CORONA Filmbrancheninfos #6

Das Filmfestival in Cannes ist offiziell abgesagt

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Das Coronavirus verbreitet sich weiter, die Gegenmaßnahmen sind ab heute bundesweit strenger geworden. Zugleich hat die Bundesregierung ihre Hilfspakete genauer vorgestellt. Und wir erweitern unsere Brancheninfos mit einem Blog: Der Filmjournalist Rüdiger Suchsland macht sich nun täglich zum Abschluss seine „Gedanken in der Pandemie“.

Das Festival von Cannes ist nun offiziell abgesagt oder vielleicht auch nur verschoben. 

An den Kleinigkeiten merkt man, dass die Welt sich trotzdem weiterdreht. Im Postfach lag heute zwischen vielen Antworten auf unsere Brancheninfos auch die übliche Viagra-Mail, vorigen Donnerstag wollte uns ein nigerianischer Prinz gleich mehrere Millionen Dollar überweisen. 

Die Bundesregierung hat sich gestern mit den Ländern beraten, ein milliardenschweres Hilfspaket beschlossen (siehe unten) und eine Kontaktsperre erlassen: Draußen nur noch zu zweit. Was drinnen vorgeht, bleibt noch jedem selbst überlassen. Bleibt zu hoffen, dass alle verstehen: „Draußen zu zweit“ heißt nicht, dass ich heute Jessica treffe, morgen Heinz und den Rest der Woche all die anderen, der Reihe nach … Bayern bleibt hingegen bei der angeblich schärferen Ausgangsbeschränkung. Ministerpräsident Markus Söder verteidigte heute morgen im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF sein Vorpreschen: Innerhalb Deutschlands sei „die Betroffenheit auch sehr unterschiedlich“, darum sei es nur natürlich, dass grenznahe Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und das Saarland früher Schutzmaßnahmen ergriffen hätten – das sei ja auch eine Stärke des Föderalismus.

„Wir schreiben diese Zeilen in einer Zeit größter Verunsicherung und Undurchsichtigkeit, einer Zeit, in der sich Affekte und Denken kaum noch trennen lassen, einer Zeit des Nicht-Wissens. Das einzige, was kollektives Nachdenken in diesen Zeiten stiften kann, ist vorläufige Orientierung. Es gibt keine letztgültigen Antworten, weder auf die Frage, was uns bevorsteht und was zu tun ist, noch auf die Frage, wie sich die politischen Prozesse dieser Tage beschreiben lassen.“ Die Wochenzeitung „Der Freitag“ wagt es trotzdem, denkt über die Krise und gewohnte Muster hinaus und an die Zukunft von Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft.

Kurz bevor das Virus über die Branche kam, war am 10. März der „Zweite Bayerische Kultur- und Kreativwirtschaftsbericht“ erschienen. „Eine Branche des Wachstums und der Vielfalt“, macht der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in seinem Grußwort aus, die „erheblich zu Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung, gerade im bayerischen Mittelstand“ beitrage. Weiter geht’s in Stichworten: „positive Entwicklung“ bei Zahl der Erwerbstätigen, Umsatz und Bruttowertschöpfung, „beeindruckend“ im Vergleich mit nationalen und internationalen Wettbewerbern. „Besonders erfreulich ist das deutliche Wachstum der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Gleichzeitig geht die Zahl geringfügig Beschäftigter zurück“, schrieb Aiwanger mit Bezug auf den ersten Bericht von 2012. „Die Kultur- und Kreativwirtschaft muss sich nicht mehr als Branche der prekären Beschäftigungsverhältnisse schelten lassen.“
Die Zahlen im Bericht belegen das nicht: 387.749 Erwerbstätige hatte die Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundeslands 2018. Davon arbeiteten 161.427 als Miniselbstständige (eine nettere Umschreibung für Kleinunternehmertum, das nur einmal jährlich Umsatzsteuer anmelden muss) oder Minijobber – rund 42 Prozent! Im Teilmarkt Film stellen die beiden Minis sogar 53,6 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse. Wir verweisen aus diesem Anlass noch einmal an die Kurzumfrage aus der ersten Brancheninfo zu den „Auswirkungen des Corona-Virus auf die Kultur- und Kreativwirtschaft“. Dauert nur vier Minuten.

