Digitaler Selbstbetrug

rucksack iphone smartphone handy person telefon, Quelle: Free-Photos, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Ohne Handy scheitern so manche Schüler in schriftlichen Prüfungen – wie kürzlich am Robert-Stock-Gymnasium in Hagenow, Mecklenburg-Vorpommern, wo gleich ein ganzes Drittel das Abitur nicht bestanden hat. Von Benedikt Vallendar.

Die immer wieder beklagte „Inflation von Bestnoten“ im deutschen Abitur – erst kürzlich wieder vorgetragen von Vertretern des Deutschen Philologenverbandes – dürfte einen nahen liegenden Grund haben: Zunehmend erschleichen sich Schüler Vorpunkte fürs Abitur, indem sie bei schriftlichen Prüfungen im Vorfeld Leistungen erbringen, deren geistige Väter Chat GPT, Gemini und Co heißen, wie Lehrer immer wieder berichten und sich auf Internetforen darüber beklagen. Wobei das Phänomen nahezu alle Schulformen betrifft und sich zunehmend auch in umgekehrter Richtung zeigt: Am Hagenower Robert-Stock-Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern ist in diesem Jahr gleich ein knappes Drittel des Jahrgangs durchs Abitur gefallen: Von 52 Schülerinnen und Schülern wurden 51 zur Abiturprüfung zugelassen. Von den 51 haben 18 nicht bestanden. Und zwei der 18 wiederholen nun die zwölfte Klasse, so die offiziellen Zahlen des Bildungsministeriums in Schwerin.

Strenge Kontrollen

Die Ursache für dieses bemerkenswerte Ereignis in Hagenow gilt in Schülerschaft und Kollegium als offenes Geheimnis: Die Aufsicht führenden Lehrer hatten offenbar strenger als sonst darauf geachtet, dass während der schriftlichen Prüfungen keine digitalen Endgeräte verwendet wurden; was für so manche der erfolgsverwöhnten Abiturienten ein regelrechter Kulturschock gewesen sein dürfte. Dass sie nun einmal nur mit Papier, Lineal und Stiften bewaffnet, über fünf und mehr Stunden Aufgaben von einem vor ihnen liegenden Blatt bearbeiten sollten. Und ihnen dabei niemand, auch nicht das geliebte Handy die nötigen Antworten geliefert hat.

Attacke gegen Lehrer

In einer wüsten Beschimpfungsrede machte eine der – nach Angaben des Bildungsministeriums – durchgefallenen Abiturientinnen ihrem Ärger Luft, indem sie Lehrkräften pädagogisches und fachliches „Versagen“ unterstellte, zudem „häufige Lehrerwechsel“, veraltete Unterrichtsmaterialien und eine aus ihrer Sicht „unzureichende Vorbereitung auf die Abiturprüfungen“. Videoausschnitte der Rede verbreiteten sich anschließend in sozialen Netzwerken und sorgten bundesweit für Aufmerksamkeit. „Für die Qualifikationsphase des diesjährigen Abiturjahrgangs ist festzustellen, dass in den Fächern Mathematik, Deutsch und Geschichte kein Lehrerkräftewechsel stattgefunden hat. Zeitweise kurz- und langfristige Krankheitsausfälle an der Schule wurden durch organisatorische und personelle Maßnahmen aufgefangen“, so Marie Zepplin, Pressereferentin im Schweriner Bildungsministeriums.

„Digitale Welt“

Indes wäre es falsch, Schülerinnen und Schülern den Rückgriff auf digitale Endgeräte generell zu verübeln. Denn seit Jahren singen Politiker, Bildungsvertreter und ja auch die Medien landauf landab das Lied von der „schleppend vorangehenden“ Digitalisierung, ohne zu erkennen, welche negativen, ja teils verheerenden Auswirkungen diese im schulischen Kontext haben kann, da sie Schülern schlichtweg das eigenständige Denken und Lernen abnimmt, auch wenn das von der Bildungsverwaltung gern anders verkauft wird. In Sachsen-Anhalt etwa gibt es seit 2023 für die Gymnasien einen eigenen Digitalerlass des Kulturministeriums (Titel: „Lernen in der digitalen Welt“), der genaue Handlungsanweisungen zum Umgang mit Smartphone und Tablett in den Klassenstufen 5 bis 8 erteilt, während zeitgleich viele Schulen den Umgang mit eben diesen Geräten in ihren Hausordnungen ausgesprochen restriktiv handhaben. Juristisch ist der Fall eindeutig: Da ministerielle Erlasse in der Normenhierarchie über hausinternen Regelungen stehen, hat das Kultusministerium stets das letzte Wort, so sehr sich Eltern, Schüler und ja auch Direktoren darüber wundern – und ärgern.  Denn im Schulalltag münden widersprüchliche Regelungen zur Handynutzung nicht selten in absurde Kleinkriege zwischen Lehrkräften, Eltern und Schulleitung, bei der die Beteiligten oft selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen: Besseres Lernen durch digitale Medien oder „weg vom Handy“? Da es von Schülern viel zu oft für andere, nicht unterrichtsbezogene Sekundäraktivitäten und zum Täuschen missbraucht wird.

Was bei der Debatte um Handynutzung im Schulalltag als Tabuthema gerne verdrängt wird: Die Handynutzung nützt im schulischen Kontext vor allem den Lehrern und weniger den Lernenden; da das, was früher Stunden, Tage und Wochen in Anspruch genommen hat, heute oft in wenigen Minuten, gar Sekunden erledigt wird, Gutachten, Tafelbilder und auch das leidige Eintragen von Noten, das sich heute meist online und höchst bequem in wenigen Minuten bewerkstelligen lässt.

Auf der Strecke bleibt – oft unwissentlich – ein Teil der Schülerschaft, der durch KI und Co das eigenständige Bearbeiten von Übungsaufgaben erleichtert, oft abgenommen und damit die Illusion vermittelt wird, das ginge ewig so weiter. Bis es bei Abschlussprüfungen dann zum bösen Erwachen kommt; etwa indem die Ergebnisse auf einmal deutlich schlechter ausfallen als erbrachte Vorleistungen und dann im Extremfall – wie kürzlich in Hagenow – das Katzenjammern groß ist.

Recht pragmatisch wurde das Problem in der Slowakei gehandhabt: Ab 1. September 2026 können an den landesweiten Hochschulen Bachelor- und Masterarbeiten wahlweise durch „andere Prüfungsformate“ ersetzt werden; weil durch KI einfach nicht mehr sichergestellt ist, dass die Studenten ihre wissenschaftlichen Abschlussarbeiten auch tatsächlich eigenständig verfassen, so ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Bratislava.

Schweigen in Hagenow

Die hohe Durchfallquote bei den Abiturprüfungen am Robert-Stock-Gymnasium beschäftigte indes auch die Landespolitik. Nach Angaben des Bildungsministeriums handelte es sich um einen „Einzelfall“, der auch Thema im Landtag gewesen sei. Gleichzeitig erfolgte eine Analyse des Vorfalls durch das Staatliche Schulamt, wo man sich nach außen hin bislang in betretenes Schweigen verhüllt.

Über Benedikt Vallendar 103 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem neusprachlichen Gymnasium in Sachsen-Anhalt.