Das Kreuz mit der PID – Interview mit Martin Lohmann

Über kaum ein Thema wird in den letzten Jahren so intensiv und so kontrovers diskutiert wie über die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID). Philosophen wie Robert Spaemann, Ludger Honnefelder, aber auch Juristen wie Ernst-Wolfgang Böckenförde und Josef Issensee treten mit allem Nachdruck für ein generelles Verbot einer Selektion im Achzellkernstadium ein. Andererseits gibt es eine breite Front von PID-Befürwortern, zu denen beispielsweise Julian Nida-Rümelin und der australische Philosoph Peter Singer zählen, aber auch Jürgen Habermas sprach sich vor über zehn Jahren bereits für eine begrenzte Zulassung aus. Die evangelische Kirche in Deutschland zieht die Grenzen bei diesem Thema nicht so eng, woran liegt das?

Martin Lohmann: In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass in den evangelischen Kirchen die klare Position zum unbedingten Lebensschutz nicht mehr so selbstverständlich zu sein scheint wie noch vor einigen Jahren. Ein von Katholiken und Protestanten vor einigen Jahrzehnten gemeinsam herausgegebenes Dokument mit dem Titel „Gott ist ein Freund des Lebens“ wäre heute wohl kaum so denkbar. Leider. Schade. Ich bedauere das sehr. Denn eigentlich müssten sich alle Christen darin einig sein, dass der Lebensschutz weder logische noch ökumenische Probleme mit sich bringt. Das Lebensrecht eines jeden Menschen ist vom Beginn bis zu seinem natürlichen irdischen Ende weder teilbar noch abstufbar. Es gilt ganz. Ohne Wenn und Aber. Es ist vorgegeben, kommt von Gott und entzieht sich menschlichem Zugriff. Oder auch menschlichem Übergriff.
Damit aber hier kein falscher Eindruck entsteht: Trotz der vielfach wahrnehmbaren Unsicherheit in den evangelischen Kirchen gibt es sehr viele evangelische Christen, die sehr eindeutig und deutlich für die Unantastbarkeit des Lebensrechtes und der Menschenwürde eintreten. Ich bin zum Beispiel als Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht sehr froh und dankbar für die ungezählten Freunde aus den evangelischen Kirchen und aus den Freikirchen, die hier mutig und überzeugt Position für das Leben und seinen Schutz beziehen.
Hartmut Steeb zum Beispiel, der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, hat erst jetzt wieder sehr deutlich die Abgeordneten des Bundestages unmissverständlich aufgefordert, sich uneingeschränkt für das nicht an Bedingungen geknüpfte Lebensrecht eines jeden Menschen einzusetzen. Steeb steht hier für sehr viele überzeugte evangelische Christen.
Gestatten Sie mir aber eine Anmerkung zu einer Formulierung in Ihrer Frage: Wenn Sie nun von einem Achtzellstadium sprechen, dann wird damit etwas transportiert, das dem Ernst der Angelegenheit nicht ganz gerecht wird. Denn wir wissen, dass mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle der neue Mensch beginnt und bereits alle, ich betone: alle Informationen des neuen Menschen vorhanden sind, sind aber „nur“ noch entfalten müssen. Es ist also kein werdendes, sondern immer wachsendes menschliches Leben. Darum geht es also: Wir reden hier von Menschen, nicht von Zellhaufen. Aus diesen ist niemals etwas anderes sichtbar geworden als eben ein Mensch. Deshalb verlangt die Logik jedes Nein zur Selektion und jedes Ja zum Leben.
Warum das in den evangelischen Kirchen weniger deutlich gesehen zu werden scheint als in der katholischen Kirche mit ihrem erkennbaren Lehramt, müssten Sie eigentlich andere fragen. Ich jedenfalls bleibe dabei, dass wir dringend ein vernehmbares gemeinsames Zeugnis aller Christen für etwas eigentlich christlich Normales brauchen: für die Unantastbarkeit der Heiligkeit des Lebens, die von Anfang an gilt.

Für die katholische Kirche verbietet sich – begründet durch die Heiligkeit des Lebens, die Geschöpflichkeit des Menschen und durch seine Gottesebenbildlichkeit – aus ethisch-moralischen sowie aus theologisch-metaphysischen Gründen eine PID. Ist die katholische Kirche damit unmodern?