„Unsere Mitglieder stehen vor dem Nichts“, sagt Silke Spahr, Geschäftsführerin des Bundesverbands Filmschnitt (BFS), im Interview mit Blickpunkt:Film. Filmeditoren würden durch die Coronakrise in eine ökonomische Katastrophe stürzen. „Anders als etwa bei Festangestellten brechen die Einnahmen der Freischaffenden in der Filmbranche nun völlig weg.“

Die Lage der Freiberufler im Animationsbereich schildert uns eine Betroffene in Stichworten: 
# Aufträge aus dem Designbereich brechen völlig ein. 
# Ateliers und Atelierplätze können nicht mehr bezahlt werden. 
# damit brechen auch Strukturen weg, weil oft Animationskollektive je nach Auftragslage zusammenarbeiten. 
# Auswertungsketten fertiger (Kurz-)Filme fallen weg, weil so viele Festivals ausfallen. Drei Jahre für die Schublade gearbeitet? Können die Filme nächstes Jahr gezeigt werden, oder werden die Festivals neu auswählen? 
# Wer längere künstlerische Animationsfilme macht, also bereits Förderung bekommen hat, kann gerade ganz gut weiter arbeiten. 
# Wer gerade einen Film fertig hat, hat ein Auswertungsproblem 
# Wer gerade Förderanträge laufen hat, blickt in völlige Ungewissheit: Sitzungen werden verschoben und damit Entscheidungen. Es herrscht Angst, dass es weniger Geld gibt.

„Wir kennen die Nöte, wir wissen um die Verzweiflung“: Am Freitag hatte die Kulturstaatsministerin (BKM) Monika Grütters einen „Rettungsschirm für den Kulturbereich“ versprochen, und zwar „so schnell und so unbürokratisch wie möglich!“ Heute ist er da und hat dreierlei im Blick: 
Bis zu 50 Milliarden Euro gibt es als finanzielle Soforthilfe in Form von Zuschüssen, mit der laufende Betriebskosten wie Mieten von Kinos, Musikclubs oder Künstlerateliers, aber auch Kredite für Betriebsräume oder Leasingraten bezahlt oder finanzielle Engpässe überbrückt werden können. Kleinstunternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten erhalten danach bis 9.000 Euro Einmalzahlung für drei Monate, bei bis zu zehn Beschäftigten bis 15.000 Euro. Für die persönliche Existenzsicherung werde Soloselbständigen der Zugang zur sozialen Grundsicherung erleichtert: Für die Dauer von sechs Monaten wird Vermögen „im wesentlichen“ nicht berücksichtigt, der Zugang zu Kinderzuschlägen erleichtert, die Aufwendungen für Wohnung und Heizung anerkannt. „Das heißt, jeder kann in seiner Wohnung bleiben“, teilt die BKM mit. Zudem würden Mieter*innen vor Kündigungen bewahrt, wenn sie aktuell Schwierigkeiten haben, ihre Miete vollständig zu bezahlen, sowie die Stundungsregeln für Darlehen „im Sinne der Schuldner“ verbessert.

Bereits zuvor hatte die Bundesregierung Hilfen beschlossen – neben dem Kurzarbeitergeld und steuerlichen Liquiditätshilfen auch „ein massives“ Kreditprogramm. Ab heute können betroffene Unternehmen bis hin zu Kleinstselbständigen die neuen Sonderkredite bei der KfW in Anspruch nehmen. Anträge hierzu können bereits jetzt über die Hausbank eingereicht werden. Die BKM will in ihrem Zuständigkeitsbereich auf Rückforderungen von Fördermitteln so weit wie möglich verzichten, wenn Veranstaltungen oder Projekte aufgrund der Pandemie nicht umgesetzt werden können. „Insbesondere die bestehenden Förderprogramme sollen mit Blick auf die aktuellen Bedürfnisse angepasst und geschärft werden.“

