CORONA – Filmbrancheninfos #12

Mit "Schau heimwärts Engel" von Rüdiger Suchsland

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Der Run auf die Hilfsprogramme ist groß. Wir haben einen ersten Erfahrungsbericht und erste Stellungnahmen der Verbände zum Thema Kurzarbeit.

Ein wenig Kurzweil zum Einstieg: Der slowenische Designer Jure Tovrljan hat bekannte Marken-Logos auf die Pandemie umgestaltet.

Einen Run auf die Hilfskredite für Unternehmen und Selbstständigeverzeichnen die Wirtschaftsministerien der Länder. Weitere Maßnahmen werden diskutiert.

Der Andrang auf staatliche Soforthilfen in der Corona-Krise für kleinere Betriebe mit Finanznot ist in Hessen riesig, meldete die „Hessenschau“ gestern Abend. Zeitweise waren die Server überlastet.

Wir baten um Erfahrungsberichte mit den Hilfsprogrammen. Hier ist der erste: Mittwoch, 25. März. Am Abend ging die Seite der Corona-Soforthilfe in Baden-Württemberg online. Ich habe noch am selben Abend das wirklich gut zu verstehende, völlig unbürokratische, fünfseitige PDF-Formular in 15 Minuten ausgefüllt und versandt. Wenn man freier Regisseur ist, als Soloselbstständiger und damit Rechnungssteller kann man sogar zwei Seiten überspringen – also wirklich sehr simpel!
Donnerstag, 26. März. Nach nicht mal 24 Stunden wurde ich per E-Mail informiert, dass mein Antrag korrekt ausgefüllt und eingegangen ist.
Freitag, 27. März. Eine zweite E-Mail mit der Information: Mein Antrag wurde geprüft und an die Landesbank zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet.
Montag, 30. März. Eine weitere E-Mail mit der Bestätigung, dass ich die beantragte „Zuwendung“ voll erhalte.
Dienstag, 31. März. Der Betrag wird heute überwiesen.
Ich möchte laut und kräftig sagen: Großen Respekt! Die Soforthilfe in Baden-Württemberg funktioniert tatsächlich wie angekündigt – als eines der ersten Bundesländer! Schnell und unbürokratisch! Danke!

Die Sender sollen mehr Geld bekommen, vielen Produzenten aber droht das Aus: Dabei hätte die Politik die Möglichkeiten, der Branche zu helfen, rechnet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor.

„Die Politik hat lange gezögert, klare Ansagen zu machen“, sagte gestern Constantin-Chef Martin Moszkowicz im Interview mit dem „Spiegel“: „Was jetzt enorm helfen würde, wäre, den nationalen Notstand auszurufen. Das hätte massive Veränderungen im Haftungsverhältnis zur Folge.“

Das ZDF bildet einen Hilfsfonds für seine Auftragsproduktionen: Produzenten können ab sofort Abschlagszahlungen auf die in den Verträgen vorgesehene nächste Rate beantragen. Dafür stehen bis zu 15 Millionen Euro zur Verfügung. Voraussetzung ist eine Drehunterbrechung oder -verschiebung infolge der Corona-Pandemie.

In den vergangenen zwei Wochen war in mehreren Medien zu lesen, ProSiebenSat1 plane, sich an den Mehrkosten zu beteiligen, die Auftragsproduktionen durch einen Drehstopp im Zuge der Corona-Maßnahmen entstehen. Konkreteres wurde seither nicht bekannt gegeben. Stattdessen berichteten uns betroffene Filmschaffenden, dass ProSieben eine solche Zusage generell für ungültig erklärt habe. Und zwar mit dem Hinweis auf den jüngsten Führungswechsel an der Unternehmensspitze.
Das stimmt nicht, antwortete der Sender auf unsere Nachfrage, wollte sich aber nicht äußern, was genau vorgesehen sei. „Wir bitten um Verständnis, dass wir hier jeweils im Einzelfall und im persönlichen Gespräch mit dem jeweiligen Produzenten entscheiden und keine generellen Aussagen über Gelder/Maßnahmen treffen wollen. Unser Ziel ist natürlich die Fertigstellung begonnener Produktionen.“

Unterdessen setzt ProSiebenSat.1 sein Zahlungsziel vorläufig auf 90 Tage hoch, um die eigene Liquidität zu sichern.

