Das Unerklärliche und Unverstandene ist es, das unsere Blicke auf sich lenkt

„Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was vielleicht mehr wert ist, als Honig und Wachs: Sie lenken seinen Sinn auf den heiteren Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den Zauber der schönen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteil haben, verknüpft sich in der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen und Sommerlust. Sie sind die eigentliche Seele des Sommers, die Uhr der Stunden des Überflusses, der schnelle Flügel der aufsteigenden Düfte, der Geist und Sinn des strömenden Lichts, das Lied der sich dehnenden, ruhenden Luft, und ihr Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der tausend kleinen Freuden, die von der Wärme erzeugt sind und im Licht leben.“
Von Urbeginn an hat dieses kleine, seltsame Gesellschaftstier mit seinen komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken die Wissbegier der Menschen gefesselt. Schon Aristoteles, Plinius oder Virgil haben sich mit ihm beschäftigt. So auch der belgische Autor und Literaturnobelpreisträger (1911) Maurice Maeterlinck, aus dessen wunderbarem Buch „Das Leben der Bienen“ die zitierten Zeilen stammen.

Das vorliegende schmale, aber großformatige Buch ist gleichfalls beredtes Zeugnis davon: eine wundervolle Hommage an diese kleinen, intelligenten Sommergesellen. Nicht um neueste wissenschaftliche Erkenntnisse geht es den Autoren, sondern um das Wecken des Interesses an diesen Lebewesen, von denen Albert Einstein einmal meinte: „Wenn die Bienen aussterben, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Keine Bienen – keine Blütenbestäubung – keine Pflanzen – keine Tiere – keine Menschen. Zudem scheint seit einigen Jahrzehnten ein weltweites Bienensterben einzusetzen. „Allein in Deutschland überlebt derzeit ein Drittel – 300 000 von rund einer Million Völkern – den Winter nicht.“ In den USA sieht es nicht besser aus, von Ländern wie China ganz zu schweigen. Dort setzt man in einigen Provinzen gar menschliche Bestäuberinnen ein, wie man in dem mehrfach preis­gekrönten Dokumentarfilm „More Than Honey“ des Schweizer Filmemachers Markus Imhoof mit Erschrecken sehen konnte. Der missbräuchliche Einsatz von Pestiziden schlägt zurück.

„Makrokosmos Honigbiene“ öffnet die Augen für diese zarte Stimme der Natur. Mit kurzen, aber äußerst informativen Texten über Leben und Arbeit der Bestäuber, Architekten, Brüter und unermüdlichen Arbeiter wird dem Leser ein hochinteressanter Einblick in das Bienenleben geboten. Den entscheidenden Anteil nehmen jedoch unzweifelhaft die fantastischen, zuweilen gar doppelseitigen Makroaufnahmen von Heidi und Hans-Jürgen Koch ein. Das in Berlin lebende Ehepaar, das sich nach eigenen Angaben zum „being on the wild side of life“ bekennt und seit elf Jahren fotografiert, hat grandiose Momente eingefangen. Ihre Fotos lassen es förmlich vor dem geistigen Auge summen. Ganz nah dran sind sie, wenn neue Waben gebaut werden, die Brut gefüttert oder mit den Flügeln als lebende Klimaanlage gefächelt wird. Sie sehen dem Schlüpfen von Drohnen zu, fangen den Glanz des goldgelben Honigs ein und schlängeln sich gemeinsam mit hunderten Bienen durch die Wabengassen. Ihr Können und wahrscheinlich unendliche Ausdauer sind auf jeder Seite spür- und sichtbar. Dass das Ehepaar mit international renommierten Preisen – u. a. BBC Wildlife Photographer of the Year; World Press Photo und Lead Award – ausgezeichnet worden ist, sei nur am Rand erwähnt. Ihre Fotos sind beredtes Zeugnis davon.

Fazit: Claus-Peter Lieckfeld, Heidi und Hans-Jürgen Koch öffnen dem Leser und Betrachter dieses Buches die Augen voll Bewunderung für dieses „kleine seltsame Gesellschaftstier mit seinen komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken“ (M. Maeterlinck). Denn: „Nichts ist heilsamer, als sie zu öffnen.“

Claus-Peter Lieckfeld, Heidi und Hans-Jürgen Koch
Makrokosmos Honigbiene
Dölling und Galitz Verlag (November 2013)
80 Seiten, Broschur
ISBN-10: 3862180573
ISBN-13: 978-3862180578
Preis: 19,90 EUR

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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