Klingt toll, ist gut, aber doch nur die Zusammenfassung dessen, was schon in der vorigen Woche bekannt gegeben wurde: Die erste Maßnahme stammt aus den Ministerien für Wirtschaft und für Arbeit und Soziales war schon vorige Woche angekündigt worden (da noch mit 40 statt 50 Millionen Euro) und ist auch nicht allein für den Kulturbereich gedacht, sondern für alle kleinen Unternehmen, Solo-Selbständigen und Angehörige der sogenannten Freien Berufe. Dazu gehören auch Ärzt*innen, Hebammen, Rechtsanwält*innen, Steuerberater*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Lehrer*innen und viele mehr. Heute hat das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes beschlossen, der den zweiten Punkt regelt. Einen Verzicht auf Rückforderungen (dritter Punkt) hatte die Filmförderungsanstalt bereits am Freitag in Aussicht gestellt. 

Sicherheit in der drängendsten Frage bietet die BKM nicht. Nach wie vor müssen Produzent*innen selbst einschätzen, ob sie weiterdrehen können oder nicht. Eine Fürsorgepflicht als Arbeitgeber ist ihnen in mehrere Gesetze geschrieben – sie dürfen ihre Beschäftigten nicht in Gefahr bringen und müssen für sichere Arbeitsbedingungen sorgen. Sollten sie diese aber als unsicher oder gar gefährlich betrachten und deshalb Dreharbeiten aus eigener Abwägung abbrechen, sind sie nicht über das Infektionsschutzgesetz abgesichert. Auch aus den neuen Regierungsmaßnahmen ist da keine Änderung herauszulesen. 
Zwar hat der FFF Bayern vergangenen Mittwoch erklärt, dass Unterbrechung, Verschiebung oder Abbruch der Dreharbeiten bis zum 19. April 2020 „keine negativen Auswirkungen auf erteilte Förderzusagen“ haben, doch nur, wenn es eine entsprechende „behördliche Ordnungsmaßnahme“ gibt.
Für die Kollegen in der elektronischen Berichterstattung gilt womöglich bald sogar das Gegenteil. Die Presseerklärung der BKM: „Um die informationelle Grundversorgung der Bevölkerung weiterhin sicherzustellen, setzt sich die BKM innerhalb der Bundesregierung und gegenüber den Ländern mit Nachdruck dafür ein, Medienunternehmen einschließlich ihres Vertriebs als anerkannte kritische Infrastrukturen von zwingenden Betriebsschließungen auszunehmen. Die für den journalistischen Betrieb notwendigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen außerdem zum unabkömmlichen Personal der kritischen Infrastrukturen gezählt werden, um ihnen zum Beispiel Notbetreuung für ihre Kinder zu ermöglichen.“ 
Anmerkung: Der Begriff „Medienunternehmen“ wird hier generell verwendet, ohne die Einschränkung auf journalistische Inhalte.

Netflix hatte derweil am Freitag 100 Millionen US-Dollar angekündigt, mit denen die „am schwersten betroffenen Crew-Mitglieder“ seiner Eigenproduktionen rund um die Welt unterstützt werden sollen. 15 Millionen davon sind für Dritte und Non-Profit-Organisationen vorgesehen, die Nothilfen für entlassene Crews und Casts vorgesehen sind, betreiben. Das gelte allerdings nur für die großen Produktionsländer des Streamingdienstes. Europa gehört als Region dazu, man arbeite mit Organisationen vor Ort zusammen. Details sollen im Laufe der Woche bekanntgegeben werden.

Als Corona-Hilfe für die Programmkinos in Berlin-Brandenburg will das Medienboard die diesjährigen Kinoprogrammpreisprämien „auf ca. 1,1 Millionen Euro mehr als verdoppeln“. Zusätzlich erhalten alle 61 Kinos im Gebiet der Filmförderung, die sich dieses Jahr beworben haben, eine Soforthilfe in Höhe von 10.000 Euro. Für Kinos, die einen Preis erhalten, wird diese Hilfe zur Hälfte auf das Preisgeld angerechnet. Die Betreiber*innen werden umgehend kontaktiert, teilt das Medienboard mit. Das Geld könne sofort danach abgerufen werden.

