Der kleine Prinz wird erwachsen – Siebzig Jahre nach dem Tod Exupérys erscheint die Weitererzählung des Weltbestellers “Der kleine Prinz” / Random House veröffentlicht Fortsetzungbuch “Der große Prinz” / Eine Rezension

“Man sieht nur mit dem Herzen gut” – das war die Zentralbotschaft des Kleinen Prinzen. Millionen von Lesern haben sich davon bezaubern lassen, seit Jahrzehnten, rund um den Erdball. Nun stellt ein neues Prinzenbuch die Frage, ob man nicht auch mit dem Verstand gut sehen könne. Siebzig Jahre nach dem Tod Antoine de Saint-Exupérys erscheint die Weitererzählung des Weltbestsellers “Der kleinen Prinz”. Die Gütersloher Verlagsanstalt (Random House) veröffentlicht das Werk des Autors Emile Vigneron unter dem Titel “Der große Prinz”. Das Fortsetzungsbuch geht der Frage nach: Was passiert, wenn der kleine Prinz doch nicht gestorben ist und erwachsen wird? Poetisch denkt Emile Vigneron die Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry weiter. Der große Prinz ist Schäfer geworden (in seiner gemalten Kiste waren nämlich zwei Schafe, die sich vermehrten) und zieht mit seiner Schafherde um die Welt. Dabei erlebt er allerlei Abenteuer, die ihn schließlich in den New Yorker Central Park führt.
Genau wie als kleiner so begegnet auch der große Prinz schrägen Vertretern einer typischen Welt, die seinen Sinn für die eigentlichen Dinge des Lebens schärfen. Während der kleine Prinz mächtige und geldgierige Kameraden der kalten Rationalität erlebt und erleidet, so trifft der große Prinz auf die Protagnisten der übertriebenen Emotion. Vom Vielfraß Lukullus in einer Waldlichtung über den Rasen der Liebenden bis zum Wiese der Weltverbesserer. Es wird klar, dass auch die Welt der Emotionen ihre Untiefen hat. Ein blindes Leben im Gefühl erscheint plötzlich genauso falsch wie das in der reinen Vernunft. Der große Prinz ist also ein weltanschauliches und erzählerisches Spiegelbild des kleinen. Es ist wie die andere Hälfte der Wahrheit, die sich beim Lesen auftut.
Auch beim großen Prinzen kann man schmunzeln und mitfühlen und sich sorgen. Der Tonfall ist ähnlich liebevoll-naiv-märchenhaft. Und man wird Freund des Helden, der so gar kein Held sein will. Das Buch ist eine “zärtliche Verteidigung der Vernunft”, so der Verlag. Tatsächlich verteidigt der französische Autor die Vernunft als eine unterschätzte Kategorie, aber er verteidigt sie doch mit den beiden Mitteln, der emotional-literarischen und der erkenntnishaft-pädagogischen.
Natürlich werden die wahren Freunde des kleinen Prinzen eine Weitererzählung ebenso skeptisch lesen wie ein Weiterdenken der Zentralbotschaft. Für sie kann und darf der Prinz gar nicht groß werden. Aber da manche Leser inzwischen selber groß geworden sind, können sie es ja doch einmal wagen, ihre Gedanken und Einstellungen mitwachsen zu lassen. Schon die kleinprinzenhafte Neugier sollte einen reizen, die Reise mit dem Erwachsenen anzutreten. Zumals die wunderbaren Illustrationen des deutschen Zeichners, Peter Menne, das Vergnügen an diesem Büchlein noch vergrößern.

Bibliographische Daten:
Emile Vigneron
Der große Prinz
Wenn der kleine Prinz erwachsen wird
Halbleinen. 96 Seiten
€ 14,99 [D] / € 15,50 [A] / CHF 21,90* (*empf. VK)
ISBN 978-3-579-07079-7

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