Martin Lohmann
: Nein, garantiert nicht. Sie handelt und redet vielleicht in diesen Fragen nicht immer politisch korrekt, aber dennoch bleibt die Logik des Lebens korrekt. Logik und Menschenwürde sind keine Frage von modern oder unmodern. Sie sind eine Frage von richtig oder falsch und, mehr noch, von gut oder böse. Der Kirchenstifter und Gottessohn Jesus Christus, nach dem sich die Christen benennen, bleibt unser Maßstab. Und der hat ebenfalls bekanntlich nicht nach dem gefragt, was damals gerade modern war. Er hat uns vielmehr den Schlüssel zur Wahrheit gegeben. Und der Kirche ist der Auftrag gegeben, die Wahrheit zu verkünden – ob gelegen oder nicht. Will sagen: ob modern oder nicht. Die Kirche hat sich nicht an Umfragen zu orientieren, sondern an Christus. So gesehen bleibt sie dann immer irgendwie modern, obwohl modern kein theologischer oder kirchlicher Begriff ist. Ihre Verkündigung muss wahr bleiben. Wenn Sie so wollen: Wer die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die übrigens der Nagel ist, an dem unser Grundgesetz hängt, verteidigt und an die Unverletzlichkeit des Lebensrechtes erinnert, handelt letztlich immer modern.

Warum kann ein genetischer Defekt eines Embryos nicht der Grund für eine PID sein?


Martin Lohmann:
Weil die Würde des Menschen und sein Lebensrecht nicht vom Grad der Gesundheit abhängt, sondern durch die Ebenbildlichkeit und die Geschöpflichkeit des Menschen von oben gegeben ist und daher nicht abgestuft werden kann. Es darf keine Selektion geben, ebenso, wie es keine Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse gibt. Wir haben kein Recht auf Töten, es gibt aber sehr wohl ein Recht auf Leben.

Gibt es eine „Heiligung der Behinderung“, kann man ein Leben mit schwerer Behinderung christlich verantworten, wenn man weiß, dass bei einer vorausgegangenen PID möglicherweise diese Behinderung erkannt und der Embryo vernichtet worden wäre, das Leben in dieser Form also nicht Wirklichkeit geworden wäre? Oft wird ja argumentiert, dass eine PID nicht nur der Würde und Unantastbarkeit des Lebens widerspricht, sondern dass der Wert des Menschen als „Zweck an sich selbst“ in Frage gestellt wird. Kann ein Mensch mit schwersten Behinderungen in unserer modernen Gesellschaft, wo Tod und Behinderung zunehmend verdrängt werden, ein würdevolles Dasein führen?


Martin Lohmann:
Das ist eine Herausforderung an uns alle, Leben nicht abzuwerten, sondern stets wertzuschätzen. Eine Gesellschaft, die Tod und Behinderung, welche übrigens ja auch später durch einen Unfall oder eine Krankheit entstehen kann, verdrängt, verwirkt das Siegel der Humanität. Wir wären ziemlich dekadent, wenn wir nur noch Glanz und Perfektion zulassen und als vollwertig erkennen würden. Vor Gott ist jeder Mensch, in Worten: jeder Mensch!, wertvoll und voller Würde. Aus christlicher Sicht kann und darf es daher keine Minderwertigkeit geben. Ach ja: Selbst unsere Verfassung macht keine Einschränkung und setzt in Artikel 1 gleichsam dogmatisch fest: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Punkt. Des Menschen – heißt es da. Nicht: des gesunden und jungen, des erfolgreichen oder des gerade passenden Menschen. Nein, schlicht und ergreifend heißt es da: des Menschen. Und das ist auch sehr gut so!

Was spricht gegen eine – wie von einigen Mitgliedern des Bundestages befürwortet – wirklich begrenzte Zulassung der PID für behinderte Eltern mit Kinderwunsch?


Martin Lohmann
: Ich weiß, dass das eine sehr schwierige Frage ist. Für die Betroffenen allemal. Aber auch sie sprengt die Logik des Lebens und der damit gegebenen Verantwortung schließlich nicht. Wenn es neues menschliches Leben gibt, muss es beschützt und behütet werden, und es darf auf keinen Fall selektiert und getötet werden. Jedes menschliche Tun hat Konsequenzen und verlangt nach positiver Verantwortung. Wer also ahnt oder weiß, dass er die Verantwortung einer möglichen Handlung eventuell nicht tragen kann, sollte sich vor der Zeugung eines neuen Menschen überlegen, was er tut. Vorher kann man Nein sagen, sobald der neue Mensch entstanden ist, gibt es eine Pflicht zur Verantwortung für dieses Leben. Und noch etwas: Es gibt kein Recht auf ein Kind. Ist dieses aber entstanden, hat es ein Recht auf Leben und Schutz.