Corona-Informationen bietet auch die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok). Sie hat zudem auch einen Briefkasten eingerichtet, und „berufsspezifische Bedarfe“ zu erfassen und bittet Betroffene um möglichst konkrete Angaben und Lösungsvorschläge.

Meldungen vom Set. Wir beginnen mit einer Richtigstellung. Am Freitag hatten wir gemeldet: „Bei uns wurde gestern der Dreh zu ,Dreiraumwohnung’ der Wiedemann & Berg Television abgebrochen. Uns wurde vor dem Abbruch zugesichert, dass wir den Lohn bis Vertragsende mit Urlaub bekommen. Abends kam dann die Aufforderung zur Zustimmung der Kurzarbeit! (…) Das Gleiche ist bei der Zeitsprung Entertainment passiert.“

Der letzte Satz sei nicht richtig, schreibt uns der Produktionsleiter Florian Holzapfel: „Ich weiß nicht, wo solch eine Info herkommt. Es interessiert mich auch nicht wirklich. Aber es wurde nicht in dieser Weise damit umgegangen, wie es dort beschrieben wird. In der ersten Phase nach dem Abbruch am Dienstag, 17. März, waren drei (noch intern zu diskutierende) Modelle (für jede*n unserer Mitarbeiter*innen übrigens zur Auswahl) in der Überlegung. Ich habe dann als zuständiger PL angefangen, die Kolleg*innen über die firmen-internen Überlegungen zu informieren, und dass sich bitte jede*r Gedanken machen solle, inwiefern er*sie die Firma ebenfalls durch Überlegungen in Richtung Kurzarbeit zu unterstützen vermag. Wir haben dann in unserer (ich nenne es mal ganz gerührt) ,Zeitsprung-Familie’ eine fast 100-prozentige Solidarität des Teams erlebt. Fast jede*r war und ist bereit, diese Firma zu unterstützen. Natürlich hoffen alle auch, dass seinerseits die Firma alles ihr erdenklich Mögliche tut, dass auch wir Filmschaffende irgendwie ,gerettet’ werden. 
Am 18. März haben dann unsere beiden Produzenten die Kurzarbeit ,angeordnet’. Aber jede*r unserer Mitarbeiter*innen weiß, dass dies nicht zwangsläufig unterschrieben werden muss, sondern dass nur diejenigen mitgehen möchten, die sich der Firma Zeitsprung beziehungsweise den Produzenten gegenüber solidarisch zeigen müssen (und es auch können angesichts ihrer eigenen Situation) unter dem Motto ,Gemeinsam schaffen wir es hoffentlich bald, diese Krise zu überstehen!’ Keine*r wurde hierzu gezwungen!

Und darüber hinaus wundere ich mich sehr, dass in solch einem Falle nicht mal bei der Firma Zeitsprung (übrigens Zeitsprung Pictures und nicht Zeitsprung Entertainment) oder mir als zuständigem PL nachgefragt wird. Diese Berichterstattung halte ich in dem Falle für wenig seriös. Und ich werde traurigerweise durch diese Äußerungen ebenfalls als zuständiger PL mit angegriffen beziehungsweise wird mir unseriöses Verhalten nachgesagt. Wer mich und meine Arbeit kennt, weiß, dass ich immer im Sinne der gemeinsamen Film-Familie für beide Seiten tätig war und bin! Schade, dass dieses Image durch solch eine Meldung von Euch an quasi alle Filmschaffenden leider angekratzt wird. Mal ganz davon ab, dass ich seit Wochen heute endlich mal einen freien Tag habe! Und dann muss ich zu sowas Stellung nehmen, damit dies nicht in der vermutlich bald folgenden Mail zum Thema Corona Brancheninfos mir oder irgendeiner*m meiner Kolleg*innen auch widerfährt. Ich wünsche uns allen die Zeit, um mal kurz Luft zu holen, um dann kluge, abgesicherte und branchen-orientierte Lösungen auszurufen, die uns allen helfen! Wir haben alle Angst um die kommenden Monate! Sowohl die Produzenten, als auch die Filmschaffenden! Vielleicht wäre jetzt endlich mal die Zeit, die Auftraggeber, Sender und verantwortlichen Entscheider hier in die Pflicht zu nehmen!“ 

Wir bedauern, wenn hier ein falscher Eindruck vermittelt wurde, und bitte Florian Holzapfel dafür um Entschuldigung. Auf solche Fehler (und deren Richtigstellung) sind die Set-Meldungen zwar angelegt, um als „work-in-progress“ allmählich einen Überblick zu schaffen, aber nicht einzelne Filmschaffende oder Berufsgruppen an den Pranger stellen.

