In Durham hat mit „The Light“ ein neuer öffentlicher Kunstort eröffnet

Kultur jenseits der Metropolen

Durham, Quelle: Stephen2712, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

In Durham hat mit „The Light“ ein neuer öffentlicher Kunstort eröffnet. Das Beispiel zeigt, warum Kulturförderung nicht nur eine Frage prominenter Ausstellungen ist. Sie entscheidet auch darüber, ob hochwertige Kunst außerhalb der großen Metropolen erreichbar bleibt.

In London, Paris oder Berlin ist ein neues Museum eine Kulturmeldung. In einer Region, die seit Jahren um öffentliche Investitionen ringt, kann ein neuer Kunstort eine andere Bedeutung bekommen. In Durham im Nordosten Englands hat „The Light“ eröffnet – ein Museum und eine Galerie, entstanden aus einem früheren Militärmuseum. Der Umbau kostete 17 Millionen Pfund. Der Guardian berichtet über eine Eröffnungsausstellung mit Arbeiten unter anderem von Tracey Emin, Steve McQueen und Olafur Eliasson. Die Finanzierungsfrage reicht weit über Durham hinaus. Die Financial Times verweist auf die wachsende Bedeutung privater Mäzene für britische Kulturinstitutionen; damit verschiebt sich zugleich die Frage, wer kulturelle Infrastruktur außerhalb der Metropolen dauerhaft trägt.

Kultur ist geografisch ungleich verteilt

Die britische Debatte über London-Zentralismus ist alt. Sie betrifft Politik, Medien, Hochschulen und Kultur. Große Sammlungen, Sponsoren, Auktionshäuser, Galerien und internationale Besucher konzentrieren sich in der Hauptstadt. Regionale Häuser müssen häufig mit weniger Mitteln um dieselbe Aufmerksamkeit kämpfen.

Der neue Ort in Durham ist deshalb interessant, weil er nicht versucht, London zu imitieren. Er verbindet regionale Geschichte mit einem zeitgenössischen Ausstellungsraum. Gerade diese Mischung kann sinnvoll sein. Ein Museum muss nicht zwischen Heimatgeschichte und internationaler Kunst wählen, wenn es beides überzeugend kuratiert.

Öffentliche Kulturförderung wird dabei häufig mit Besucherzahlen verteidigt. Das ist verständlich, aber unzureichend. Ein Museum in Durham wird kaum dieselben Zahlen erreichen wie Tate Modern. Sein Wert kann gerade darin liegen, dass Menschen nicht für jede bedeutende Ausstellung nach London fahren müssen.

Kulturförderung ist Infrastruktur

Der britische Arts Council feiert in diesem Jahr 80 Jahre öffentliche Förderung. Der Guardian hat die Debatte über ihre Zukunft intensiv begleitet. Kulturförderung wird oft behandelt wie eine Subvention für einzelne Künstler. Tatsächlich finanziert sie auch Gebäude, Ausbildung, regionale Netzwerke, technische Berufe und Publikum.

Das ähnelt anderer Infrastruktur stärker, als Kulturpolitiker manchmal zugeben. Eine Bibliothek, ein Theater oder eine Galerie verändern den Alltag einer Stadt, auch wenn nicht jeder Einwohner sie wöchentlich nutzt. Ihr Vorhandensein schafft Möglichkeiten.

Natürlich ist nicht jedes Kulturprojekt automatisch gut. Öffentliche Finanzierung schützt nicht vor schlechter Kuratierung, Prestigeprojekten oder leer bleibenden Häusern. Aus diesem Grund braucht regionale Kulturpolitik eine nüchterne Erfolgskontrolle. Nicht nur Besucher zählen, sondern Bildungsprogramme, Kooperationen, lokale Beteiligung und langfristige Betriebskosten.

Der Wert beginnt nach der Eröffnung

Eröffnungen sind leicht. Politiker schneiden Bänder durch, Künstler kommen, Medien berichten. Schwieriger wird das zweite Jahr. Dann müssen Programme bezahlt, Personal gehalten und Besucher erneut gewonnen werden.

„The Light“ wird deshalb nicht an seiner ersten Ausstellung gemessen werden. Wichtiger ist, ob der Ort eine eigene Identität entwickelt. Die großen Namen helfen beim Start. Dauerhaft interessant wird das Haus nur, wenn es regionale und internationale Perspektiven miteinander verbindet, statt gelegentlich Londoner Kunst zu importieren.

Für Deutschland ist das Beispiel keineswegs fern. Auch hier konzentrieren sich Kulturmittel, Medienaufmerksamkeit und private Förderung stark auf wenige Metropolen, während mittelgroße Städte hervorragende Sammlungen besitzen, die national kaum wahrgenommen werden.

Kulturpolitik muss nicht jede Gemeinde mit einem neuen Museum ausstatten. Sie sollte aber begreifen, dass kulturelle Zentralisierung gesellschaftliche Zentralisierung verstärkt. Wer außerhalb der großen Städte lebt, darf kulturell nicht automatisch auf Provinzprogramm reduziert werden.

Ein neuer Kunstort kann eine Stadt nicht retten. Er kann ihr aber einen Raum geben, in dem sie sich anders sieht. Für 17 Millionen Pfund ist das noch keine Garantie. Es ist eine Chance, die mehr verdient als einen Eröffnungstag.