Wenn man die PID verbietet, bedeutet dies ja nicht, dass spätere Behinderungen in der Schwangerschaft auftreten können, die dann oft zu einer Spätabtreibung führen, die gesetzlich nicht verboten ist. Warum also die PID erlauben und die gängige Praxis des Schwangerschaftsabbruchs nicht? Ist das nicht logisch inkonsequent?


Martin Lohmann:
Sie sprechen einen heiklen Punkt an. In der Tat gilt die von mir genannte und markierte Logik ganz und immer. Man sollte also eine in sich unlogische gesetzliche Regelung nicht zum Maßstab nehmen, sondern umgekehrt: Das Ja zum Leben muss der Maßstab sein! Und ein Menschenrecht auf Abtreibung, was immer die Tötung eines noch nicht geborenen Menschen ist, darf und kann es niemals geben – auch wenn verwirrte Leute dies schon gefordert haben oder fordern.

Herr Lohmann, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Das Kreuz mit dem C“ geschrieben und beschäftigen sich darin mit dem christlichen Wertebild in den Unionsparteien, eine der vielen Fragen lautet dabei: Wie christlich ist die Union? Nun votieren einige Unionsmitglieder, beispielsweise die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, für eine begrenzte Zulassung der PID. Was bedeuten solche Argumentationen für das Werteprogramm einer christlichen Partei? Steht sie damit vor dem Ausverkauf?


Martin Lohmann
: Oh je, jetzt machen Sie aber ein großes Fass auf. Wir haben mit dem Arbeitskreis Engagierter Katholiken AEK in der CDU, der in der Folge meines von Ihnen erwähnten Buches entstanden ist, gegen alle Widerstände aus der Parteiführung versucht, einige katholische Überzeugungen in ökumenischem Geist in dieser Partei wieder zu erwecken und von einer durch Vergessen und Verdrängen entstandenen Staubschicht zu befreien. Inzwischen wird über alle diese Themen zum Glück wieder lebhaft innerhalb der CDU diskutiert. Andererseits wächst die nicht unbegründete Sorge, dass sich die Union aus welchen Gründen auch immer fahrlässig ihres Markenkerns beraubt und man sehenden Auges in Kauf zu nehmen scheint, bald unverkennbar unerkennbar zu sein. Ich hätte so gerne Unrecht mit dem, was ich in meinem Buch damals befürchtet habe: dass die Union in ein riesiges programmatisches Nichts fallen könnte und ihren mit dem C verbundenen Mehrwert leichtsinnig verschleudert. Nun fürchte ich, dass ich mit meinen Befürchtungen vielleicht Recht behalten könnte. Das aber wäre fatal. Und tragisch. Denn eigentlich steckt in der CDU viel mehr Zukunftsmusik und Profil, als das zurzeit zugelassen und erkannt wird. Wenn man nicht mehr erkennt, was die CDU unterscheidet oder unterscheiden könnte, wenn man sein eigenes Profil verrät, dann muss und darf man sich nicht wundern, wenn es zum billigen Ausverkauf kommt. Deshalb hoffe ich nach wie vor inständig auf mentales Erwachen im Adenauerhaus. Nicht nur ich bleibe von der Einzigartigkeit, der Notwendigkeit und dem humanen Mehrwert einer Politik aus christlicher Verantwortung überzeugt.

Martin Lohmann ist katholischer Publizist, Theologe und Historiker. Er arbeitet als Verlagsleiter der Kölner Kirchenzeitungsverlages Bachem Medien und ist ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht BVL. Zudem ist er Sprecher des von ihm initiierten und mitbegründeten Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU.

Die Fragen stellte Dr. Stefan Groß

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Über Martin Lohmann 31 Artikel
Martin Lohmann studierte Geschichte, Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften in Bonn. Er war Redakteur der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur", Ressortleiter "Christ und Welt", stellv. Chefredakteur des "Rheinischen Merkur", Chefredakteur der Rhein-Zeitung und Moderator der Livesendung "Münchner Runde" von 1996-2002.

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