Die Unsicherheit ist groß, die Meldungen widersprüchlich und Produktionsfirmen, die wir angesprochen haben, können oder wollen sich zurzeit nicht äußern oder sind gar nicht zu erreichen. Das ist verständlich, doch somit sind die Set-Meldungen zur Zeit die einzigen direkten Zeugnisse, die wir haben. Dass dies ein Behelf ist und wir die Auskunft einzelner Filmschaffender nicht immer überprüfen konnten, haben wir vorangestellt. Und: »Weil Entscheidungen in der Krise kurzfristig gefällt werden, kann sich die Situation in den beschriebenen Fällen bei Erscheinen dieser Aufstellung bereits geändert haben. Wir haben deshalb jeweils den Stand unserer Information angegeben.«

Unabhängig davon werden wir heute und morgen keine Set-Meldungen veröffentlichen. Uns erreichten wieder Nachrichten über vorbildliches bis eher nicht ganz so erfreuliches Verhalten, doch haben zum Ende der Woche mehrere Projekte unterbrochen und der Stand ist nicht immer aktuell. Wir wollen bis Mittwoch abwarten, ob und wie sich die neuen Bestimmungen der Bundesregierung auswirken. Bitte halten Sie uns weiterhin auf dem Laufenden.

Und zum Abschluss für heute gibt’s noch etwas Neues: 

Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie. Rüdiger Suchsland ergänzt in seinem Blog unsere täglichen CORONA Brancheninfos durch Medienbeobachtungen und Tages-Tipps, Seitenblicke auf Film und andere Künste, Politik und Wissenschaft.

„Sie dürfen das natürlich fragen, aber finden Sie das wirklich angemessen?“
Medienversagen am Beispiel „Anne Will“.

Willkommen zu diesem neuen, bis auf weiteres täglichen Blog. Er soll die wichtigen täglichen Corona-Brancheninfos durch Medienbeobachtungen und Tages-Tips ergänzen, durch Seitenblicke auf Film und andere Künste, Politik und Wissenschaft – kurz den öffentlichen Diskurs in Zeiten von Corona. Bis auf Weiteres soll er während der auferlegten Einschränkungen unseres öffentlichen Lebens die Sinne schärfen, den Verstand bewegen, irritieren, anregen und unterhalten. 
Wir nennen diesen Blog „Apokalyptiker & Integrierte“. Dieser Titel ist eine Verbeugung vor dem gleichnamigen Essayband von Umberto Eco, zuerst 1964 in Italien erschienen, auf Deutsch erstmals 1984 bei S. Fischer in Frankfurt. Zur Zeit ist er leider beim Verlag vergriffen. Eco nannte sein Buch im Untertitel „Zur kritischen Kritik der Massenkultur“. Diese Stoßrichtung soll uns ebenso leiten, wie Ecos optimistisch-freiheitliche Gesinnung, seine Lust an Modernität und seine unbedingte Entschlossenheit, den Dingen ins Auge zu sehen.