„Wir erwarten eine große Produktionslücke“: Der Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF) fordert einen Krisenfonds in Höhe von 375 Millionen Euro.

Der Newsroom als Isolationsbereich: Wegen Corona wohnen 68 Angestellte des ORF in den Redaktionsräumen. So soll der Sendebetrieb aufrechterhalten bleiben, berichtet die „Taz“.

In Babelsberg hatten zwei große US-Produktionen abgebrochen. Das Schicksal der zurückgelassenen Filmschaffenden schildert heute auch Hollywoods Branchenmagazin „Variety“.
„Wir fallen durch das Raster“. Auch der „Tagesspiegel“ berichtet über die verlassenen Filmschaffenden von Babelsberg.

„Jetzt steht Armut auf dem Spielplan“, schreibt die Schauspielerin Bettina Kenter-Götte in der „Jungen Welt“: Schauspielerinnen lebten lange in gut verstecktem Elend, nun stehen Tausende vor dem Nichts.

Dem Virologen Christian Drosten gefällt nicht, was die Medien aus der Wissenschaft machen. Bei „NDR Info“ sprach er eine deutliche Warnung aus: „Es muss wirklich aufhören.“

Welche Jobs Bullshit sind und welche systemrelevant, kann man leicht am Gehalt sehen, meint der Kapitalismuskritiker David Graeber. Das sollten wir nach der Corona-Krise nicht vergessen.

Wer’s etwas radikaler mag: Der Schauspieler und Ex-Terrorist Christof Wackernagel, zog schon vorige Woche grundsätzlichere Lehren aus der Virus-Krise.

Besser eine textile Maske aus Extraherstellung als überhaupt keine Maske, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Unsicherheit herrscht noch beim Thema Kurzarbeit: Der Rechtsanwalt Tobias Sommer, langjähriger Autor der Rechtskolumne in „cinearte“ erklärt es in Kürze:

Darum geht’s bei der Kurzarbeit: Das Risiko, einen Arbeitnehmer nicht beschäftigen zu können, liegt beim Arbeitgeber. Juristen nennen das „Betriebsrisiko“. Arbeitgeber können jedoch ihr Risiko minimieren und versuchen Kurzarbeit anzuordnen. Hier kommt es dann auf die Umstände des Einzelfalls an, zum Beispiel auf die Arbeitsveträge, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und so weiter. In vielen Fällen dürfte eine Zustimmung des Arbeitnehmers erfoderlich sein oder eine sogenannte Änderungskündigung. Es kann auch gerichtlich überprüft werden, ob die Prognose zur Anordnung der Kurzarbeit stimmt, wie das Bundesarbeitsgericht 2018 entscheiden hat (vgl. Urteil vom 24.05.2018, Az: 6 AZR 116/17).

Vorteile: Freizeit. Zeitguthaben werden aufgebraucht oder es entstehen sogar Minusstunden, wenn das arbeits- oder tarifvertraglich zulässig ist (was im Einzelfall zu prüfen ist). Die Fürsorgepflicht bleibt bestehen, die Maßnahme muss laufend überprüft werden, die Bedingungen können sich ändern. Urlaub muss nicht immer zugestimmt werden. Es besteht die Möglichkeit zur Nachverhandlung, gegebenenfalls kann Folgebeschäftigung vereinbart werden. Liegen die Voraussetzungen für Kurzarbeit nicht vor, besteht der volle Gehaltsanspruch. In Absprache mit dem Arbeitgeber kann man die Chance auf eine Nebentätigkeit nutzen.

Nachteile: Weniger Einkommen (nur 60 beziehungsweise 67 Prozent bei Beschäftigten mit Kind des entgangenen Nettoarbeitsentgelts). Keine betriebliche Mitbestimmung, wenn ein Notfall gemäß Paragraf 14 Arbeitszeitgesetz vorliegt.

Was tun, wenn Kurzarbeit angeboten wird? 
1. Informationen zum genauen Grund für Kurzarbeit einholen und Prognose erfragen. 
2. Nachweislich mitteilen, dass die Bereitschaft zur Arbeitsleistung besteht (Arbeitskraft anbieten). 
3. Keine Zustimmungen ohne Rechtsprüfung. 
4. Verhandlungsmöglichkeiten nutzen. 
5. Bei Unstimmigkeiten nachfragen, gegebenenfalls auch bei der Agentur für Arbeit, wo die Kurzarbeit beantragt werden muss.

