Bach und Wien. Zur Bach-Rezeption in der Habsburgermonarchie

Leipziger Beiträge zur Bach-Forschung

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Die Bach-Rezeption ist ein Dauerbrenner der Musikgeschichte. Gerade der alt-österreichische Kulturraum mit Wien als Zentrum fordert dazu heraus, Fragen zu stellen: Nach dem Engagement von Bach-Enthusiasten, nach Johann Sebastian Bachs Musik im Konzertleben oder aber nach konfessionellen Vorbehalten. Durch das Leipziger Katalogisierungsprojekt „Die Bach-Quellen in Wien und Alt-Österreich“ (2011) wurden Musikalien der gesamten Bach-Familie ermittelt. Seitdem lässt sich klar erkennen, welche Musik man hier nur sammelte oder auch aufführte, was im Wien durch die musikalischen Salons einer Fanny von Arnstein oder eines Gottfried van Swieten bekannt war – und was verloren ist.

Zwölf Studien gehen nun dem Warum auf den Grund: Sie beschreiben das Phänomen Bach-Rezeption zwischen Mozart und Schönberg, setzen sich mit den dynastischen Beziehungen zwischen Wettinern und Habsburgern auseinander, zeigen lokale Prägungen in der Steiermark und der Bukowina auf und spüren vergessenen Bach-Sammlungen nach.

Der Sammelband beginnt mit der Kategorie „Zentren und Peripherie“

Im ersten Essay werden die musikalischen Beziehungen zwischen dem königlich-kurfürstlichen Hof in Dresden und dem Kaiserhof in Wien in den ersten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts herausgearbeitet. Danach wird der Kulturtransfer zwischen Wien und Dresden am Beispiel der Klaviermusik um die Mitte des 18. Jahrhunderts behandelt. Es folgen die Betrachtungen des Reichhofrats Carl Adolph von Braun über die Bach-Pflege in Wien. Die Aufführungen von Bach in der Bukowina, dem östlichsten Kronland der Habsburgermonarchie werden ebenfalls vorgestellt.

Im zweiten Block werden zunächst neuere Erkenntnisse zur Bach-Sammlung von Gottfried von Swieten, die Schlüsselfigur einer sich um 1780 entfalteten Bach-Pflege in Wien, präsentiert. Die Musikaliensammlung von Sigmund Austerlitz und ihre Bezüge zu Johann Georg Albrechtsberger kommt danach zur Sprache.

Die dritte Kategorie beginnt mit der Wiener-Bach-Rezeption um Josef Fischhof und Joseph Hellmesberger im Spiegel der zeitgenössischen Presse. Spannend wird es dann beim Blick von Johannes Brahms auf Bach. Danach wird ein Einführungsvortrag zur ersten vollständigen Aufführung von Bachs Matthäus-Passion in Wien 1907 analysiert.

Neue Perspektiven der Berührungspunkte zwischen Mozart und Bach leiten den vierten Teil ein. Anselm Hüttenbrenners Annäherung an die Musik Bachs wird dann thematisiert. Zum Schluss wird Arnold Schönbergs Sicht auf Bach in seinen Vorträgen und Schriften beleuchtet.

Im Anhang finden sich noch die Abstracts, ein Abkürzungsverzeichnis, allgemeine Serien und RISM-Sigel, ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Werkregister und ein Personenregister.

Hier gibt es Schlaglichter zu entdecken, der lange Untersuchungszeitraum kann nicht alles genau abdecken. Die Berührungspunkte und Beziehungen zwischen Brahms und Mozart zu Bach und seiner Musik sind sehr spannend. Auch der Kulturtransfer, der immer mit bestimmten Personen oder Kreisen verbunden ist, wird hier ausführlich gewürdigt.

Christine Blanken/Marko Motnik (Hrsg.): Bach und Wien. Zur Bach-Rezeption in der Habsburgermonarchie. Leipziger Beiträge zur Bach-Forschung Band 13, Georg Olms Verlag, Baden-Baden 2026 ISBN:  978-3-487-17221-7, 69 EURO (D)

Über Michael Lausberg 632 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.