Die Sendung „Anne Will“ gehört zu den sonntäglichen Fernsehritualen, und sei es nur, weil man es nicht schafft, nach dem „Tatort“ schnell genug wegzuschalten. Schon bei „Pegida“ und dem Aufstieg der Rechtsextremen versagte das Schlachtschiff der ARD-Talk-Shows. Während das ZDF-Pendant „Maybrit Illner“ nicht nur politisch wachsamer ist und schärfer moderiert, etwa unterbricht, wenn die Gäste ins Schwafeln kommen, und nicht (wie Anne Will), weil ihr die Meinungen gerade nicht passen, gelingt es sogar dem vermeintlich „unpolitischen“ „Markus Lanz“ eine Talk-Show zu machen, die extrem politisch ist in der Weise, in der dort gefragt wird, in der Themen gesetzt und Gäste komponiert werden, oder auch, wen man überhaupt einlädt. In der augenblicklichen Corona-Krise, in der die Medien mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert sind (dazu bald mehr), versagt „Anne Will“ exemplarisch, und führt zumindest die ARD an die Grenze ihrer Fähigkeiten. 
Es fehlt der Moderatorin gleichermaßen an Instinkt für die richtige Gelegenheit, wie an Neugier auf ihre Gäste, wie an der Fähigkeit, spontane Fragen zu stellen, die gut genug sind, um Menschen aus der Reserve zu locken, oder um das zu repräsentieren, was das Publikum wissen will.

Die Grundfrage ist die, als was sich die Sendung selbst versteht: Ist man plötzlich ein Servicekanal, der „die wichtigen Fragen zu Corona“ bündeln und Experten präsentieren will? Oder geht es um kontroverse Debatten, um das, was man mal „Streitkultur“ nannte? Wenn eins davon das Ziel sein sollte, dann war die Sendung vom Sonntag ein einziges Medienversagen: Kein einziger Skeptiker der staatlichen Maßnahmen (von einem Kritiker ganz zu schweigen) wurde eingeladen. Stattdessen hatte man nicht weniger als drei Politiker der Union zusammengesetzt – dagegen keinen von den Oppositionsparteien. Und selbst ein Alibi-Sozialdemokrat fehlte. 
Wo ist die demokratische Opposition in der Coronakrise? Ist sie tatsächlich abgetaucht, oder kommen sie nur in den öffentlich-rechtlichen Medien zur Zeit nicht zu Wort, weil diese gerade auf Verlautbarungsmodus umgeschaltet haben, und alles, was die Regierenden beschließen, mit der Loyalität eines Regierungssprechers dem Volke schmackhaft machen möchten?

Für Streit sorgte allenfalls die Moderatorin selber: Ausgerechnet eine Moderatorin, die gerne beklagt, die Politik drehe sich nur um sich selbst, fragt nichts zur Sache der gerade verkündeten Verschärfung des Ausnahmezustands, sondern stellt ihre erste Frage wieder einmal danach, ob die Politiker sich „heute gestritten“ haben! Abgesehen davon, dass man aufschreien möchte: „Hoffentlich haben sie das!“
Die richtige Antwort gibt Markus Söder: „Sie dürfen das natürlich fragen, aber finden Sie das wirklich angemessen?“ lautet seine rhetorische Gegenfrage. 
Was folgte, war viel Sinnloses (ob „die Kanzlerin alles richtig gemacht“ hat, wird erst die Geschichte zeigen) und ein allmähliches Heranrobben an die wirklich längerfristig zentralen Fragen dieser Krise: Wie lange wird es dauern? Die gesetzten 14 Tage bis vier Wochen sind schon jetzt Makulatur. Die Braunschweiger Virologie-Professorin Melanie Brinkmann sagte, der Fokus müsse jetzt auf dem Ziel liegen, vor allem Risikogruppen vor Ansteckung zu schützen. Damit nähert sie sich bereits auf Samtpfoten jener britischen Position, die die deutsche Öffentlichkeit noch vor Wochenfrist unisono als zynisch verdammt hatte.

Die zweite wirklich ernste Frage des Abends war die, ob die gesundheitlichen oder die wirtschaftlichen Folgen für uns alle gravierender sein werden. Die halbe Antwort kam von Kanzleramtschef Hege Braun: „Es wird nicht ohne Bitternis abgehen.“

Rüdiger Suchsland ist Kritiker und Filmemacher, „Cultural Activist“ und Redakteur beim Münchner Filmmagazin „artechock“. Seine Kolumne „Cinema Moralia“ erscheint auch regelmäßig auf out-takes.de.

Brancheninfo von crew-united und cinearte, erschienen auf out-takes

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