Auf seiner Website gibt Tobias Sommer eine erste Orientierung, wenn in der Pandemie Verträge nicht erfüllt oder Veranstaltungen abgesagt werden.

Fragen zur Kurzarbeit haben auch die Produzenten. Die Produzentenallianz erklärt den Tarifvertrag mit Fragen und Beispielrechnungen. Die Seite wird laufend aktualisiert.

Wir haben die Berufsverbände heute gefragt, wie sie’s mit dem Thema Kurzarbeit halten: 
1. Wie schätzt Ihr Berufsverband den Kurzarbeit-Tarifvertrag ein? 
2. Was raten Sie Ihren Mitgliedern, denen Kurzarbeit angeboten wird? 
Tja, manchmal kommt (die kurze Abschweifung sei uns erlaubt, auch wir träumen manchmal vom Kino) der Büroalltag wie ein Abenteuerfilm im Urwald: Als erstes antworteten die Locationscouts und die Stuntleute: „Da nahezu 98 Prozent der Locationscouts in Deutschland Freiberufler sind und weit überwiegend keine Angestellten haben, haben wir uns mit dem Kurzarbeit-Tarifvertrag bisher kaum beschäftigt. Er ist für uns de facto beinahe vollständig irrelevant“, schreibt derBundesverband Locationscouts (BVL). „Angestellte Stuntleute gibt es so gut wie keine, wenn doch, dann nur tageweise. Für uns spielt Kurzarbeit also fast gar keine Rolle“, antwortet die German Stunt Association (GSA). 
Die Locationscouts können daher zur zweiten Frage nichts sagen. Die Stuntleute schon: „Ein Unternehmen mit unter fünf Angestellten hat Kurzarbeit beantragt. Wenn alle Arbeit wegbricht, ja, dann würden wir raten, die Kurzarbeit anzunehmen. Lohnausgleich ist den Arbeitgebern erlaubt.“
Zur Geschwindigkeit, mit der der Kurzarbeit-Tarifvertrag zustande kam, hat die GSA allerdings auch etwas anzumerken: „Die Kompromissfähigkeit im Fall Corona ist in Hinblick auf andere zähe Verhandlungen etwas ernüchternd.“

Weitere Berufsverbände haben Ihre Antwort für morgen versprochen. Heute antwortete der Filmverband Südwest, der alle Gewerke in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vereint: 
Prinzipiell begrüßen wir es, dass sich die Vertragsparteien so schnell auf den neuen Tarifvertrag geeinigt haben. Allerdings sehen wir verschiedene Probleme: Zum einen ist er nur für eine relativ kleine Gruppe von Produktionsunternehmen und Filmschaffenden verpflichtend. Zum anderen haben viele schon vor dem 25. März 2020 Kurzarbeit angeordnet, sodass der Tarifvertrag für diese Filmschaffenden nach unserem Verständnis nach nicht verpflichtend ist.
Aus diesem Grund halten wir uns sehr stark zurück, unseren Mitgliedern verbindliche Empfehlungen zu erteilen, da die finanzielle Ausgangslage bei jedem anders ist und verschiedene Maßnahmen unterschiedlich greifen. Letztlich ist es immer eine Einzelfallempfehlung, die wir abgeben, die für unsere Mitglieder nicht pauschalisiert werden kann.
Dies liegt insbesondere daran, dass uns Vorständen die entsprechende Rechtskompetenz oftmals fehlt und unser Verbandsanwalt so stark ausgelastet ist, dass auch wir ihn kaum erreichen können.

Was tun, wenn alles stillsteht? Am Freitag hatten wir von der Initiative einer Berliner Catering-Firma berichtet. Sie sammelt Spenden, um für alte Menschen, Obdachlose und Behinderte zu kochen. Die ersten Spenden sind eingetroffen, dankt Küchenchef Alexander Niki Gutsche. Am Montag konnte er mit seinem Team am U-Bahnhof Franz-Neumann-Platz erstmals 100 Obdachlose bekochen. „Die nächsten fünf Tage werden wir jeweils 100 Personen versorgen können“, sagt Gutsche und bittet, weiter für die Aktion zu spenden.

