdings die massive Gewaltanwendung. Mehr als 1.000 Polizisten und Feuerwehrleute wurden verletzt. Wie viele Demonstranten verletzt wurden, darüber gibt es bislang keine offiziellen Zahlen. Bemerkenswert ist, dass etwa 90 Prozent der 2.400 festgenommenen Randalierer zwischen 18 und 30 Jahre alt waren. Sie waren also keine Schüler! Offensichtlich wurden die anfänglich friedlichen Schülerdemonstrationen von gewaltbereiten Radikalen „gekapert“. Die „gute Sache“ wurde vielleicht missbraucht für blinde Gewaltexzesse und Zerstörungswut. Diese These vertritt der bekannte französische Philosoph Bernard-Henri Levy in einem Gastbeitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ (Levy 2026). Er beklagt, dass er bei den aktuellen Aufständen die Ziele und Visionen für eine andere und bessere Zukunft vermisst. Es bliebe offen, wofür eigentlich gekämpft werde. Stattdessen sehe er nur eine sinnentleerte Zerstörungswut, die sich in Gewaltexzessen entlädt. Die Psychoanalytikerin und Pariser Philosophie-Professorin Cynthia Fleury forscht seit Jahren über Ressentiments und Populismus. Sie vermutet, dass gewaltbereite Linksradikale die Proteste als Machtdemonstration im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen für ihre Zwecke nutzten. Sie wollten ihre eigene Macht und die Ohnmacht des Staates zeigen. Weiterhin wollten sie Angst in der Bevölkerung verbreiten und eine Angststimmung in der Gesellschaft erzeugen. Durch Angst verunsicherte Menschen seien politisch leichter zu manipulieren (Fleury 2026). Der Soziologe Gilles Kepel deutet die bürgerkriegsähnlichen Zustände als linksradikale Machtprobe angesichts der bevorstehenden Wahlen (Kepel 2026). Der linksradikale Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon marschierte in Paris in der ersten Reihe des Demonstrationszuges mit. Er lobte die „brodelnde Kraft“ der Proteste und schwärmte davon, dass diese „kraftvoller“ seien als jene vom Mai 1968. Dieser erste Einblick in die Einschätzung französischer Experten erweckt den Eindruck, dass es um viel mehr geht als aus den Fugen geratene Schülerproteste und dass diese von destruktiven und gewaltbereiten radikalen Gruppen instrumentalisiert wurden.
Literatur
Camus, Albert, Der Mensch in der Revolte. Rowohlt, Reinbek 1953
Csef, Herbert, Albert Camus zum 100. Geburtstag. Universitas, Jahrgang 68,
Nr. 820, 2013, S. 59-67
Csef, Herbert, Der Mensch in der Revolte. Albert Camus als Protagonist der modernen Protestbewegungen. Tabularasa Magazin vom 12. März 2019
Fleury, Cynthia, Es geht um die Beute. Süddeutsche Zeitung vom 19. Oktober 2026
Hondl, Kathrin, Albert Camus und die Revolte. Südwestrundfunk, Sendung vom 7. November 2013
Kepel, Gilles, „Heute herrscht das Gefühl, dass der Staat zusammengengebrochen ist.“ Interview mit Lucien Scherrer. Neue Zürcher Zeitung vom 21. Oktober 2026
Levy, Bernard-Henri, Eine Wut, die für nichts mehr kämpft. Süddeutsche Zeitung vom 19. Oktober 2026
Müller-Meiningen, Julius, Holzer, Birgit, Held, Pauline, Die Ohnmacht der Mächtigen. Main Post vom 20. Oktober 2026
Rickenbacher, Daniel, Frankreich brennt. Noch mehr Geld für die Banlieues kann das Problem nicht lösen. Neue Zürcher Zeitung vom 19. Oktober 2026
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