Das Wunder von Halle (Saale)

Jüdisches Denkmal in München, Foto: Stefan Groß

Jom Kippur 5780 (9. Oktober 2019), das Versöhnungsfest der Juden weltweit, wird bei den Juden Deutschlands fest in Erinnerung bleiben. An diesem Tag beschließt ein gewalttätiger deutscher Rechtsextremist die Synagoge von Halle (Saale) zu stürmen und so viele Juden wie möglich zu ermorden. Über 50 Juden sollen sich im Gebetsraum eingefunden haben.

Der Plan misslingt und so tötet der Rechtsextremist zwei zufällige nicht-jüdische Passanten und verwundet zwei weitere, bevor er endlich von der Polizei gefasst wird.

Die ruchlose Tat misslingt, weil die Juden vorgesorgt haben. Sie verbarrikadieren sich in der Synagoge. Dem Attentäter gelingt es trotz ausreichender Menge Waffen und Sprengstoff nicht, in das Gotteshaus einzudringen. Eine ständige Bewachung durch die Polizei, wie sie andernorts in Deutschland oft während jüdischer Feiertage erfolgt, ist im ausgepowerten Osten der Republik mangels Geld nicht üblich. Die Polizei erscheint erst, nachdem der Attentäter die Belagerung der Synagoge aufgegeben hatte.

Nach jüdischem Verständnis handelt es sich um ein Wunder. Trotz massiver Waffengewalt und fehlenden Polizeischutz wird keinem der Betenden ein Leid angetan. Alle Juden sollen Gott danken, dass Er sie errettet hat. Stattdessen beschimpft der oberste politische (nicht religiöse) Jude die Polizei öffentlichkeitswirksam, dass sie nicht schneller eingetroffen ist, ja überhaupt, dass sie nicht ständig vor allen Synagogen Deutschlands Wache hält. Nun gut: ein politischer Jude, auch wenn gewählt, muss nicht an Gott, schon gar nicht an Wunder glauben. Irgendwie erinnert er an den Schammes (Synagogendiener), der die Juden beim Beten über Bänke hinweg laut beschimpft, weil sie nicht seinen Anordnungen folgen. Dafür singt der Schammes laut und falsch.

Anschläge auf Synagogen im deutschsprachigen Raum kommen sporadisch vor.

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Anschlägen_auf_Juden_und_jüdische_Einrichtungen_im_deutschsprachigen_Raum_nach_1945

Wäre der Anschlag in Halle gelungen, dann wäre er wohl der schlimmste Anschlag in Deutschland nach 1938 gewesen. Doch der Anschlag ist missglückt! Angriffe auf jüdisches Leben in Deutschland sind mannigfaltig. Auf der einen Seite: Mord, Zerstörung, Brand, meist durch unintelligente Neonazis ausgeführt, auf der anderen Seite: Hetze, Leserbriefe, Demonstrationen, meist von Mitgliedern der deutschen Intelligenz und von in Deutschland lebenden Muslimen, die sich für fortschrittlich und links halten. Objektiv betrachtet handelt es sich auf beiden Seiten um Nazismus.

Was gefährlicher ist, mag jeder selber entscheiden. Kleine Hilfestellung: Hitler hat niemals eigenhändig einen Juden ermordet.

Hierzu passt eine wahre Geschichte, die sich derzeit in Aachen abspielt. Der Verein der Freunde des Ludwig Forums soll am kommenden Sonntag, 13. Oktober 2019, den Aachener Kunstpreis an den libanesisch-amerikanischen Fotografen Walid Raad verleihen, der ein bekennender Israelhasser ist. Die Stadt Aachen hat sich in diesem Jahr von der Preisverleihung distanziert und zudem keine städtischen Räume zur Verfügung gestellt, weil Raad die antiisraelische Bewegung BDS unterstützt (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen ausschließlich gegen den Judenstaat Israel). Selbst der Bundestag hat diese international agierende BDS-Hetzorganisation als antisemitisch gebrandmarkt. Zudem erscheinen in der Aachener Zeitung vier Leserbriefe, die die den BDS verteidigen.

Frage: Wie verhalten sich derartige Leserbriefe zu dem Attentat in Halle?
Antwort: Wie das Wort zur Tat.

Frage: Warum veröffentlicht die Redaktion der AZ solche Leserbriefe?
Antwort: Weil sie ehrlich ist.

Die judenhetzerische Veranstaltung findet in einem teuren Hotel ganz in der Nähe der Aachener Synagoge statt. Dieses Mal steht die Überlegung im Raum, ob nicht wegen der aktuellen Situation in Halle eine polizeiliche Überwachung der Preisverleihung notwendig wäre. Am Besten sollte die Preisverleihung in der Synagoge zu Aachen stattfinden, wo die NRW-Polizei schon seit Jahren mutig und erfolgreich Präsenz zeigt. Davon profitiert auch die Umgebung, wo viele Immigranten muslimischen Glaubens leben.

Folgende Zitate entstammen zum Teil der AZ:

Wer Juden in Deutschland angreift, setzt sich bewusst und aktiv in die unmittelbare Tradition des Naziregimes. Wer die Existenz Israels auch nur indirekt oder implizit zur Disposition stellt, der tut dasselbe, nur hinter der Hülle der politische Scheinheiligkeit.

Wer Juden den Tod wünscht, weil sie Juden sind, ist ein Judenhasser. Ob Nazi in Halle oder Kunstmäzen in Aachen.

Was kann der einzelne tun? Der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp hat entschieden, dass sich seine Stadt von der Verleihung des Aachener Kunstpreises an einen Künstler zurückzieht, der offenkundig nicht in der Lage ist, sich eindeutig von der antijüdischen Bewegung BDS zu distanzieren. Diese Bewegung ruft dazu auf, jüdische Künstler, Wissenschaftler, Sportler und Wirtschaftsvertreter zu boykottieren und damit zu isolieren. Das hat Philipp viel Kritik eingebracht, aber er hat ein klares Zeichen gesetzt.

Was das mit dem rechtsextremistischen Terrorakt in Halle zu tun hat? Vordergründig nichts. Aber die gestrigen Appelle von allen Seiten lauten, den Antisemitismus von Anfang an und an jedem Ort und egal, von wem er ausgeht, zu bekämpfen.

In Deutschland darf es nie wieder den Hauch eines Zweifels geben, dass wir immer an der Seite der Juden und der Seite Israels stehen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul.

Halle aber muss ein Wendepunkt sein, der entschiedenes Handeln und ein klares Bekenntnis fordert. Ansonsten haben wir unsere zweite Chance tatsächlich verspielt.

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Nathan Warszawski
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Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.