Gemeinsamer Filmabend trotz „Social Distancing“: Ein Kölner Hinterhof wird zum „Corona-Kino“ umfunktioniert, rund 60 Nachbarn schauen von Balkons aus zu.

Zehn Filmemacherinnen wollen eine Anthologie von zehnminütigen Kurzfilmenerstellen, die inmitten der Pandemie aus der Isolation heraus gedreht werden.

Wie man Künstlern und Kulturinstitutionen jetzt durchs eigene Verhalten helfen kann, beschreibt die „Süddeutsche Zeitung“. 

Arte taucht tief in seine Archive, um jeden Tag frei Haus einen Kurzfilmvorzustellen.

Wir verabschieden uns bis morgen und machen weiter mit unserem Blog:

Schau heimwärts Engel

Abgerechnet wird zum Schluss: Die agile Hauptrisikogruppe, das schwedische Modell, und ein Krisenstab im Sender: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 07. Von Rüdiger Suchsland.

„Es ist besser, im Stehen zu sterben, als auf den Knien zu leben.“
Alexander Lukaschenko, Staatschef von Weißrussland

In Krisenzeiten kümmern sich Chefs und Auftraggeber in sehr unterschiedlicher Weise um ihre Mitarbeiter. Im Medienfeld finde ich gerade den WDR vorbildlich. Vielleicht durch leidige Erfahrungen mit motorradfahrenden Omas und dem schwachen Umgang mit hausinternen, anonymen #MeToo-Beschuldigungen schlauer geworden, bekommen Mitarbeiter fast täglich eine umfangreiche Informationsmail mit einem Update vom eigens eingerichteten Krisenstab. 
Sechs positiv getestete Kollegen seien in Quarantäne, erfährt man da, bekommt Hinweise für Ausfallhonorar e und anteilige Bezahlung bei Projekten, die nicht fertiggestellt werden können. Freie Mitarbeiter können bei der Personalabteilung ein Darlehen beantragen. Außerdem wird gebeten „da wir alle die WDR Server schonen sollten“, keine Videokonferenzen abzuhalten, da diese zu viel Datenmenge brauchen. Stattdessen rät der Krisenstab zur Audiokonferenz per Skype oder Festnetz und Handy. 
„Durch manche Nebenwirkungen der Krise erleben wir gerade einen ,Kulturwandel express’ auf allen Ebenen: Umgang miteinander, digitale Ausstattung, moderne Arbeitsweisen, Rücksichtnahme und Solidarität – das finden wir gut und setzen darauf, dass wir das dauerhaft in die Zeit nach Corona mitnehmen können … Wir haben im Krisenstab den Eindruck: Was agiles und selbstverantwortliches Arbeiten angeht, machen wir gerade einen Riesenschritt nach vorne.“
Ob man das alles wirklich so ausführlich schreiben und täglich updaten muss wie hier, darüber lässt sich diskutieren. Von anderen Radiosendern, bei denen ich als Freier arbeite, habe ich aber dagegen noch gar nichts gehört.

In der WDR-Mail philosophiert Betriebsarzt Dr. Michael Neuber allerdings auch über die weiter steigende Zahl der „normalen“ Grippe. Eigentlich müsste die Grippe-Saison längst vorbei sein, aber die neuesten Zahlen zeigten, dass die Aktivität der saisonalen Grippe ungewöhnlich hoch und die Saison ungewöhnlich lang. Und dies ist nun besonders bemerkenswert, weil hier wieder das Phänomen auftritt, das uns gerade viel zu oft begegnet: Der eine sagt dies, der andere das Gegenteil.
Neuber behauptet, die Symptome der Corona-Erkrankung, und der saisonalen Grippe oder einer normalen Erkältung würden sich kaum unterscheiden. Und weiter sagt er, dass man sich gegen die saisonale Grippe jetzt nicht mehr impfen lassen könne, „es ist schlichtweg kein Impfstoff mehr da – das gilt nicht nur für die Betriebsarztpraxis, sondern für alle Hausarztpraxen.“
Genau das Gegenteil von beidem konnte man heute im Deutschlandfunk in der Sendung „Sprechstunde“ hören. Dort hieß es, zumindest für ältere Bürger sei eine Impfung selbst im April noch sinnvoll.

