City-Wissenschaftler zum Lufthansa-Rettungspaket

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Nachfolgend finden Sie einen Kommentar von Linus Bauer [1], Gastdozent
an der City, University of London.

LUFTHANSA-RETTUNGSPAKET: DIE STAATLICHE UNTERSTÜTZUNG WIRD ALS EINE VON DEN VERNÜNFTIGSTEN OPTIONEN ANGESEHEN

Aktuell kann man von einer historischen Krise in der Luftfahrtbranche
sprechen. Obwohl kaum eine andere Branche so krisenerfahren ist wie die
Luftfahrt – zum Beispiel durch 9/11, SARS/MERS-Virusoutbreaks,
Golfkriege, globale Wirtschaftskrise, Ölpreiskrise – geht es jetzt
nicht mehr allein darum, diese Krise zu überstehen, sondern darum, sie
überhaupt zu überleben. Für zahlreiche große Fluggesellschaften
weltweit war deshalb die staatliche Unterstützung bisher die einzige
Option für das Überleben während der COVID-19-Pandemie. Daher kann
die Reinvestition von Stabilisierungsfonds mit speziellen
Kreditprogrammen aus der vorangegangenen globalen Finanzkrise als eine
der besten Lösungen für deutsche Aktiengesellschaften wie in diesem
Fall die größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa angesehen werden.
Mehr als 150.000 Arbeitsplätze (direkt und indirekt), die auf dem Spiel
stehen, könnten durch diesen Deal gerettet werden.

Anders als in vielen Ländern, in denen staatliche Beteiligungen an der
Luftfahrt-, Automobil- oder Energiebranche Normalität sind, hadern
Politiker und Ökonomen in Deutschland normalerweise mit einem solch
drastischen Eingriff in die Privatwirtschaft. Nach Angaben der deutschen
Regierung beabsichtigen sie, die Anteile bis Ende 2023 zu verkaufen.
Dies bedeutet, dass die deutsche Regierung die Lufthansa in der
Erholungsphase nach dem COVID19 (heute-2023, basierend auf verschiedenen Szenarien an denen wir Unternehmensberater stets arbeiten) unterstützen würde. Aus meiner Sicht ist dieser Ansatz für eine große Fluggesellschaft wie die Lufthansa die am besten geeignete Option, denn eine komplette und langfristige Verstaatlichung bzw. Teilverstaatlichung kommt in diesem Fall nicht in Frage. Von daher ist die aktuelle Option die vernünfigste Option in diesem Fall.

Das milliardenschwere Rettungspaket würde dazu führen, dass der Staat
sein größter Aktionär (20%) wird. Das bedeutet, dass der Staat
Deutschland auch zwei Sitze im Lufthansa-Aufsichtsrat erhalten würde,
die allerdings mit Experten besetzt werden sollen, die die
Geschäftsentscheidungen im Lufthansa-Konzern nicht beeinflussen.
Politische Persönlichkeiten im Aufsichtsrat einer grossen
Fluggesellschaften wie die Lufthansa zu haben, würde zu einer
größeren Komplexität führen (z.B. Interessenkonflikte und große
Verzögerungen bei Entscheidungsprozessen) und es muss in entscheidenden Zeiten (z.B. während der Erholungsphase von COVID19 ), in denen geschäftliche Prioritäten woanders liegen, vollständig vermieden
werden.

Meine Überlegungen zu den von der EU vorgeschlagenen zusätzlichen
Bedingungen (Abgabe einer bestimmten Anzahl von Slots der Lufthansa an
den Drehkreuzen Frankfurt und München): Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist dies ein falscher und unnötiger Schritt der EU. Denn es könnte dem
Engagement der Regierung bei der Lufthansa bis 2023 schaden, wenn zum
Beispiel Billigfluggesellschaften diese wertvollen Slots an Drehkreuzen
wie Frankfurt und München zu Hauptabflugszeiten erhalten (z.B. morgens
oder am frühen Abend). Es würde zu einem harten Wettbewerb und
teilweise zu Überkapazitäten an den Hauptdrehkreuzen der Lufthansa,
Frankfurt und München, während und nach der Erholungsphase führen.
Diese zusätzlichen Bedingungen sind in diesen kritischen Zeiten nicht
hilfreich, und die gesamte Situation wird dadurch überhaupt nicht
verbessert. Es würde dem gesamten Luftverkehrsmarkt mehr Schaden als
Nutzen zufügen.

Während und nach der Pandemie könnten die beiden Drehkreuze -Frankfurt und München – in der Zeit nach der Pandemie eine wichtige Rolle spielen, da die Nachfrage nach internationalen Direktflügen und
inländischen/regionalen Zubringerdiensten in den kommenden 2-3 Jahren
einen Aufschwung erfahren könnte. Daher könnten diese Zeitnischen für
die Heimatfluggesellschaft Lufthansa von entscheidender Bedeutung sein,
um auf das sich schnell ändernde Verhalten der Kunden (z.B.
gesundheitsbewusste Kunden) reagieren zu können, die direkte
Langstreckenflüge (und inländische Zubringerdienste für Langstrecken)
verlangen, wenn Langstreckenflüge weltweit wieder aufgenommen werden.
Letzten Endes hängen die Rentabilität der Fluggesellschaft und über
150.000 Arbeitsplätze weitgehend vom bestehenden und lebensfähigen
Hub-and-Spoke-System der Lufthansa ab.

ÜBER LINUS BAUER

Linus Bauer ist Managing Consultant bei Bauer Aviation Advisory
(Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Luftfahrtindustrie mit Standorte
in Bonn, Dubai und Zürich). Zugleich ist er Gastdozent in Air Transport
Management an der City, University of London in London und Dubai (Remote Campus).

Von 2011 bis 2017 war er bei verschiedenen Fluggesellschaften wie Etihad
Airways, Singapore Airlines und SkyWork Airlines in kommerziellen
Bereichen tätig.

Im Mai 2019 wurde er in Dubai persönlich vom Scheich Ahmed Bin Saeed Al Maktoum (CEO und Chairman von Emirates Group) mit dem Outstanding
Achievement Award im Air Transport Management geehrt.

Darüber hinaus ist er aktives Mitglied in der Royal Aeronautical
Society und weltweit einer der wenigen Experten zum Thema Ultra
Long-Haul Operations.

Links:
——
[1] https://www.city.ac.uk/news/2019/may/defying-all-odds


Ida JUNKER
international consultant

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