Regionale Häuser können experimenteller sein

Zentralisierung hat noch einen paradoxen Effekt. Große Metropolen gelten als Orte des Experiments, doch gerade ihre Institutionen tragen hohe Fixkosten, internationale Erwartungen und touristischen Druck. Ein regionales Haus kann manchmal freier arbeiten, weil es nicht jede Ausstellung als globales Ereignis verkaufen muss. Nähe zum Publikum ist dann kein Defizit, sondern eine kuratorische Ressource.

Dafür braucht es allerdings Personal mit Zeit und Kompetenz. Ein Gebäude allein erzeugt keine kulturelle Landschaft. Vermittler, Techniker, Restauratoren, lokale Partner und Künstler müssen über Jahre Beziehungen aufbauen. In Haushaltskrisen wird genau dieses Personal oft zuerst gekürzt, weil das Gebäude sichtbar bleibt und der Verlust von Wissen weniger auffällt. Wer Kultur in Regionen stärken will, sollte deshalb weniger in Eröffnungsbildern und mehr in zehnjährigen Betriebsperspektiven denken. Der Erfolg von „The Light“ wird sich daran entscheiden, ob es 2036 noch selbstverständlich zum kulturellen Alltag Durhams gehört.

Auch private Förderung folgt meist der Aufmerksamkeit. Sponsoren investieren lieber dort, wo internationale Presse und große Besucherzahlen sicher sind. Regionale Häuser geraten dadurch in eine doppelte Benachteiligung: weniger privates Geld und zugleich höherer Rechtfertigungsdruck gegenüber öffentlichen Haushalten. Kulturpolitik sollte diesen Mechanismus kennen. Nicht jede Förderung muss ihn ausgleichen, aber sie darf so tun, als sei der Markt geografisch neutral. Er ist es nicht.

Regionalität sollte dabei nicht mit Provinzialität verwechselt werden. Ein Museum außerhalb der Hauptstadt kann internationale Kunst zeigen und zugleich Themen setzen, die aus seiner Umgebung entstehen. Gerade solche Häuser können Verbindungen schaffen, die in einer Metropole untergehen würden. Dafür müssen sie aber selbstbewusst kuratieren und dürfen nicht bloß verkleinerte Versionen großer Institutionen werden. Der Erfolg liegt nicht darin, Tate nach Durham zu kopieren, sondern einen Ort zu schaffen, den es in London so nicht gibt. Das ist anspruchsvoller als bloße Dezentralisierung – und kulturell viel interessanter.

Die Verteilungsfrage ist politisch bereits angekommen. EinGuardian-Berichtüber ein Milliardenpaket für Kultur verband neue Mittel ausdrücklich mit dem Anspruch, nationale Institutionen stärker außerhalb Londons wirken zu lassen. EinEditorial zum 80-jährigen Bestehen der öffentlichen Kunstförderungerinnert zugleich daran, dass regionale Kultur nur mit langfristiger Finanzierung bestehen kann.

Nähe ist kein kultureller Provinzialismus

Die Vorstellung, bedeutende Kunst müsse zwangsläufig in der Hauptstadt oder in wenigen großen Zentren konzentriert sein, hält sich erstaunlich hartnäckig. Sie hat praktische Gründe: Dort sitzen Medien, Sammler, Hochschulen, Galerien und große Besucherströme. Doch für den öffentlichen Kulturauftrag ist diese Konzentration problematisch. Wer mehrere Stunden reisen muss, um eine große Ausstellung zu sehen, nutzt Museen anders als jemand, der nach der Arbeit spontan vorbeigehen kann. Kulturelle Teilhabe hängt auch von Entfernung ab.

Regionale Häuser sollten deshalb nicht als verkleinerte Kopien der Metropolen auftreten. Ihre Stärke liegt oft gerade in der Verbindung zu einem Ort, zu lokalen Sammlungen und zu einem Publikum, das nicht aus internationalem Kulturtourismus besteht. Ein Museum in Durham muss nicht Tate nachspielen. Es kann Künstler von Rang zeigen und zugleich eine eigene Geschichte erzählen. Diese Mischung aus Anspruch und Nähe ist kulturpolitisch wertvoller als ein Wettbewerb darum, wer den nächsten Blockbuster zuerst bekommt.

Dauerhaft funktioniert das nur mit Personal und Planungssicherheit. Ein neues Gebäude erzeugt Aufmerksamkeit, doch Ausstellungen, Vermittlung, Restaurierung und Sammlungspflege verursachen jedes Jahr Kosten. Politische Förderprogramme neigen dazu, Investitionen leichter zu finanzieren als Betrieb. Das Ergebnis kennt man aus vielen Bereichen: Es entstehen sichtbare Projekte, während später um Stellen, Öffnungszeiten und Programme gerungen wird. Wer regionale Kultur stärken will, muss deshalb weniger über Eröffnungen und mehr über zehnjährige Finanzierungsmodelle sprechen.

Auch nationale Museen können ihren Teil beitragen, ohne lediglich Leihgaben auf Tour zu schicken. Gemeinsame Forschung, Kuratorenstellen, Restaurierungskooperationen und längerfristige Partnerschaften würden Wissen verteilen, nicht nur Objekte. Kultur jenseits der Metropolen braucht keine pädagogische Herablassung aus dem Zentrum. Sie braucht Institutionen, die ernst genommen werden und selbst Entscheidungen treffen können. Der Erfolg von The Light wird sich deshalb nicht daran messen, wie oft London darüber berichtet, sondern daran, ob das Haus in einigen Jahren für Menschen in der Region selbstverständlich geworden ist.

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