In Deutschland starben 954.874 Menschen im Jahr 2018. Geteilt durch 365 Tage im Jahr bedeutet dies, das im statistischen Mittel pro Tag rund 2.616 Menschen starben. An verschiedenen Atemwegserkrankungen (Grippe, Asthma, Bronchitis) starben im Jahr 2017 52.991 Menschen; das ergibt täglich im Schnitt gut 145 Tode. 

Unfehlbar sind nur Engel. Der Satz geht auf eine Bemerkung vom Phiklosophen Kant zurück, die natürgemäß etwas komplizierter formuliert ist. Dies ist aber jetzt auch der Titel des Aufmachertextes im „Philosophie Magazin“, das einige sehr lesenswerte Texte zu unseren Corona-Zuständen ins Netz gestellt hat. 
Darin kritisiert die Philosophin Susanne Schmetkamp all die selbsternannten Sozialpolizisten und Neo-Blockwarte, die seit Verhängung des Ausnahmezustands strenger als die Polizei über den Seuchen-Gehorsam der Bürger wachen – nicht wenige davon aus der „Hauptrisikogruppe“, wie wir sie jetzt mal nennen wollen. Anstatt zuhause zu bleiben, scheinen sich manche an ferne Jugendzeiten zu erinnern, und allemal zu freuen, dass es endlich einen Grund gibt, andere Menschen bei der Polizei zu melden. In Bayern wird man dafür auch vom Haussender öffentlich gelobt, die Polizei selbst, die mit diesem Typ Mensch auch sonst zu tun hat, ist reservierter und bittet darum wenigstens die Nummer 110 zu blockieren, die für die wirklich wichtigen Dinge reserviert ist.
Wenn Angela Merkel statt an Solidarität an Selbstdisziplin appelliert habe, habe sie Selbstverantwortung gefordert. „In den Sozialen Medien breitet sich seit einiger Zeit aber gleichzeitig ein scharfer Ton der Disziplinierung aus – und das ist etwas anderes, nämlich: soziale Ächtung“, schreibt Schmetkamp, die in Siegen lehrt und ein Buch über Theorien der Empathie geschrieben hat. 
„Das empörte Gebrüll hinter den Hashtags #StayAtHome oder #StayTheFuckHome hört man buchstäblich im virtuellen Raum erschallen. Vorgebracht werden hier nicht nur rationale und demokratische Argumente pro verantwortliches Verhalten, sondern ein starker Moralismus oder, wie es Sascha Lobo ausgedrückt hat: Eine ,Vernunftpanik’. Moralismus ist etwas, das moralisch übertreibt, Macht einsetzt, sich überlegen fühlt, mit sozialer Sanktionierung droht – und vor allem den anderen gar nicht mehr als Vernunftwesen oder Akteur anerkennt, sondern als bloßen zu bändigenden, bedrohlichen (Fremd)-Körper. Bei vielen der Vernünftler fehlt es an der Bereitschaft zum Perspektivenwechsel und zur Selbstreflexion. Die Moralistin weiß, was zu tun ist, und rügt jene, die es in ihren Augen ,noch nicht kapiert haben’. Ungeachtet der Dringlichkeit und Notwendigkeit von Appellen … entsteht eine Dichotomie zwischen ,wir’ (die zuhause bleiben) und ,denen’ (die völlig unverantwortlich ,Partys feiern’). Das Fatale daran ist, dass nicht differenziert wird, sondern alle als ,Idioten’ über einen Kamm geschert werden. Es geht aber weniger darum, wer recht hat, sondern um die Einstellung: Als welche Art Mensch möchten wir uns verstehen?“ so Schmetkamp weiter. Das „digitale bashing“ sei aber „ebenso respektlos“.

Ich glaube btw, dass „Corona Partys“ von Anfang an vor allem ein Medienmythos sind. Nicht jedes Mal, wenn drei Leute zusammen vor dem Späti mit Bier anstoßen, oder wenn sich vier 15-Jährige zum Skaten verabreden, ist dies schon eine Corona-Party.

Der von Schmetkamp angesprochene Text von Sascha Lobo ist auch unabhängig davon der Betrachtung wert. Letzte Woche schon ging er viral, plötzlich saß Lobo bei „Markus Lanz“, und musste erklären, was an einem Ausnahmezustand schlecht sein könnte. Wer ihn trotzdem verpasst hat, kann ihn hier nachlesen

Macht Schweden eigentlich gerade alles falsch? Das ist die 100-Millionen-Dollar-Frage. Denn mitten in der Pandemie gibt es zur Zeit jenseits der Alternativlosigkeit des Ausnahmezustands genau drei Sonderwege: Zum einen Weißrussland, wo die einzige noch aktive Fußballliga der Welt veranstaltet wird, (und lukrative Fernsehverträge mit darbenden Sportsendern einbringt); wo Corona als Psychose gilt; und wo der Staatspräsident Wodka und Sauna als Mittel gegen das Virus empfiehlt. Wäre doch schön, wenn sich das als erfolgreich herausstellt. Trotzdem halten den weißrussischen Weg so ziemlich alle Experten für Irrsinn, für die Seuchenforscher der Welt ist Weißrussland aber ein wunderbares Labor, um abzugleichen, was passiert, wenn man gegen Corona gar nichts tut. 
Anders liegt der Fall bei Südkorea. Die haben nur 3 Tote pro eine Million Menschen, das ist statistisch ein absoluter Spitzenwert. Nur China (2 Tote) liegt besser, und – Vorsicht! – Polen (0,8). Die dortigen Anti-Corona Maßnahmen werden allerorten als Vorbild genannt, allen voran von Gesundheitsminister Jens Spahn. Nur die Datenschützer sind nicht richtig happy – denn die Südkoreaner haben mit Massentests, Handy-Tracking und Isolierung Erkrankter die Epidemie zum Stillstand gebracht. Vor allem die letzten beiden Dinge will man bei uns angeblich nicht. Zugleich ist umfassendes Handy-Tracking der feuchte Traum aller Kontrollbesessen, die eine Total-Überwachung der Bevölkerung als Sicherheit verkaufen wollen. Aber im Zweifelsfall wird genau dies in den nächsten Wochen kommen, jetzt wo sogar der Best-Boy der Seuche, Christian Drosten gemeint hat, das wär’s überhaupt. 
Was gegen den südkoreanischen Weg angeführt wird, ist zweierlei: Erstens seien die Länder nicht vergleichbar, denn die Altersstruktur sei völlig anders. In Korea gäbe es weniger Alte, nur deshalb weniger Tote. Das Argument scheint nur halb überzeugend, denn es unterstützt ja all jene, die Ausgangsbeschränkungen und Massenschließungen der Geschäfte für übertrieben halten. Das zweite Argument: Die verflachte Infektionskurve werde in Korea bald wieder ansteigen, sobald die Kontrollen nachlassen.
Da können die Schweden einstweilen nur lachen. Denn der schwedische Weg ist die eigentliche Provokation der europäischen Seuchenpolitik. 
Wie die Schweden auch sonst sind – cool bleiben, Verstand anschalten – haben sie zwar Massenveranstaltungen über 500 Menschen verboten, und Hinweise für Abstandshaltung veröffentlicht, zugleich aber das öffentliche Leben nicht lahmgelegt. Ansonsten gibt es keine Vorschriften, sondern Vernunftappelle. Nach dem Motto: Vertrauen statt Verbote. Hier kann man mehr über den schwedischen Weg erfahren, entweder gewürzt mit typisch deutscher Bedenkenträgerei oder mit typisch britischer Neugier oder ein bisschen fassungslos mit Erklärungsversuchen, oder von den Schweden und von der von der schwedischen Regierung selbst. 
Wer das verurteilen will, sollte vorsichtig sein. Er könnte eine Chance verpassen. Denn es gibt auch hier keine einfachen Wahrheiten. Es ist zwar klar, dass die Zahl der Infizierten und Toten in Schweden noch stark zunehmen wird. Aber das wird sie auch bei uns. Entscheidend ist, wie und wann die Kurven stark abflachen.
Abgerechnet wird zum Schluss. 

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Brancheninfo von crew-united und cinearte, erschienen auf out-takes

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